Diskussion live im Internet: Bild-Journalist Ralf Schuler und Merkur-Politikchef Christian Deutschländer (v. r.) waren in der VHS zum Thema Populismus und Medien zu Gast. TaEin journalistisches Konzept des Verschweigens funktioniert nicht– weder in Erding noch in Berlin.Christian Deutschländer, Ressortleiter Politik beim Münchner MerkurPlädoyer für Dialog mit den Lesern

Merkur-Politikchef Deutschländer und Bild-Redakteur Schuler diskutieren

Guter Populismus, böser Populismus

„Guter Populismus“, die CSU als populistische Partei und ein Demokratie-Defizit beim Erfolg von Greta Thunbergs Klimaschutz-Mission – zwei erfahrene Politikredakteure diskutierten am Donnerstagabend in der VHS Erding mit durchaus provokanten Thesen über „Populismus und Medien“.

Erding – Etwa 30 Zuhörer waren zu dem Vortrag von Ralf Schuler, Leiter der Parlamentsredaktion von Bild, und Christian Deutschländer, Ressortleiter Politik beim Münchner Merkur, gekommen. Zusätzlich wurde die Veranstaltung ins Internet übertragen.

Dieses Konzept sei neu, berichtete VHS-Geschäftsführer Claus Lüdenbach auf Nachfrage. In Erding sei es die zweite Veranstaltung, die live gestreamt wurde. 30 Volkshochschulen seien angeschlossen. Je nach Preispolitik kann man den Vortrag zu einer Gebühr vergleichbar mit dem Eintrittspreis mitverfolgen. Das taten am Donnerstag 15 Online-Zuschauer.

Hauptredner Schuler ist Autor des Buchs „Lasst uns Populisten sein“ und hat gerade die Kanzlerin zu den Vereinten Nationen nach New York begleitet. Die Rede von Greta Thunberg beim UN-Klimagipfel habe er fast erschreckend gefunden. „Das war ein Ton, der geht gar nicht“, sagte er – begleitet von Andeutungen auf ihre psychische Situation. Hier bekam Schuler später Gegenwind aus dem Publikum. „Das ist keine Politikerin, das ist ein 16-jähriges Mädchen“, rief eine Zuhörerin.

Den Merkur-Redakteur bezeichnete Schuler als „den CSU-Kenner in Deutschland. Die CSU ist ja nicht ganz populismusfrei. Man sieht Söder nur noch Bäume umarmen.“ Das bestätigte Deutschländer. In der CSU gelte nach wie vor das Strauß-Wort, dem Volk aufs Maul zu schauen, ihm aber nicht nach dem Mund zu reden. Dazu erzählte er von einem „Ritual“ von Ministerpräsident Markus Söder in Bierzelten: Am Rednerpult stehe oft ein Glas Wasser, das er vor aller Augen und unter Applaus gegen Bier eintausche, das in der Regel ungetrunken bleibe. „Wer Söder ein bisschen kennt, weiß, dass er sich den ganzen Tag von Cola light ernährt.“

Populismus sei keine Ideologie, sondern eine politische Technik, das „Aufgreifen und Verstärken von Stimmungen. Das führt zum Hantieren mit zu einfachen Antworten“, erklärte Schuler. Heutzutage werde fast nur über rechten Populismus gesprochen. „Man müsste aber auch linken Populismus unter die Lupe nehmen“, sagte er mit Verweis auf so manche aktuelle Verstaatlichungsidee.

Als Beispiel für linken Populismus nannte Deutschländer das Volksbegehren „Rettet die Bienen“. Dessen Erfolg wäre ohne diesen Titel nie so durchschlagend gewesen. Die Initiatoren hätten dieses Thema aber auch nur besetzen können, „weil die CSU den Arten- und Umweltschutz politisch vernachlässigt hatte“. Schuler bezeichnete es als problematisch, dass Gruppen im „vorpolitischen Raum“ oft lauter und erfolgreicher seien als die demokratisch gewählten Parteien. Beispiele seien eben das Volksbegehren und Fridays for Future.

In der Diskussion mit den Zuhörern wurde auch Kritik an den sehr verkürzten und zugespitzten Bild-Schlagzeilen laut. Sogar „Falschmeldungen“, mit denen die Zeitung bewusst Stimmung machen wolle, wurden unterstellt. Dem widersprach der Bild-Redakteur und verteidigte das Konzept der Verkürzung. Eine Zeitung müsse ja ihre Leser erreichen.

Beide Redakteure plädierten für einen Dialog mit ihren Lesern und betonten, dass sie sich der Diskussion auf allen Kanälen stellen, ob per E-Mail, Twitter, Facebook oder Telefon. „Unsere Leserbrief-Seite ist die meistgelesene Seite des Münchner Merkur“, so Deutschländer.

„Wie würde Politik ohne Populismus aussehen?“, fragte ein Zuhörer. „Langweilig – den ganzen Tag Olaf Scholz“, scherzte Deutschländer. Wieder ernst, nannte er die Mütterrente als Beispiel für „guten Populismus“. Die Verkürzung auf dieses Schlagwort habe das Thema für viele Bürger greifbar gemacht. Dahinter stecke eine extrem komplizierte Berechnungsformel, mit der man wiederum in der Öffentlichkeit kaum hätte punkten können.

„Populismus ist eine Fehlermeldung der Demokratie“, sagte Schuler, ein Zeichen, dass die etablierte Politik keine Antwort auf eine Unzufriedenheit in der Bevölkerung gebe. Der Kenner der Berliner Politik diagnostizierte ein „Versagen der medialen und politischen Öffentlichkeit“. Deutschländer stimmte zu: „Populismus entsteht dort, wo Politik pennt.“

„Die Parteien haben entschieden, die AfD durch massives Ausgrenzen zu bekämpfen. In der Regel funktioniert das aber nicht“, so Schuler. Er empfahl der Union, auf gemäßigte AfD-Sympathisanten zuzugehen und so die rechtspopulistische Partei zu spalten. „Ein AfD-Wähler lässt sich ungern zum Nazi erklären. Er fühlt sich nicht so.“ Nun sei es aber umgekehrt: Die AfD spalte die Union.

Angesprochen auf die Rolle der Medien bei der Entstehung von Populismus, räumten die Redakteure Fehler der Branche ein. Eine Konsequenz vieler Medien auf die Debatte um kriminelle Migranten sei nun, dass eher der Migrationshintergrund von Tätern genannt werde. Nur so kämen die Medien aus der „Verdachtsfalle“, sie würden etwas verschweigen, so Schuler. Deutschländer pflichtete bei: „Ein journalistisches Konzept des Verschweigens funktioniert nicht – weder in Erding noch in Berlin.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare