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Solche Rigolen sollen viel Wasser bereits oberhalb der Stadt abfangen und gedrosselt ableiten.

Bürgerinitiative Naturnaher Hochwasserschutz stellt im Stadtrat ihre Pläne für die Gräben vor

Wenn die Bäche rückwärts fließen

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Wie können die Erdinger Gräben umgestaltet werden, damit die Stadt vor Hochwasser geschützt ist? Eine Bürgerinitiative will einen anderen Weg gehen als die Planungsbüros. Sie verweisen auf den ökologischen Gewinn. Jetzt stellte sie ihre Ideen im Stadtrat vor.

Erding – Nach längerem Regen ist Erding gleich von zwei Seiten von Hochwasser bedroht – durch die Sempt sowie die im Süden auf die Stadt zulaufenden Gräben. Für sie ist die Stadt selbst zuständig. Nach der Flut vom Juni 2013 hat Erding für die Gräben ein Schutzkonzept in Auftrag gegeben. Das sieht bei Bergham, Aufhausen und Altenerding bis zu 4,50 Meter hohe und mehrere hundert Meter lange Dämme vor.

Widerstand gegen Dämme

Dagegen formiert sich Widerstand, gebündelt in der Bürgerinitiative Naturnaher Hochwasserschutz. Dessen naturnahes und ökologisches Konzept stellte Sprecher Markus Auerweck am Dienstag im Stadtrat vor. An der Sitzung nahmen auch Vertreter des für den Sempt-Ausbau zuständigen Wasserwirtschaftsamtes München und des Landratsamtes teil.

Nach dem Vortrag Auerwecks kündigte Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) Ortstermine und Runde Tische an und sicherte zu, die Vorschläge der BI dem Planungsbüro im Auftrag der Stadt zur Prüfung vorzulegen. Auch wenn beide Seiten Kooperation versprachen, ganz störungsfrei ist das Verhältnis nicht. Das liegt an einer Petition der BI an den Landtag.

In die Gräben soll Leben zurückkehren

Kern des BI-Konzepts, an dem Wasserbau-Ingenieure mitgewirkt haben, ist nicht nur die Hochwassersicherung, sondern auch eine ökologische Aufwertung des Grabensystems. Die Gräben sollen künftig ganzjährig Wasser führen. „Dann kehrt Leben in die meiste Zeit toten Bachläufe zurück, und es können sich wertvolle Biotope bilden“, warb Auerweck.

Für den Wiesengraben oberhalb Berghams, für den die Stadt einen Damm mit 17 000 Kubikmeter Stauraum vorsieht, schlägt die BI laut Auerweck zwei große Erdmulden in den Hängen westlich der Ortschaft vor. Hier kann sich das Wasser sammeln und gedrosselt in den – entschlammten – Dorfweiher in Bergham abfließen. Zudem soll ein so genanntes negatives Gefälle im Graben geschaffen werden, ein treppenartiges Bachbett, das die Fließgeschwindigkeit reduziert und dafür sorgt, dass das Wasser stehen bleibt. „Der Graben würde dann das ganze Jahr Wasser führen“, so Auerweck. Am Ufer sollten Sträucher gepflanzt werden – als Wasserbremse und Grundlage für Biotope.

Wasserspeicher in den Feldern

Ein weiteres Kernelement sind große Rigolen, als Wasserspeicher in die Wiesen und Äcker eingegraben. Sie sind laut BI-Sprecher so beschaffen, dass die Landwirtschaft nicht beeinträchtigt wird – ebenso wenig wie durch die Erdmulden, die bewirtschaftbar blieben.

Für den Aufhauser Graben plant die Stadt bekanntlich ebenfalls einen Damm – relativ nahe an der Bebauung und mit 20 000 Kubikmeter Fassungsvermögen. Für ihn schlägt die BI drei Erdmulden, Rigolen und ein negatives Gefälle vor. Die Gräben müssten allerdings ausgebaggert werden.

Zweites Pumpwerk an der Therme

Beim Itzlinger Graben stößt sich die Initiative an einem wuchtigen Rückhaltebecken südlich der Therme, das gleich 70 000 Kubikmeter Wasser fassen soll. Auch hier setzt die BI auf Mulden. Eine sei südlich von Itzling sogar schon vorhanden. Ein zweite könnte neben der B 388 angelegt werden, inklusive einem zweiten Pumpwerk. „So könnte mehr Wasser schnell in den Schlotgraben geleitet werden. Zudem würde es eine höhere Ausfallsicherheit als nur ein Pumpwerk bieten“, meinte Auerweck. Im Parkfriedhof Altenerding sieht die BI Platz für eine zweite Flutmulde als Puffer. „Der Itzlinger Graben wäre dann nicht mehr nur ein Entwässerungsgraben, sondern könnte durch das negative Gefälle sogar zu einem Bewässerungsgraben für die Felder im Südwesten Altenerdings werden“, so Auerweck.

Kritik am B388-Damm in Altenerding

Beim Neuhauser Graben stört sich die BI an dem massiven Damm entlang der B 388 mit 20 000 Kubikmeter Volumen. Auerweck verwies auf eine Flutmulde an der Hangkante im Bereich Fuchsberg. Dort sei der Graben aus unerfindlichen Gründen unterbrochen. Der Lückenschluss müsse wieder hergestellt werden. Überschießendes Wasser könnte in Rohren entlang der Bundesstraße aufgefangen werden.

Auerweck betonte, die BI arbeite nicht gegen die Stadt. „Aber die Dämme wollen wir nicht.“ Er hoffe auf ein „gutes, gemeinsames Ergebnis“. Man könnte den Planauftrag der Stadt „vielleicht in Richtung naturnäherer Ausbau ändern“.

OB Gotz verspricht Runden Tisch und Ortstermine

Gotz sprach sich ebenfalls für eine Zusammenarbeit aus und kündigte einen Runden Tisch sowie Ortsbegehungen an. Allerdings wurde deutlich, dass ihm die – mittlerweile abgelehnte – Petition der BI an den Landtag noch im Magen liegt – nicht zuletzt wegen ihres beschwerdeartigen Charakters. Der OB zitierte aus der Antwort von Umweltminister Thorsten Glauber (FW), der der Stadt bescheinigt habe, ein schlüssiges Konzept vorgelegt und die Bürger vorbildlich mit eingebunden zu haben.

Hans Egger: „Sehr interessantes Modell

Der neue Hochwasserreferent Alois Flötzinger (CSU) zog in Zweifel, ob die Mulden ausreichend dimensioniert seien. Die bejahte Auerweck. Die Rigolen könnten selbst in nicht versickerbare Böden eingebaut werden. Hans Egger (Erding Jetzt) sprach von einem „sehr interessanten Modell“. Vom Planungsbüro der Stadt forderte er, seine Berechnungen offen zu legen. „Bei den kalkulierten Wassermengen habe ich meine Zweifel.“

Stephan Treffler (ÖDP) lobte die Einbindung der BI. Es müsse sichergestellt sein, dass der Berghamer Weiher „nicht zu einem neuralgischen Punkt wird“. Hans Fehlberger (FW) hieß den Runden Tisch gut, mahnte aber die Beteiligung der Fraktionen an. Erst danach dürfe weitergeplant werden. Er wollte wissen, ob die BI die Eigentümer eingebunden habe. Auerweck erklärte, viele Flächen gehörten der Stadt. Die betroffenen Privatbesitzer hätten bereits Einverständnis signalisiert. „Die Pflege der Gräben wird dann aufwendiger. Aber darum kümmert sich der Wasser- und Bodenverband. Da ist die Stadt fein raus.“ Burkhard Köppen (CSU) fragte, ob die Berechnungen auf einem 100-jährlichen Hochwasser plus 15 Prozent Klimaaufschlag beruhten. Auch das bejahte der BI-Sprecher.

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