+
Das perfekte Weihnachten im Kreise der Familie: Oftmals sind es überzogene Erwartungen, die das Fest vermiesen, weiß Psychotherapeut Hannes Mayrhofer (Symbolbild).

Streit und Trauer statt Friede und Freude

Familienkrach und Einsamkeit: Nicht jeder ist an Weihnachten froh gestimmt

Streit und Trauer statt Friede und Freude: Nicht immer geht es unterm Christbaum so besinnlich und ruhig zu, wie zahlreiche Weihnachtsfilme das suggerieren.

Landkreis– In wenigen Tagen ist Weihnachten – doch am frohen Fest sind bei weitem nicht alle froh gestimmt. Manche haben einen nahen Verwandten verloren, andere sind einsam oder krank. Und in vielen festlich geschmückten Stuben entlädt sich der Stress der staden Zeit gerade dann, wenn die ganze Familie versammelt ist.

Alle Jahre wieder: Eine zähe Gans und nörgelnde Kinder, weil die Geschenke nicht passen. Die Schwiegereltern sind ohnehin der GAU, und die eigene Mutter hätte alles besser gemacht. Unterm Baum liegt dann noch als Präsent ein neuer Staubsauger. Schöne Bescherung. „Gerade an Weihnachten ist Streit oft programmiert, das kommt in den besten Familien vor“, meint Gisela van der Heijden, Kreisgeschäftsführerin des Roten Kreuzes in Erding. „Auf engstem Raum tummeln sich alle Verwandten, die Frau oder der Herr des Hauses ist überfordert. Und schon gibt es einen Riesenkrach.“

Oft sind es überzogene Erwartungen, die das Weihnachtsfest vermiesen

Es seien die überzogenen Erwartungen, die das Weihnachtsfest vermiesen, meint Hannes Mayrhofer aus Taufkirchen. „Es muss nicht immer alles perfekt sein.“ In Weihnachtsfilmen werde stets die heile Familie gezeigt, während Schneeflocken sacht im Hintergrund rieseln. „Das bildet die Realität aber nicht ab. Heute müssen oft beide Elternteile bis zum 24. Dezember arbeiten und haben extrem viel Stress in der Vorweihnachtszeit“, erklärt der psychologische Psychotherapeut. Um Krisen zu vermeiden, helfe es, Traditionen aufzubrechen: „Man kann auch mal ohne die Verwandtschaft feiern“, meint er. „Die Bedürfnisse in den Familien verändern sich, vielleicht sollte auch mal eine Reise auf dem Wunschzettel stehen – statt anstrengendem Fest.“

Einfach den Raum verlassen oder spazieren gehen - „das kühlt ab“

Freilich gibt es an und vor Weihnachten hunderte Möglichkeiten, sich zu ärgern. Man sei aber keineswegs dazu verpflichtet, so Mayrhofer. „Mit der richtigen Einstellung kann man es sogar schaffen, dass einen der Staubsauger unterm Weihnachtsbaum nicht aus der Ruhe bringt.“ Und wenn’s dennoch kracht? Sein Rat: „Versuchen, konstruktiv zu bleiben. Oder einfach den Raum verlassen und spazieren gehen. Das kühlt ab.“

Bevor der Streit endgültig eskaliert, bietet das Rote Kreuz in Erding an den Feiertagen einen Blitzableiter an: „Wir haben eine Kummer-Nummer eingerichtet“, sagt van der Heijden. „Wenn es wirklich unerträglich wird, kann man mit Mediator Tim Alibasic telefonieren. Er hört zu und trägt zu Konfliktlösungen bei. Bei Bedarf kommt er auch zu einem persönlichen Treffen.“

Auch ältere Menschen sind vom Weihnachtsfrust oft betroffen

Dass die Stimmung an Weihnachten getrübt ist, liegt manchmal auch an äußeren Umständen. Wenn ein Familienangehöriger gestorben ist, sollten Kinder trauern dürfen: „Es hilft, sich bewusst an den Verstorbenen zu erinnern und eine Kerze anzuzünden. Und besonders kleine Kinder leiden unter einer Trennung ihrer Eltern. Das sollten sie auch zeigen dürfen“, sagt Mayrhofer.

Und dann gibt es noch die Weihnachtsmuffel. „Wer an Weihnachten immer den alkoholisierten Vater erlebt hat, verweigert später meist die Festlichkeiten, packt den Trubel einfach nicht“, erklärt Irina Hausen, stellvertretende Fachdienstleiterin beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Caritas in Erding. Auch ältere Menschen seien vom Weihnachtsfrust betroffen: „Der Partner ist verstorben, es fehlen soziale Kontakte. Die Einsamkeit ist allumfassend.“ An Heiligabend fände deshalb im Erdinger Tageszentrum Prisma an der Münchner Straße am späten Vormittag noch eine kleine Weihnachtsfeier für einsame und belastete Herzen statt.

Mehr Ruhestörungen an Weihnachte und Silvester, aber „auf niedrigem Niveau“

Übrigens: Vergangene Weihnachten musste die Polizei in Dorfen lediglich einen Familienstreit schlichten. „Wir mussten nicht ernsthaft einschreiten, auch gab es keine strafrechtlichen Sanktionen“, sagt Erster Polizeihauptkommissar Harald Kratzel. „Es sind an Weihnachten und Silvester mehr Ruhestörungen festzustellen, aber auch hier auf niedrigem Niveau“, fügt der Dienststellenleiter an. Aus polizeilicher Sicht seien das Christfest 2018 und der Jahreswechsel jedenfalls eine friedliche Zeit gewesen: „Das wünschen wir uns freilich auch für diese Weihnacht.“

Kummer-Nummer

Von 24. bis 26. Dezember, 9 bis 21 Uhr, bietet das BRK Erding telefonische Hilfe an. Die Kummer-Nummer lautet (0 81 22) 8 80 15 68.

Michaele Heske

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Sicherheitskonzept für Hemadlenzn: „Wir können nicht jeden Gefahrenpunkt eliminieren“
Ein tragisches Unglück hat den Hemadlenzn-Umzug 2019 überschattet. Eine Reform des Sicherheitskonzepts steht im Dorfener Rathaus weiter auf der Agenda.
Sicherheitskonzept für Hemadlenzn: „Wir können nicht jeden Gefahrenpunkt eliminieren“
CSU-Bürgermeisterkandidat Sebastian Klinger: Ein Teamplayer mit Führungsanspruch
Sebastian Klinger (CSU)  ist Zweiter Bürgermeister der Gemeinde Forstern und hat Lust auf mehr. Als neuer, hauptamtlicher Rathauschef möchte er nicht nur die Mobilität …
CSU-Bürgermeisterkandidat Sebastian Klinger: Ein Teamplayer mit Führungsanspruch
St. Wolfganger Erfinder im Fernsehen: Hellers MediBech in „Das Ding des Jahres“ 
Tüftler erfinden Dinge, die uns das Leben erleichtern. Anstoß sind oft Erlebnisse oder Notsituationen. Manuela und Claus Heller aus St. Wolfgang gehören mit ihrer Idee …
St. Wolfganger Erfinder im Fernsehen: Hellers MediBech in „Das Ding des Jahres“ 
„Dorfcharakter bewahren, aber Fortschritt nicht verschlafen“: Wählergruppe Buch stellt Kandidaten vor
Unabhängig, frei und offen: So beschreibt sich die Wählergruppe (WG) Buch am Buchrain selbst. Die Kandidaten für die Gemeinderatswahl am 15. März stellten sich im …
„Dorfcharakter bewahren, aber Fortschritt nicht verschlafen“: Wählergruppe Buch stellt Kandidaten vor

Kommentare