Die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brennglas

Kommentar zur Pflege: Tödliches Gewinnstreben

  • Hans Moritz
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In der Corona-Pandemie reden wir über Inzidenzen, Reproduktionszahlen, Lockdown und Wellen. Besser wäre, nachhaltig die Pflege zu verbessern. Das Personal arbeitet schon länger am Anschlag. Langfristig kann das fatale Folgen haben, kommentiert Redaktionsleiter Hans Moritz.

In den sozialen Netzwerken kursiert ein neuer Hashtag – #nichtselbstverständlich. Mit ihm werden Interneteinträge versehen, die sich mit der Pflege in Kliniken und Heimen beschäftigen, oder besser gesagt mit dem weitverbreiteten Notstand. Er stellt etwas infrage, das für uns eben selbstverständlich ist, nämlich dass sich nicht nur Ärzte um Kranke kümmern, sondern auch Pfleger.

Nach über einem Jahr Corona ist es überfällig, noch einmal genauer hinzusehen. Wenn wir über Corona reden, diskutieren wir über Inzidenzwerte, die Reproduktionszahl, das Maß, in dem unsere Freiheit beschnitten wird, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Und wir alle verfolgen mit Erleichterung, dass (im Moment) die Belastung im Klinikum zurückgeht. Trotz dritter Welle sind dort deutlich weniger Covid-19-Patienten, tagelang stand die Isolier-Intensivstation leer. Für viele ein Signal: Hey, sind nicht doch ein paar mehr Freiheiten drin?

Besser wäre, sich für die zu freuen, die seit über einem Jahr am Anschlag arbeiten – und darüber hinaus –, nämlich das Pflegepersonal, das noch dazu in der Angst leben musste, sich selbst anzustecken. Doch Freude allein hilft der Pflege genauso wenig wie der Applaus vor einem Jahr.

Damit aus „gut gemeint“ auch „gut gemacht“ wird, muss sich mehr ändern. Diese Pandemie ist eine der wenigen Chancen, substanziell etwas zu ändern: Pfleger müssen nicht nur besser bezahlt werden. Auch die Personalschlüssel müssen nach oben gesetzt und mehr Arbeitsschutz festgeschrieben werden. Ein einmaliger Pflegebonus ist nett, mehr aber nicht.

Ja, das wird das Gesundheitssystem noch teurer machen. Aber ohne eine gute Pflege bringen neue Stationen und neue Leistungen auch am Klinikum Erding nichts.

Es ist noch nicht lange her, da wollte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn viele kleine Kliniken am liebsten schließen. Wäre das schon passiert, wäre Corona noch tödlicher verlaufen.

Zu Recht beklagen wir, wie heftig der Staat seit einem Jahr in unser aller Grundrechte eingreift. Im Gesundheitswesen kann er gar nicht stark genug regulieren, verstaatlichen oder kommunalisieren. Gewinnstreben macht in diesem Falle krank – wenn es nicht sogar tödlich ist.

ham

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