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Luftbild von Google Earth vom 8. April 2018: Durch Kümmerwuchs im Getreide zeichnen sich die im Boden schlummernden Grundmauern der Kirche St.Lorenz und die der Einsiedelei deutlich ab.

Experte bezeichnet es als Meilenstein

„Ein Glückstreffer“: Erdinger macht diesen Sensationsfund bei Google Earth

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Ein Erdinger hat eine Sensationsentdeckung bei Google Earth gemacht. Dabei fallen Worte wie „Glückstreffer“ und „Meilenstein“.

Niederding – Ein Sensationsfund ist dem Erdinger Archäologen Harald Krause gelungen. Über Google Earth hat er die Umrisse der vor über 200 Jahren abgebrochenen Kirche St. Lorenz ausfindig gemacht. Sie befand sich zwischen den Ortschaften Niederding und Reisen. Dort gab es auch Einsiedelei.

„Dem leider im Februar 2018 verstorbenen Heimatforscher und Gemeindearchivar von Oberding, Georg Gruber, hätte diese Entdeckung Freudenrufe entlockt und leuchtende Augen beschert.“ Da ist sich Harald Krause sicher. Denn dem Leiter des Erdinger Museums und Doktoranden sowie Archäologen von der LMU München ist für die Kirchengeschichte der Gemeinde Oberding ein luftbildarchäologischer Glückstreffer gelungen. Dank mühevoller Luftbildauswertungen hat Krause bei seinen Forschungen die längst in Vergessenheit geratene Kirche von St. Lorenz zwischen Niederding und Reisen wiederentdeckt und deren Standort erstmals exakt festgelegt.

„Im aktuellen Luftbild von Google Earth, aufgenommen am 8. April, zeichnen sich im jungen Getreidebewuchs zahlreiche Grundmauerstrukturen als sogenannte negative Bewuchsmerkmale ab“, erklärt Krause. „Solche Wuchsstörungen entstehen, wenn in Phasen länger andauernder Trockenheit das Getreide mangels ausreichenden Wurzelraums und wegen fehlenden Bodenwassers im Untergrund zu kümmern beginnt. Die Vegetation paust in solchen Situationen eins zu eins die unterirdischen Strukturen durch, die im Luftbild aus dem April 2018 rein zufällig festgehalten wurden.“

Was Krauses Glücksgefühle noch verstärkt: Wegen der Einflugschneise des Flughafens im Erdinger Moos gibt es seit 1992 eine Flugverbotszone für die amtliche Luftbildarchäologie. „In diesem Bereich ist man in der Denkmalpflege seither auf solche Zufallsaufnahmen angewiesen – ein Glückstreffer also“

Ausschnitt aus den Bairischen Landtafeln von Philipp Apianaus dem Jahr 1568. Die Kirche St. Lorenz ist hier noch mit Kirchturm-Signatur zwischen Reisen („Reissen“) und Niederding („n. Dieng“) verzeichnet.

Hinzu kommt, dass das Luftbild sehr detailliert sei. Neben dem nahezu exakt Ost-West-ausgerichteten Kirchenschiff mit Apsis – der Saalbau ist Krause zufolge elf Meter lang und sieben Meter breit, die Apsis 6,8 Meter tief und fünf Meter breit – zeichne sich möglicherweise vage eine kleiner dimensionierte Apsis eines mutmaßlichen Vorgängerbaus im Innenraum ab. „Das Kirchenschiff St. Lorenz ist offensichtlich ringsum von einer Mauer eingefriedet gewesen – vermutlich der Raum der Klause, auch Einsiedelei oder Eremitage genannt“, so Krause weiter. „Dort sind weitere Mauerzüge und schuttverfüllte Keller im Luftbild erkennbar. Das Alter des Kirchenbaus ist bis heute leider unbekannt.“

Der exakte Standort der 1803 abgebrochenen Kirche beziehungsweise Kapelle von St. Lorenz war bislang ungewiss. „Einzig Wegekreuze im Bereich der Neuentdeckung erinnerten an die ehemalige Klause, wie sie von einigen Anwohnern heute noch genannt wird“, berichtet der Wissenschaftler.

Noch im Bewusstsein der Niederdinger

In der Bevölkerung rund um Niederding seien der Ort und seine einstige Funktion noch im Bewusstsein vorhanden. „Im Acker selbst ist heute ein unscheinbarer Hügel erkennbar, der den Kirchenstandort als verflachten Schuttkegel markiert“, sagt Krause.

In einem der ältesten historischen Kartenwerke Bayerns, den Bairischen Landtafeln von Philipp Apian aus dem Jahr 1568, ist die Kirche St. Lorenz eingetragen – sogar mit Kirchturm-Signatur. „Das Urkataster von 1810 zeigt im Bereich der Kirche bereits wieder Ackerland und keinerlei Hinweis auf ehemalige Gebäude“, berichtet Krause.

Hier würde sie stehen: Alle Spuren der Kirche St. Lorenz bei Niederding sind nach über 200 Jahren intensiver Landwirtschaft längst verwischt. Hinten rechts im Bild ist die Kirche St. Martin von Niederding zu erkennen.

Dank der Forschungen von Georg Gruber fänden sich auch in der Chronik der Gemeinde Oberding aus dem Jahr 2000 ein paar historische Details zu St. Lorenz. In der zweitältesten Diözesanbeschreibung, der so genannten Sunderndorf’schen Matrikel aus dem Jahr 1524, sind zur Pfarrei Aufkirchen zugehörig aufgeführt: St. Nikolaus in Notzing, St. Emmeram in Moosinning, St. Georg in Oberding, St. Martin in Niederding, St. Jakob in Kempfing sowie St. Lorenz bei Niederding.

Die Klause, also der Aufenthaltsraum eines Einsiedlers, bestand laut Krause bis 1802. „Nach einem Raub zog der letzte Klausner damals nach Niederding und verstarb 1803 im Alter von 79 Jahren. Um 1700 lebten laut Georg Gruber in der Klause zwei Fratres. Sie gaben teilweise bis zu 50 Kindern Schulunterricht. Nachdem der Klausner, Frater Georg Maulhart, 1802 ausgeraubt worden war, zog er nach Niederding. Die Klause wurde im Zuge der Säkularisation 1803 profanisiert, aufgelöst und abgebrochen“, so Krauses historischer Rückblick.

Das Altarbild – eine Kopie der Passauer Maria-Hilf-Madonna – ist Gruber zufolge in die 1903 neu errichtete Kirche St. Korbinian in Schwaig gekommen, weitere Gegenstände aus der Klause hingegen in Privatbesitz. „Diese gelten heute leider als verschollen“, sagt Krause. Weitere Kirchen, die im Zuge der Säkularisation im Erdinger Land profanisiert und abgebrochen wurden, finden sich ihm zufolge in Altenerding (St. Peter), Appolding (Heilig-Geist) und Inning am Holz (St. Stephanus).

Drei Schutzziele in einem Projekt

Die Wiederentdeckung von Kirche und Einsiedelei, die Krause als Meilenstein in der archäologischen Erforschung der Oberdinger Gemeindegeschichte bezeichnet, hat er beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege gemeldet. Sie wird dort aktuell auf Denkmalrelevanz geprüft. „Geplant ist, dass das Landesamt die Fläche detailliert ohne Bodeneingriffe erkundet – das Einverständnis des Grundstückeigentümers vorausgesetzt.“ Krause verspricht sich davon Erkenntnisse dazu, wie tief und gut die Grundmauerreste von Kirche und Klause noch erhalten sind und die Erstellung eines exakten Bauplans. Der Archäologe hofft so darauf, „ein geeignetes Schutzkonzept gemeinsam mit dem Grundstückseigentümer erarbeiten zu können“.

„Vielleicht“, so Krauses Idee, „könnte man hier auf einer Fläche von 30 mal 50 Metern Ackerland in Dauergrünland umwandeln und zugleich eine ökologische Ausgleichsfläche schaffen“.

Ein ähnlich gelagertes Projekt wurde bekanntlich 2014 auf einem Grundstück der Stadt Erding nördlich von Eichenkofen im dortigen Grabhügelfeld realisiert. Krause findet: „In Zeiten immensen Flächenverbrauchs im Erdinger Land ist das sicher ein richtiger und zugleich nachhaltiger Ansatz: die Bündelung von mehreren gesetzlichen Schutzzielen in einer Fläche – Denkmalschutz, Kulturlandschaftsschutz und Naturschutz.“ So könne der Platz seine einstige Bestimmung als Ort der Ruhe und Einkehr zurückerlangen.

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