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Ein Bild der Verwüstung bot sich am 18. April 1945 in Erding. Der Luftangriff hatte nicht nur den Lex-Saal (heute der Gebäudekomplex mit dem Drogeriemarkt Müller) an der Friedrich-Fischer-Straße komplett zerstört, sondern weite Teile der Haager Vorstadt. Unser Bild zeigt den Blick Richtung Haager Straße, rechts das Gasthaus Zur Post. Weiter hinten auf der rechten Seite stand vor dem Luftangriff der Mayr-Wirt. Er wurde, wie alle Gebäude, wieder aufgebaut.

Luftangriff jährt sich zum 75. Mal

18. April 1945: Als Bomben auf Erding fielen

Der irrtümliche Bombenangriff auf Erding jährt sich am Samstag zum 75. Mal. Corona-bedingt ist die jährliche Gedenkfeier heuer digital.

ErdingWenn am Samstag, 18. April, um 15.18 Uhr die Glocken des Erdinger Stadtturms ertönen, handelt es sich nicht um ein verspätetes Sonntagseinläuten. Vielmehr erinnern sie an die Bombardierung der Stadt vor genau 75 Jahren. Am Nachmittag des 18. April 1945 legte eine US-Bomberstaffel einen Teil der Innenstadt in Schutt und Asche. 144 Menschen starben – 126 von ihnen waren sofort tot, weitere 18 erlagen in den folgenden Stunden und Tagen ihren schweren Verletzungen. Ganze Familien wurden ausgelöscht.

Tragisch waren aber nicht nur die vielen Toten und Verletzten in der Herzogstadt: Sie war, wie sich später herausstellte, durch einen fatalen Irrtum der Militärs aus Versehen bombardiert worden. Eigentliches Ziel sollte damals Freising sein.

Digitale Stadtführung aufgrund von Corona-Beschränkungen

Zum Jahrtag des Bombenangriffs gedenkt die Stadt Erding regelmäßig der Opfer – meist am Grünen Markt, wo auf einer Tafel die Namen der bei dem Luftangriff Getöteten verewigt sind. Vor 15 Jahren hatte es eine Lichterkette, einen Gedenkgottesdienst und eine Ansprache des damaligen Bürgermeisters gegeben. Auch heuer war eine öffentliche Veranstaltung auf dem Schrannenplatz geplant, doch die Einschränkungen wegen der Corona-Krise änderten alles.

Am Samstag wird Giulio Salvati, Mitarbeiter des Museums Erding und Dozent an der New York University, zusammen mit Gästeführerin Doris Bauer eine besondere Führung durch die Erdinger Altstadt anbieten – digital. Von 15.10 Uhr an erfolgt die Live-Schaltung auf der Facebook-Seite „Erding Tower Tours“. Dort können Zuschauer nicht nur den Live-Stream verfolgen und erstmals virtuell Geschichte erforschen, sie können sich auch an der Schweigeminute um 15.18 Uhr beteiligen. (Mehr Infos dazu gibt es weiter unten.)

1945: 14 Kampfflugzeuge verwüsteten Erding

Blick vom Erdinger Rathaus auf die Landshuter Straße/Zollnerstraße: Französische Kriegsgefangene halfen bei den Aufräumarbeiten.

Dabei werden sie den Hergang jenes Tages vor 75 Jahren rekonstruieren können: Schon mehrere Male zuvor war an jenem 18. April Bombenalarm in Erding ausgelöst worden, waren die Bürger in die Luftschutzkeller geflohen. „Doch gegen 15 Uhr, an diesem sehr kalten Frühlingstag, war der Himmel über der Stadt blau, Bomberverbände weit oben befanden sich im Abflug“, berichtete ein unbekannter Zeitzeuge. 

Und so verließen viele Menschen schon bei der sogenannten Vorentwarnung aus München wieder die Keller – ein tödlicher Schritt. Denn plötzlich näherten sich 14 Kampfflugzeuge der Stadt, am führenden Bomber war ein Rauchsignal zu erkennen, das bekannte Zeichen zum Angriff.

110 Gebäude völlig oder teilweise zerstört

Der spätere Bürgermeister Hans Schmidmayer – von 1948 bis 1966 im Amt – erinnerte sich so: „Vom Schrannenplatz aus waren sie deutlich über der Heiliggeist-Spitalkirche zu sehen, und kurz darauf erschütterten furchtbare Detonationen die Erde.“ Innerhalb von nur einer Minute tobte das Inferno los, vom ehemaligen Schwimmbad im Stadtpark bis zum Kleinen Platz wurden durch die Bombenlast rund 30 Gebäude völlig, 80 weitere teilweise zerstört. 

In der Bevölkerung brach Panik aus. Viele flüchteten in die nächsten Häuser, einige am Schrannenplatz durch die Fenster ins Frauenkircherl, das damals als Feuerwehrgerätehaus diente. Eine Bombe riss direkt an der Rathausecke, unterhalb des Erkers, einen Krater in den Boden, das Rathaus selbst wurde bei dem Luftangriff ebenfalls schwer beschädigt.

Stadtpfarrkirche wurde schwer beschädigt

Die Spiegelgasse voller Trümmer: In dem 1945 schwer beschädigten Gebäude auf der rechten Straßenseite ist heute noch das Schuhhaus Moosbauer beheimatet.

Wie durch ein Wunder blieben der Bahnhof sowie die damalige Knabenschule –heute Grundschule – am Grünen Markt unversehrt. Dafür stürzten aber die Molkerei an der Haager Straße und die Fischer’s Stiftungsbrauerei ein. Auch die Stadtpfarrkirche St. Johannes trug schwere Schäden davon, erst im Dezember 1945 konnten hier wieder Gottesdienste gefeiert werden. 

Als die Rettungsmannschaften schließlich in die zerstörten Gebäude gehen konnten, fanden sie dort unter den Trümmern 126 Tote, 18 weitere Menschen starben in der Folge an ihren schweren Verletzungen. Zwar war der Fliegerhorst Erding schon 1944 zuvor zwei Mal bombardiert worden, doch dabei gab es bei weitem nicht so viele Opfer wie an jenem 18. April ein Jahr darauf.

144 Tote: Bombardierung Erdings nur ein Irrtum

Besonders tragisch ist in diesem Zusammenhang, dass sich die drei Bomberstaffeln in ihrem Ziel geirrt hatten. Denn sie waren, von England aus kommend, zuerst in Richtung Traunstein geflogen, um dort die Bahnhofsanlagen als strategisch wichtigen Punkt zu zerstören. „Ein erster Abwurf von Bomben erfolgte dort um 14.41 Uhr“, hat Salvati im US-Nationalarchiv in Washington recherchiert.

Am 4. April wollte er ursprünglich im Museum Erding seine Ausstellung „Erding 1945 – wessen Heimat?“ zeigen, zusammen mit Wolfgang Fritz. Der Oberdinger Holzbildhauer hatte den jungen Historiker vor zwei Jahren kontaktiert, als in Notzing Spuren eines einstigen polnischen Zwangsarbeiters gefunden worden waren. Diese Ausstellung soll irgendwann später nachgeholt werden.

20 Tage nach dem Bombenangriff war der Zweite Weltkrieg beendet

Salvati weiter über den Angriffsirrtum: „Weil den Piloten der sogenannten 305. Bombardement Group die Sicht durch zu viel Rauch am Boden genommen war, entschieden sie sich, als neues Ziel den Bahnhof Freising anzusteuern. Sie visierten aber stattdessen irrtümlicherweise die Fischer-Brauerei in Erding an und lösten die Bomben um 15.17 Uhr aus.“ Erst bei der Rückkehr in England wurde ihr Fehler bemerkt, der in Erding für viel Leid gesorgt hatte.

„Besonders hart“, so erinnerte sich ein unbekannter Zeitzeuge, „traf es damals jene Kriegsheimkehrer, die sich nach langen Jahren der Kämpfe, Verwundungen und teilweise Gefangenschaft auf ihre Familien gefreut hatten, die jetzt aber nicht mehr lebten“. Erding hatte ein hartes Schicksal unerwartet getroffen. 20 Tage nach diesem Bombenangriff, am 8. Mai 1945, war der Zweite Weltkrieg beendet.

Virtueller Stadtrundgang zum Opfergedenken und Dokumentarfilm

Die Erforschung der Geschichte Erdings betritt unter Einfluss der Corona-Pandemie erstmals digitales Neuland. Die Angebote zum 75. Jahrtag auf einen Blick:

Am Samstag, 18. April, findet eine virtuelle Führung durch die Innenstadt zum 75. Jahrestag des alliierten Bombenangriffs von 1945 statt. Erstmals werden dabei bislang unveröffentlichte Akten aus US-amerikanischen Archiven präsentiert.

Ab 15.10 Uhr erfolgt eine Live-Schaltung auf der Facebook-Seite „Erding Tower Tours“, zu der alle Zuschauer eingeladen sind, dem Live-Stream zu folgen, um zum Gedenk-Glockengeläut vom Stadtturm um 15.18 Uhreine Schweigeminute abzulegen.

Giulio Salvati und die Erdinger Gästeführerin Doris Bauer übernehmen die Moderation.

Ebenfalls ab Samstag, 18. April, wird auf dem neuen, von Salvati ins Leben gerufene Internetportal www.erding-geschichte.de ein Dokumentarfilm angeboten, der die historischen Hintergründe ausführlich beleuchtet und zusammen mit dem Militärhistoriker Thorsten Blaschke neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und Zeitzeugenberichte vermittelt.

Friedbert Holz

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