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Der Historiker Giulio Salvati (31) im Erdinger Stadtpark, wo die Nazis ein gigantisches Mahnmal geplant hatten. Zwei Filme hat er dazu produziert.

Historiker Giulio Salvati (31) nimmt Kriegerdenkmäler in Erding kritisch unter die Lupe

Nazis wollten im Stadtpark eine gigantische Gedenkstätte bauen

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Sind Kriegerdenkmäler und das traditionalisierte Gedenken noch zeitgemäß? Diese Frage stellt der Historiker Giulio Salvati in zwei neuen Dokumentarfilmen. Und die enthüllen atemberaubende Pläne, die nie realisiert wurden. 

Erding – Sie gehören zum Stadtbild und werden von Passanten kaum bewusst wahrgenommen: die Kriegerdenkmäler auf dem Kleinen Platz und auf dem Grünen Markt sowie die Erinnerungstafel der Vertriebenenverbände im Friedhof St. Paul. Der Erdinger und New Yorker Historiker Giulio Salvati rückt diese Erinnerungsstätten nun mit zwei Dokumentationen auf Youtube und auf der Internetseite www.erding-geschichte.de wieder ins breite Bewusstsein. Der 31-Jährige nähert sich ihnen kritisch, will, dass sich die Menschen mit ihnen beschäftigen, ohne sie insgesamt in Frage zu stellen.

Transparente Erinnerungskultur

„Ich will einen Appell für eine offene und transparente Erinnerungskultur schaffen“, erklärt Salvati im Gespräch mit unserer Zeitung. Beide Dokumentationen entstanden im Rahmen seiner bald zweijährigen Forschungstätigkeit zum Thema „Erding im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg“.

Im Mittelpunkt stehen Walter Rauscher, seit 2011 Vorstand des Krieger-, Soldaten- und Veteranenvereins, Helmut Bungart von der Sudetendeutschen Landsmannschaft sowie zwei Mitglieder der Vertriebenenverbände.

Amerikaner beerdigen den wahnwitzigen Plan

Besonders sehenswert ist der zweite Beitrag, in dem von einem gigantischen Mahnmal die Rede ist, das 1944 im Stadtpark auf der Wiese neben dem Tiergehege geplant war. Es sollte von einem Wall eingefasst sein und zahlreiche Stelen mit den Namen der Kriegstoten aufweisen. Auch ein Altar, eingerahmt von zwei Hakenkreuz-Fahnen, war vorgesehen. Tausende Ziegel waren in Dorfen schon bestellt. Diese Erinnerungsstätte, deren Pläne Salvati an das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg erinnern, ist nie gebaut worden – die Namen der vielen Kriegsopfer hätten nicht auf die Stelen gepasst. Verhindert haben den Bau letztlich aber die Amerikaner bei Kriegsende.

„Ruhmreich“ - passt diese Inschrift heute noch?

Beide 22 Minuten langen Filme beschäftigen sich mit der Geschichte der Kriegsdenkmäler. Das auf dem Kleinen Platz erinnert an die Toten des Krieges 1870/71. Den Teil der Inschrift „ruhmreich“ stellt der Historiker dabei infrage. Er kann sich hier eine erklärende beziehungsweise einordnende Zusatztafel vorstellen.

1972 fällt Beschluss für zweites Denkmal in der Innenstadt

1972 fiel im Stadtrat die Entscheidung, der Toten der beiden Weltkriege mit einem eigenen, neuen Mahnmal auf dem Grünen Markt zu gedenken. Rauscher berichtet, dass hier bewusst ein christlicher Zugang und kein militärischer gewählt worden sei. Und er betont: „Es geht nicht nur um die deutschen Soldaten, sondern die aller Länder. Denn jeder Fall ist tragisch.“

Allerdings verteidigt Rauscher auch das jährliche Totengedenken, das abwechselnd auf dem Grünen Markt und dem Kleinen Platz stattfindet. Dass dabei eine Ehrenformation mit Gewehren voranschreite, „ist nur der Tradition geschuldet“, betont er und freut sich, dass die Veranstaltungen wieder größeren Zulauf hätten, seit Stadtpfarrer Martin Garmaier nach dem Gottesdienst zur Teilnahme aufrufe. „Es ist jedes Jahr ein Appell gegen jegliche kriegerische Auseinandersetzung – auch in die Zukunft gerichtet.“

Gedenktafel im Friedhof St. Paul ein Ort des Erinnerns und der Gemeinschaft

Die Vertriebenenverbände versammeln sich jährlich um ihre Gedenktafel mit der Inschrift „Die Heimatvertriebenen gedenken ihrer lieben Toten“ an der Außenwand des Friedhofs St. Paul. Für Bungart ist es auch ein Ort des Erinnerns, an die alte Heimat, die nach Kriegsende für die Vertriebenen wegen des Eisernen Vorhangs unerreichbar geworden war.

Salvati will sein kritisches Aufarbeiten der Geschichte fortsetzen. An die Bombardierung Erdings am 18. April 1945 hat er bereits mit einer Zeitzeugen-Dokumentation erinnert. Als Nächste will sich der 31-Jährige der Historie des Erdinger Weißbräus bis 1949 widmen und das Thema Zwangsarbeit mit Zeitzeugen in Erinnerung rufen. 2021 ist im Museum Erding eine Ausstellung „Erding 1945 – wessen Heimat“ geplant.

Eigenes Denkmal für Zwangsarbeiter?

Zwangsarbeit beschäftigt Salvati dabei sehr. Mit neun Ehrenamtlichen hat der Dozent an der New Yorker Universität gerade erst eine Datenbank mit den Biografien von 400 Zwangsarbeitern unter anderem aus Polen, der Ukraine und Frankreich erstellt, die seit 1. Mai zugänglich ist. Auf diese Weise will Salvati der Zwangsarbeit von 1939 bis 1945 ein Gesicht geben. Er wünscht sich, dass die Landwirtschaften und Betriebe, in denen Zwangsarbeiter beschäftigt waren, ihrer eigenen Geschichte auf den Grund gehen.

Zur kontroversen Auseinandersetzung mit der Heimatgeschichte gehört für Salvati, der in Erding aufgewachsen ist, auch die Frage, ob den Zwangsarbeitern in Erding nicht auch ein Ort des Erinnerns gewidmet werden sollte. Rauscher stimmt ihm da zu, sieht die Aufgabe aber eher bei den Verbänden der Heimatvertriebenen.

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