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Zeitgeschichte: Zwangsarbeiter Amédée Blanchard besucht Marianne Rötzer in Siglfing.

Online-Archiv mit über 700 Seiten NSDAP-Frontzeitung – Balanceakt Volkstrauertag

Zwischen „Abschaum“ und „Heldengedenken“

  • Hans Moritz
    VonHans Moritz
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Der Erdinger Historiker Giulio Salvati und sein Team haben ein weiteres Kapitel Aufarbeitung der Erdinger Nazi-Geschichte abgeschlossen.

Erding - Sie haben ein Online-Archiv erstellt, in dem man nachlesen kann, wie bis 1945 die Opfer der Kriege, vor allem die des Zweiten Weltkriegs, „instrumentalisiert worden sind“, so Salvati.

Über 700 Seiten der NSDAP-Frontzeitung haben die Forscher digitalisiert. Dutzende Ortsgruppen schildern darin die großen sowie kleinen Ereignisse im Landkreis zwischen 1940 und 1944. In dem Online-Archiv spielen zudem Dokumente bislang unsichtbar gebliebener Opfer ebenso eine Rolle wie die zahlreichen Nachkriegsbesuche vormaliger „Feinde“, berichtet Salvati. Ab 1980 kehrten vermehrt französische Kriegsgefangene als Touristen zurück, unter anderem nach Siglfing und Niederding.

Der Zeitpunkt der Veröffentlichung zum Volkstrauertag – seine Geschichte geht bis in die Weimarer Republik zurück – ist nicht zufällig gewählt. „Damals wie heute stellt ein solches Gedenken einen delikaten Balanceakt dar“, so der Deutsch-Italiener. „Einerseits herrschte der Wunsch vor, der Trauer der Angehörigen Raum und Sichtbarkeit zu geben. Zugleich sollte für die Trauerarbeit ein offizieller Rahmen in der Gesellschaft geschaffen sowie zukünftige Kriegsverherrlichung ausgeschlossen werden.“

Salvati erinnert daran, dass man im Zweiten Weltkrieg solche Bedenken nicht gekannt habe. Der NS-Staat erklärte die Toten entweder zu Abschaum, nämlich KZ-Häftlinge und Ostarbeiter, oder zu Helden, wenn sie aus den eigenen Reihen kamen. Bekanntlich gab es Pläne für ein riesiges Ehrenmal im Stadtpark, das nie errichtet wurde. Dau hieß es damals aus dem Rathaus: „Im Ehrenhain soll er (der eigene Gefallene) seinen Platz finden, dort soll sein Name ewig leben, dort soll sein Geist uns Kraft spenden, damit wir das vollbringen, für was er gekämpft hat und gestorben ist.“ Salvati meint, die nachträgliche Versöhnung von Erdingern und (früheren) Zwangsarbeitern könne ebenfalls Bestandteil des Volkstrauertags sein. In diesem Zusammenhang dankt er Marianne Rötzer und Marlene Schleibinger, „die die Geschichten dieser ungewöhnlichen Besuche für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben“.

Das Online-Archiv ist unter www.erding-geschichte.de abrufbar.

ham

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