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Am Ende sind viele Familien nach 15 Monaten Corona-Pandemie. Die Folgen werden lange nachwirken, sind Experten überzeugt.

Erziehungsberatungsstelle sieht teils verheerende Lockdown-Folgen für Familien

„Nähe ist für viele Kinder nicht mehr normal“

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Experten in der Kinder- und Jugendarbeit haben immer wieder vor den verheerenden Folgen des Lockdowns für Familien gewarnt. Doch die Politik hörte bei Schulschließungen, Sportverboten und Ausgangssperren vor allem auf Virologen. Die Folgen sehen die Sozialpädagogen in der Erziehungsberatungsstelle.

Erding – Deren Leiterin Sabine Wolf zeichnete im Jugendhilfeausschuss des Kreistags ein düsteres Bild von der Lage in vielen Familien. Sie ist überzeugt: „Es wird Jahre dauern, das aufzuarbeiten.“

Es habe zwar einige Familien gegeben, die der Lockdown geerdet und wieder stärker zusammengebracht habe. Vor allem die zweite und dritte Welle mit fünf Monate lang geschlossenen Schulen und Kitas im Notbetrieb habe aber enorme soziale Schäden angerichtet. „Soziale und psychische Ängste haben stark zugenommen, ebenso die Zahl der Schulverweigerer“, erklärte Wolf einem sichtlich geschockten Gremium. Die Erst- und Zweitklässler, so Wolf weiter, hätten noch gar keinen regulären Schulalltag über einen längeren Zeitraum kennengelernt. „Für sie ist es auch jetzt noch nicht normal, jeden Tag in die Schule zu gehen.“ Vieles werde es jetzt sichtbar. „Das wird uns noch über Jahre beschäftigten“, ist sie überzeugt.

Das Verbot, Oma und Opa zu besuchen, das Wissen, sie durch einen einfachen Kontakt in Lebensgefahr bringen zu können, habe schwere Auswirkungen auf die Psyche der Kleinsten. „Nähe, also Umarmungen und Zärtlichkeiten, ist für viele Kinder nicht positiv besetzt und damit nicht mehr normal“, diagnostizierte Wolf.

750 Beratungsfälle seien es 2020 gewesen. „Das ist nach dem Rekord von 802 Fällen 2019 der dritthöchste Wert in den 68 Jahren unseres Bestehens“, bilanzierte die Leiterin. Dabei sei das öffentliche Leben über Monate lahmgelegt gewesen. Soll heißen: Der Beratungsbedarf könnte noch höher (gewesen) sein. Mittlerweile seien viele Überstunden aufgelaufen, und es gebe auch Wartezeiten. „Auch wenn wir keine Akuthilfe sind, wollen wir Familien nicht zu lange warten lassen, und das schaffen wir bislang auch.“

Weiter berichtete Wolf, dass man schnell erst auf telefonische Beratung und dann auf Videokonferenzen umgestiegen sei – mit Erfolg. Einigen Eltern habe es dieses Format leichter gemacht, „auch wenn wir an sich auf den persönlichen Kontakt setzen“, so die Leiterin. Den Familien macht sie ein Kompliment: „Sie machen das toll, sie geben Ihr Bestes“, sagte sie unter Applaus.

Eine alarmierende Lage gab auch Martin Hagner, Gesamtleiter des Josefsheims in Wartenberg, ab. Er sagte, es sei ein großes Problem während des Lockdowns gewesen, dass man in viele Familien nicht mehr reinschauen konnte. „Immer nach Lockerungen steigen die Anfragen wegen Inobhutnahmen stark an. Jetzt auch wieder“, berichtete er aus Erfahrung. „Da muss man teils binnen weniger Stunden handeln, um Kinder zumindest zeitweise aus den Familien zu holen“, so Hagner. Seine Einrichtung mit mehreren betreuten Wohngruppen für Kinder ab sechs Jahren bis hin zu jungen Erwachsenen verfüge über zwei Plätze, um im Akutfall reagieren zu können.

Ulla Dieckmann (SPD) betonte den Wert von Gruppenarbeit und fragte, wann diese wieder beginne. „Nächste Woche“, antwortete Wolf, und meinte damit unter anderem Mutter-Kind-Gruppen.

Vize-Landrat Franz Hofstetter (CSU), der die Sitzung leitete, wies auf die noch jungen Familienstützpunkte hin, die ebenfalls wertvolle Arbeit leisteten. Und Sabine Trettenbacher, neue Gleichstellungsbeauftragte in der Kreisverwaltung, kündigte an, den Runden Tisch Häusliche Gewalt heuer wiederbeleben zu wollen.

In jedem dritten Fall wurde die Erziehungsberatungsstelle wegen Belastung junger Menschen durch familiäre Konflikte angerufen. In jeder fünften Beratung ging es um seelische Probleme von Kindern und Jugendlichen. Je zehn Prozent entfielen auf schulische und/oder berufliche Probleme beziehungsweise sozial auffälliges Verhalten. Die Hälfte der Familie war von Trennung oder Scheidung betroffen.

ham

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