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Für das Industriegebiet ist der Boden schon bereitet. Das Bild oben zeigt die abgetragene und archäologisch untersuchte Fläche, dahinter sind die Gewerbegebiete Erding-West und Erding-Nord sowie Siglfing und der Kronthaler Weiher zu sehen. Der Bebauungsplan sieht einen Hallenkomplex, Flächen für Gewerbe und einen neuen Recyclinghof vor.

Morgen fällt die Entscheidung für das umstrittene Industriegebiet an der Dachauer Straße

Tauziehen um die „Wundertüte“

  • Hans Moritz
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Am morgigen Dienstag fällt im Stadtrat eine höchst umstrittene Entscheidung. Die zentrale Frage: Wie viel Gewerbe braucht die Stadt?

VON HANS MORITZ

Erding – Die Zahl 225 ist in Erding der Code für maximalen politischen Streit. Es ist die Kennziffer für den Bebauungsplan, der südlich des Gewerbegebiets Erding-West entlang der Sigwolf- und der Dachauer Straße ein Industriegebiet unter anderem mit großen Logistikhallen vorsieht. Die Befürworter werten ihn als Garant für Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Erweiterungsmöglichkeiten für expansionswillige Erdinger Unternehmer. Die Gegner sehen ein hässliches Produktionsagglomerat, das wertvollen Ackerboden frisst.

Sitzung beginnt am Dienstag um 17.45 Uhr

Am morgigen Dienstag soll im Planungs- und Bauausschuss der so genannte Billigungsbeschluss für den Bebauungsplan 225 gefasst werden. Der Ausgang der Entscheidung ist wegen des neuen Kräfteverhältnisses im Stadtrat völlig offen. Der Diskussionsbedarf ist enorm.

Bemerkenswert an den Einwänden, die bereits im Juli vergangenen Jahres erhoben worden sind, ist, dass die schärfsten Kritiker aus Reihen der Bürgerschaft kommen. Aber auch Naturschutzverbände, Bauern und die Nachbargemeinde Oberding melden starke Bedenken an.

Platz schaffen soll das Industriegebiet für Produktionsstätten und leichte Industrie sowie Logistik, sofern es weder ausschließlich Güterumschlag noch -lagerung ist. Auch innenstadtrelevante Sortimente, Wohnungen sowie kirchliche, kulturelle und soziale Gebäude oder Vergnügungsstätten sind tabu. Erlaubt sind Bündelungen von maximal drei Einzelhandelsbetrieben mit höchstens 1200 Quadratmetern Verkaufsfläche sowie Werksverkauf.

Neues Areal soll 2400 Fahrzeuge pro Tag generieren

Gegner fürchten vor allem noch mehr Verkehr. Das Planungsbüro Obermeyer hat ausgerechnet, dass das Industriegebiet eine Belastung von 2400 Fahrzeugen pro Tag generieren werde. Das wäre ein – zusätzliches – Fünftel des im restlichen, gewerblich geprägten Westen der Stadt aufkommenden Verkehrs mit knapp 13 000 Fahrzeugen in 24 Stunden. Die Kreisverkehre sowie die Ampel-Kreuzung Sigwolf-/Dachauer Straße werden als hinreichend leistungsfähig erachtet, nicht aber die Anschlussstellen der Flughafentangente sowie die Kaufland-Einmündung. Dort wurde mit dem Bau eines Kreisverkehrs inzwischen begonnen. Im Industriegebiet ist ein Parkhaus geplant. Für die Stadt ist das Vorhaben auch deshalb wichtig, weil hier endlich ein – 5000 Quadratmeter großer – Recyclinghof errichtet werden könnte, als Ersatz für den völlig beengten am Rennweg.

Bürger: Dieser Plan ist eine „Wundertüte“

Ein Bürger moniert, dass die Nutzungsbeschreibung derart schwammig sei, dass der Bplan eine „Wundertüte“ sei, von der man überrascht werden dürfte, „was hier alles entsteht“. Er befürchtet eine „geringe Attraktivität“ direkt am Ortseingang. Zudem prophezeit er, dass entgegen der Planung doch vornehmlich Logistiker mit Warenumschlag und Lagerung kommen. Das würde vor allem Verkehr generieren.

Auch den Recyclinghof zieht der Einwender in Zweifel. Er sei zwar notwendig, aus städtebaulicher und verkehrstechnischer Sicht aber nicht an dieser Stelle. Weiter kritisiert er die zu erwartende Wuchtigkeit der Bebauung mit Gebäudehöhen von bis zu 20 Metern. Er mutmaßt, dass die Stadt hier vorrangig den Wünschen eines Investors nachkomme. Auch die Lärmschutzwände mit bis zu 6,60 Metern Höhe störten das Stadtbild.

Ist die Verkehrszählung zu alt?

Ein weiterer Kritikpunkt: Die Verkehrszählung sei bereits zwei Jahre alt und damit überholt. Schon heute sei der Bereich völlig überlastet. Sein Fazit: Es drohe ein „großflächiges, gesichtsloses und billig ausgeführtes Gewerbegebiet“. Die Planungen sollten nicht weiter verfolgt werden.

Ein zweiter privater Einwender verlangt eine Tiefgarage statt ebenerdiger Parkplätze beziehungsweise eines Parkhauses. Die überholte Verkehrsprognose kritisiert ein Dritter. Durch die Versiegelung von Ackerland gehe wichtiger Lebensraum für Feldvögel verloren.

Nachbargemeinde Oberding meldet schwere Bedenken an

Schwere Bedenken meldet auch die Verwaltungsgemeinschaft Oberding an. Sie befürchtet ebenfalls eine starke Verkehrszunahme und die Überlastung des Straßennetzes. Vor einem drei- beziehungsweise vierstreifigen Ausbau der FTO könne man nicht zustimmen. Weil in Erding schon nahezu Vollbeschäftigung herrsche, rechnen die Oberdinger mit mehr Pendlerverkehr und Siedlungsdruck – auch auf die eigene Gemeinde.

Bauernverband kritisiert Flächenverbrauch - IHK lobt Ausweisung

Der Bauernverband kritisiert den massiven Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen und verweist auf Lärm und Schmutz durch die benachbarte Nutzung durch Landwirte – teils auch am Wochenende und nachts.

Dazu stellt die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt fest, dass der Eingriff in die Natur „zwar erheblich“ sei. Allerdings werde der Leitfaden „Bauen im Einklang mit Natur und Landschaft“ eingehalten. Zudem würden die Eingriffe ausgeglichen – auf dem Gelände selbst und auf Ersatzflächen bei Bockhorn. Grundsätzlich sei mit einer höheren Anzahl an Brutvögeln zu rechnen. Die Behörde erklärt aber auch, dass die gesamte Umgebung bereits intensiv für Wohnen und Gewerbe genutzt werde und aus naturschutzfachlicher Sicht „strukturarm“ sei. Positiv bewertet werden der Grünzug um das Areal und die Fußwege. Zu einem anderen Schluss kommt der Bund Naturschutz, der dagegen ist, Lebensraum für Vögel zu versiegeln.

Die Industrie- und Handelskammer „begrüßt es ausdrücklich, dass eine Bandbreite an gewerblichen Nutzungen ermöglicht wird“. Die Regierung von Oberbayern stellt fest, dass das Areal der Landes- und Regionalplanung entspreche. Der Handelsverband Bayern fordert die Festlegung, dass innenstädtische Sortimente tabu sind.

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