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Obdachlosigkeit ist auch im Landkreis ein immer größeres Problem. Die Gemeinden müssen Menschen, die auf der Straße landen, unterbringen.

Besonders schlimme Lage in kleinen Gemeinden

Obdachlosigkeit: Viele suchen zu spät Hilfe

Obdachlosigkeit ist in der Mittelschicht angekommen. Neben Schulden spielen auch Trennungen eine große Rolle bei der Armut.

Landkreis Schulden, Trennung oder auch Sucht sind der Grund, warum immer mehr Menschen im Landkreis ihre Wohnung verlieren. Das Thema betrifft mittlerweile nicht nur Menschen am Rande der Gesellschaft. „Obdachlosigkeit ist auch in der Mittelschicht angekommen“, sagt Brigitte Fischer von der sozialen Beratung der Caritas.

Sei es der alte Mann, der seine Wohnung verliert und plötzlich auf der Straße steht, oder die Familie mit drei Kindern, deren Vater arbeitslos geworden ist – eins haben alle Betroffenen gemein: Sie suchen viel zu spät Hilfe. Besonders für kleinere Gemeinden im Landkreis ist die Situation prekär, denn diese sind nicht auf Obdachlose eingestellt und mit einer Unterbringung meist überfordert. Egal, wie man die Situation dreht und wendet, es fehlt an bezahlbarem Wohnraum im Landkreis.

Scham macht viel kaputt

26 Dramen konnte die Caritas im vergangenen Jahr verhindern. Einige Familien mussten dennoch in Notunterkünfte oder gar Container ziehen. Diese Fälle seien nur die Spitze des Eisberges, immer mehr Menschen kämen in wirtschaftliche Schieflagen, so Sozialpädagogin Fischer. Der katholische Sozialverband muss deshalb immer häufiger um den Erhalt von Wohnungen kämpfen.

Es ist die Scham, die verhindert, dass Leute sich rechtzeitig Hilfe suchen, erklärt Ralf Lohrberg, Diplom-Pädagoge beim Caritas Zentrum Erding. „Oft ist die Räumungsklage schon im Briefkasten, bevor sie uns kontaktieren.“ Dabei würden sich die Vermieter anfangs meist kulant, fast schon verständnisvoll, zeigen. Aber: „Wenn der Vermieter mehrere Monate kein Geld sieht, die Ausreden immer schräger werden oder gar keine Antwort mehr kommt, schlägt die Stimmung um.“

Schuldenfalle schnappt auch bei Vollzeitarbeit zu

Dann schaffen es die Caritas-Mitarbeiter nur selten, dass eine Kündigung revidiert wird. Es ist mittlerweile keine Ausnahme mehr, dass sich Familien finanziell übernehmen. Kredite sind leicht zu bekommen, das Auto wird auf Pump gekauft. Belastende Raten werden alle fällig. „Auch bei Vollzeitbeschäftigung ist es leicht, in die Schuldenfalle zu rutschen“, weiß Lohrberg.

Dreht sich die Abwärtsspirale weiter, kann schon eine kaputte Waschmaschine desaströse Folgen haben – oder die Finanzierung des Schullandheims für die Kinder. „Mit der Miete wird mitspekuliert“, sagt Fischer. Schließlich könne ein Vermieter erst nach zwei ausstehenden Zahlungen kündigen. „Eine Milchmädchenrechnung, die Rückstände können nicht mehr ausgeglichen werden.“

200 Hilfesuchende letztes Jahr

Dabei ist die Armut längst nicht mehr weiblich, bekräftigen beide Caritas-Mitarbeiter: „Durch die steigende Zahl an Trennungen hat sich auch für Männer die finanzielle Situation drastisch verschärft. Neben Unterhalt müssen diese nämlich eine zusätzliche Wohnung finanzieren“, erklärt Fischer. Doch auch Senioren sind betroffen: „Wir erleben immer öfter, dass ältere Menschen – sei es aus monetären oder gesundheitlichen Gründen – die Miete nicht regelmäßig überweisen.“ Verlieren sie ihre Wohnung, müssen sie schlimmstenfalls sogar ins Altenheim.

Viel Arbeit für die Caritas-Mitarbeiter, die im vergangenen Jahr über 200 Mal von Hilfesuchenden kontaktiert wurden. „Es läuft immer mehr darauf hinaus, dass wir die Leute in die Obdachlosigkeit begleiten.“

Fehlende Sozialwohnungen

Im Klartext: Eine neue Wohnung muss gefunden werden. „Das ist schwierig, kommt aber immer häufiger vor.“ Fehlende Sozialwohnungen erschweren die Lage. Die Caritas arbeitet eng mit den Gemeinden zusammen – die Kommunen sind nämlich zuständig für die Unterbringung in Notunterkünften, wenn einer ihrer Bürger obdachlos wird, so will es der Gesetzgeber.

In Taufkirchen ist die Situation besonders prekär. Gleich neun Obdachlose werden hier momentan untergebracht, zählt Verwaltungsfachangestellte Verena Held auf. Sieben davon sind Männer, zwei Frauen. Held kennt alle Obdachlosen persönlich. „Sie stehen oft vor der Tür, brauchen Ansprache und Unterstützung.“

Situation in kleinen Gemeinden

In der Regel sind es psychisch kranke Menschen, die im Isar-Amper-Klinikum auf Therapie waren. Die Klinik macht es sich dabei leicht und kümmert sich nicht mehr um ehemalige Patienten. „Sind die Leute entlassen, obliegt die Unterbringung der Gemeinde, so sie in Taufkirchen gemeldet sind“, erklärt Georg Schmittner, Leiter des Taufkirchener Ordnungsamts.

Noch schlimmer sei die Situation allerdings in kleineren Gemeinden, beispielsweise im Holzland, erzählt Schmittner. „Die Leute kennen sich, wer aus seiner Wohnung rausgeklagt wird, findet in der Umgebung keine neue Bleibe.“

Zentrale Unterkunft des Landkreises?

Obdachlosigkeit ist nicht planbar. „Gerade die kalten Wintermonate bringen mehr Bedarf an Notunterkünften“, sagt Held. Der Ordnungsamt-Chef wünscht sich deshalb eine politische Lösung: „Eine Zentralisierung, die von Erding aus gesteuert wird, also eine gemeinsame Unterkunft, in der sämtliche Obdachlose des Landkreises wohnen können.“

Die Kommunen würden dadurch stark entlastet. Die Gefahr einer Ghettoisierung sieht Held dabei nicht: „Die Leute, die in Taufkirchen in einer Notunterkunft landen, brauchen alle psychosoziale Hilfe.“ Diese könne die Gemeinde aber nicht leisten. Schmittner stellt klar: „In einer kommunenübergreifenden Einrichtung muss es freilich Sozialarbeiter und psychologische Betreuung geben.“

Michaele Heske

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