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Nazi-Zeit: Erinnerung in virtuellen Welten

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Von: Hans Moritz

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Am Beginn eines Forschungsprojekts: Die jungen Leute aus Erding und Dorfen besuchten die Zwangsarbeiter-Gedenkstätte Schöneweide bei Berlin. © privat

Dem in Erding aufgewachsenen Historiker Giulio Salvati ist es zu verdanken, dass das nationalsozialistische Kapitel Zwangsarbeit im Erdinger Land aufgearbeitet wird. Nun kann er im Rahmen eines neuen, internationalen Forschungsprojekts junge Menschen mit einbeziehen.

Erding - Das könnte über das eigentliche Thema hinaus der lokalen Museumslandschaft einen Modernisierungsschub verleihen.

„Onboarding Memories – Digitale Erinnerungsräume zur NS-Zwangsarbeit“ heißt das Projekt, hinter dem unter anderem die Europäische Akademie Berlin und das Europäische Schuman-Center stehen. „Ich bin aufgrund meiner Forschungen von der Akademie gefragt worden, ob ich junge Leute für das Programm nennen kann“, berichtet Salvati.

Am Korbinian-Aigner-Gymnasium in Erding und am Dorfener Gymnasium wurde er fündig: Konrad Thees und Georg Bauernfeind aus Erding sowie Fridolin Karger, Laura Stürzl und Pius Gruber aus Dorfen. Ziel ist die Erforschung und Darstellung der Zwangsarbeit vor Ort sowie die Entwicklung eines virtuellen Museums mittels VR-Brille. Die komplexen Technik-Sets („History Maker Kit“) werden den Jugendlichen zur Verfügung gestellt.

„Es geht um eine digitale Erinnerungsreise“, erklärt Salvati. Immerhin wurden in der Nazi-Zeit 20 Millionen Menschen ausgebeutet und versklavt. Ziel des Projekts ist, die Schicksale in digitalen Ausstellungsräumen weltweit sichtbar zu machen. In Erding hat Salvati gemeinsam mit weiteren historisch Interessierten die Wurzeln dafür gelegt – unter anderem mit der Digitalisierung der Karteikarten der Zwangsarbeiter etwa aus dem Lager in Eichenkofen (wir berichteten).

An dem Jugendprojekt wirken Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich, Polen und Litauen mit. Ein erster Workshop hat im Mai in Berlin stattgefunden, der nächste ist im Juli im französischen Metz geplant. Abgeschlossen wird das Projekt im November in Polen.

Karger, der die elfte Klasse besucht, sagt, für das Projekt habe er sich sofort interessiert: „Wir lernen zwar viel über die Konzentrationslager, erfahren aber weniger über die Menschen, die mit der einheimischen Bevölkerung Kontakt hatten“, berichtet er. Zudem habe es ihn gereizt, Geschichte mit moderner Technik zu verbinden.

Denn am Anfang steht eine 360-Grad-Kameraaufnahme eines Original-Schauplatzes. Danach wird ein virtuelles Museum mit Bildern, Videos, Karten und Podcasts gefüllt.

Thees, der die zehnte Klasse besucht, gibt zu, „dass ich mit der Erinnerungskultur Probleme habe. Wir müssen vielmehr mit unserer Geschichte arbeiten und sie fortentwickeln, wie es etwa in Eichenkofen geschieht, wo erst jetzt ein Ort der Erinnerung entsteht“. Das viel zitierte „Nie wieder“ müsse mit Inhalten gefüllt werden.

In Berlin trafen die internationalen Jungforscher erstmals aufeinander und lernten Projekt sowie Technik kennen. Gemeinsam wurde die Zwangsarbeiter-Gedenkstätte Schöneweide besucht.

Karger möchte mit Videos arbeiten und Familiengeschichten darstellen. Er hat sich dazu schon mit Meinhard Schröder in Verbindung gesetzt, der die Geschichtswerkstatt Tegel leitet.

Was die fünf Jung-Historiker erarbeiten, wird Teil einer europäischen Ausstellung. Das Abschlusstreffen soll in Polen stattfinden. Ursprünglich war Litauen als Ort ausgewählt worden, doch das ist wegen der Nähe des Baltikums zum Ukraine-Krieg derzeit nicht möglich.

Salvati kann sich gut vorstellen, dass die Digitaltechnik auch in Erdinger Museen einzieht und dann auch virtuelle Rundgänge und Ausstellungen möglich sind.

Salvati und die Vereinigung Pax Christi bitten derweil weiter um Spenden für ein Denkmal am früheren Lager in Eichenkofen – eine Stele des Künstlers Wolfgang Fritz. Bankverbindung: Pax Christi DV München, IBAN DE34 3706 0193 6031 3140 10 Stichwort: Zwangsarbeitsdenkmal Erding. Auf Wunsch können die Spender auf einer Tafel an der Stele Erwähnung finden.

ham

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