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Corona trifft die Ärmsten am härtesten

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Von: Hans Moritz

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Mit deutlich mehr Hartz-IV-Neukunden sah das Erdinger Jobcenter Aruso in der Pandemie. © Jan Woitas/dpa

Oft ist davon die Rede, dass die Wirtschaft im Landkreis Erding dank Staatshilfen relativ glimpflich durch die Corona-Krise kommt. Auch die Arbeitslosenzahl hat sich wieder gefangen. Dennoch haben die Lockdowns das soziale Gefälle in der Region verschärft. 

Erding - Vor allem Geringverdiener haben ihre Jobs verloren und bis heute keine neuen gefunden. Hinzu kommt eine stattliche Zahl an Solo-Selbstständigen, denen in der Pandemie die Existenzgrundlage weggebrochen ist. Nicht wenige sind in Hartz IV abgerutscht. Das belegt die Bilanz des Jobcenters Aruso für die Zeit seit Pandemiebeginn vor bald zwei Jahren.

„Seit Mitte März 2020 ist die Anzahl an Bedarfsgemeinschaften bedingt durch die Corona-Pandemie stark angestiegen“, heißt es in der in der Jahrespressekonferenz des Landrates vorgelegten Bilanz. Im Sommer habe sich diese Dynamik verlangsamt, bis Ende 2020 seien die Zahlen wieder gesunken.

Doch dann kamen die Wellen zwei und drei, wieder verloren viele Menschen ihre Arbeit. Das Erdinger Land, so das Jobcenter, sei durch den Zusammenbruch des Flugverkehrs am Wirtschaftsmotor Moos-Airport besonders hart getroffen worden. Mit fast 2000 Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaft sei im März 2021 ein neuer Rekord-Höchststand erreicht worden. Zuletzt waren es noch knapp 1800 Personen in fast 1400 Bedarfsgemeinschaften. Immerhin: Aruso-Geschäftsführerin Monja Rohwer hat festgestellt, „dass wir uns mittlerweile wieder auf das Niveau von vor der Pandemie zubewegen“.

Am schärfsten getroffen habe die schwerste Wirtschaftskrise seit dem 2. Weltkrieg die Solo-Selbstständigen, Bezieher von Kurzarbeitergeld sowie arbeitslos gewordene Menschen ohne Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung. Lag die Zahl der Selbstständigen-Bedarfsgemeinschaften im Februar 2020 noch bei 35, stiegt sie zuletzt auf 155 – ein Plus von 345 (!) Prozent. „Uns hat es überdurchschnittlich hart betroffen“, resümiert Rohwer.

In der monatlichen Arbeitslosenstatistik tauchen diese Fälle gar nicht auf, weswegen Kritiker schon lange von einer geschönten Bilanz sprechen. Die Arbeitslosenquote im Sozialgesetzbuch (SGB) II stieg im Sommer 2021 auf 0,8, aktuell liegt sie laut Aruso bei 0,6 Prozent, was in etwa dem Vor-Corona-Niveau entspricht.

„Das macht deutlich, dass sich der Arbeitsmarkt wieder erholt hat. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage in einigen Branchen konnten doch zahlreiche Leistungsbezieher eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufnehmen“, heißt es im Jahresbericht. Rohwer geht davon aus, dass die Integrationsquote 2021 bei voraussichtlich 28 Prozent liegen werde. Das entspreche 528 neuen sozialversicherungspflichtigen Anstellungen.

Befeuert worden sei die Hartz-IV-Krise im Frühjahr 2021 durch Menschen, die im Frühjahr 2020 entlassen worden waren und keinen neuen Job gefunden hatten. In der Folge rutschten sie in die Langzeitarbeitslosigkeit ab und wurden zu Hartz-IV-Beziehern.

Aber auch eine andere Entwicklung bescherte dem Jobcenter neue „Kunden“. Denn im Rahmen der Sozialschutz-Pakete der Bundesregierung wurde der Zugang zu SGB-II-Leistungen ab 1. März 2020 erleichtert, eine Regelung, die bis vorerst 31. März 2022 gilt. So wurde die Vermögensprüfung für die Dauer von sechs Monaten ausgesetzt. Das heißt: Das erste Haushaltsmitglied darf ein Vermögen von maximal 60 000 Euro behalten, für jedes weitere gilt eine Obergrenze von 30 000 Euro. Damit wollte die Bundesregierung verhindern, dass Betroffene der Pandemie sofort ihre Rücklagen aufzehren müssen. Und: Sechs Monate lang werden die tatsächlichen Aufwendungen für Miete und Heizung anerkannt – unabhängig von der Höhe. Das ist gerade in hochpreisigen Regionen wie Erding wichtig, damit die Menschen nicht gleich aus ihrer – zu teuren – Wohnung ausziehen müssen.

Doch nicht nur die schieren Zahlen haben Aruso vor große Herausforderungen gestellt. Mit 4,05 Millionen Euro Budget stand dem Jobcenter nach Angaben von Landratsamtssprecherin Nicole Tietze knapp 110 000 Euro weniger zur Verfügung als 2020. Hinzu kam, dass die Lockdowns Bemühungen, Hartz-IV-Bezieher wieder in Lohn und Brot zu bringen, erheblich erschwert worden seien, heißt es im Bericht.

Seit September können Bürger wieder persönlich im Jobcenter in Altenerding beraten werden. Das Servicecenter ist unter Tel. (0 81 22) 95 90 70 erreichbar. Geöffnet ist von Montag bis Mittwoch von 8 bis 16 Uhr, donnerstags von 8 bis 17 Uhr und an Freitagen von 8 bis 13 Uhr.

Keine Aussage wagt Rohwer über die Auswirkungen durch die neue Bundesregierung. Sie will bekanntlich Hartz IV reformieren und strebt ein Bürgergeld an.

ham

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