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Nach seinem Auftritt im Schrannensaal signierte Richard David Precht am Büchertisch.

Philosoph Richard David Precht prophezeit bei der Sparkasse eine völlig veränderte Arbeitswelt

„Handwerk ist Digitalisierungsgewinner“

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Prominenter Besuch in Erding: Der aus dem ZDF und von vielen Büchern bekannte Philosoph Richard David Precht sprach auf Einladung der Sparkassen. Dort kündigte er eine radikal veränderte Arbeitswelt an. Die Ursache: Digitalisierung.

Erding – „Von Mensch zu Mensch“ ist die profilierteste Veranstaltung im Landkreis. Seit 2013 holt die Sparkasse Erding-Dorfen bundesweit bekannte Redner nach Erding. Außenminister a. D. Hans Dietrich Genscher war schon da, ebenso der frühere Bundespräsident Horst Köhler, der einstige Bundestagspräsident Norbert Lammert und ZDF-Anchorman Claus Kleber sprachen im noblen Schrannensaal hoch über der Erdinger Altstadt.

Am Mittwochabend hatte das Geldhaus den Philosophen Richard David Precht zu Gast. Der prophezeite den über 200 Gästen, allesamt Kunden der Sparkasse, eine völlig veränderte Arbeitswelt. Der 55-Jährige stellte auch ein Grundeinkommen für alle und einen spektakulären Vorschlag zur Belebung der Innenstädte vor.

Für Precht steht die Gesellschaft vor der zweiten industriellen Revolution. „In der ersten wurde die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt. Jetzt ersetzt die Digitalisierung das menschliche Gehirn – mittels künstlicher Intelligenz“, sagte der 55-Jährige. Das werde die Arbeitswelt komplett verändern. Precht berichtete, dass Roboter heute schon viel übernehmen könnten. „Sie werden vor allem dort Menschen ersetzen, wo es nicht auf den persönlichen Kontakt ankommt.“ Als Beispiele nannte er Verwaltungen, Banken und Fahrdienste.

Roboter als Erzieher?

In Japan würden Roboter Erzieherinnen ersetzen. In Europa werde es so weit aber nicht kommen. „Der Mensch wird immer noch dort gebraucht werden, wo Menschen mit Menschen zu tun haben wollen.“ Precht, Buchautor und Moderator einer eigenen Sendung im ZDF, zog allerdings in Zweifel, „ob es für alle, für die es dann keine Verwendung mehr gibt, eine Ersatzaufgabe geben wird“.

Nur ein sehr kleiner Anteil werde in der IT für die Programmierung der Künstlichen Intelligenz benötigt. Ein ebenfalls überschaubarer Teil könne in den so genannten Quartären Sektor wechseln, hoch spezialisierte Dienstleistungen.

Handwerk und Pflege als Digitalisierungsgewinner

Als „großen Digitalisierungsgewinner“ sah Precht das Handwerk. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Roboter eine Heizung repariert“, meinte der Honorarprofessor an der Universität Lüneburg. Ein immenses Potenzial biete auch der Sektor der empathischen Berufe, vor allem in der Pflege. Aber auch die Unterhaltungs- und die Freizeitbranche sowie die Kultur werde Menschen benötigen. „Ein Konzert mit einem automatischen Klavier ist nur einmal interessant.“ In der Pflege könnten Roboter zahlreiche Aufgaben übernehmen, „für den unmittelbaren Kontakt braucht es aber weiter Menschen“.

Precht sieht aber auch das Ende des Umlagesystems etwa in der Kranken- oder Rentenversicherung heraufziehen. „Wenn Maschinen und Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernehmen, wird die Finanzierung der Sozialversicherung zusehends problematischer.“

Bedingungsloses Grundeinkommen - So will Precht das finanzieren

Das führte den Philosophen zur Überzeugung, dass ein bedingungsloses Grundeigentum die Zukunft sein könne. Er sprach von monatlich etwa 1500 Euro. Dafür seien nicht nur Kreise, die meinten, der Staat müsse jedem ein menschenwürdiges Leben ermöglichen. Auch im Silicon Valley gebe es viele Verfechter. „Denn die Daten eines Armen sind Konzernen wie Google oder Facebook nichts wert, weil die sich die Produkte gar nicht leisten können.“ Das Grundeinkommen befürworten Prechts Auffassung zufolge auch die Liberalen – „denn dann braucht man etwa keinen Kündigungsschutz mehr“. Das Grundeinkommen könne der Sockel sein, dass Menschen nur noch drei bis vier Tage pro Woche arbeiten müssten.

Dieses Grundeinkommen ist für Precht sehr wohl finanzierbar, „wenn alle Gewinne hoch besteuert werden, die ohne Arbeit erzielt werden“. Er sprach sich deshalb für eine Transaktionssteuer aus, die Einnahmen im mittleren zweistelligen Milliardenbereich generieren könnten.

Onlinehandel zu Gunsten der Innenstädte höher besteuern

An der Steuerschraube drehen würde Precht auch beim Onlinehandel. „Eine Mehrwertsteuer von 25 Prozent in diesem Bereich würde ausreichend Mittel bereitstellen, um die aussterbenden Innenstädte zu revitalisieren. Denn dann würden es sich die Menschen überlegen, ob sie nicht doch vor Ort einkaufen“, so der gebürtige Solinger, der seine Heimatstadt als „bereits tot“ bezeichnete.

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