Für Musiker ist die Corona-Zeit eine harte. Auftritte gibt es keine mehr, der Musikunterricht entfällt ebenso. Viele versuchen ihr Glück im Internet.
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Die Kuscheltiere von Sohn Quirin waren die Fankurve von Sara Brandhuber, als sie in der Küche in Zustorf den Song „I spui dahoam“ aufnahm. Fast 8000 Mal wurde das Video mittlerweile auf Facebook angeklickt.

Internet-Klicks statt Applaus

Musiker in der Corona-Krise: Zwischen Existenzangst und Aufbruchstimmung

  • vonTimo Aichele
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Für Musiker ist die Corona-Zeit eine harte. Auftritte gibt es keine mehr, der Musikunterricht entfällt ebenso. Viele versuchen ihr Glück im Internet.

LandkreisKüche, Wohnzimmer, vielleicht noch der Balkon – das sind in Corona-Zeiten die einzigen Bühnen für Musiker. Für die Profis unter ihnen geht es um viel mehr als ein paar abgesagte schöne Abende. Schon machen sich Existenzängste breit – aber in der Not entsteht auch Neues. Die meisten setzen aufs Internet, doch im Netz mit Musik Geld verdienen – das bleibt schwierig. Kabarettistin Sara Brandhuber und Pianist Andreas Begert veröffentlichen Songs, um bei ihren Fans zumindest im Gedächtnis zu bleiben. Als Instrumental-Lehrer setzen Andi Starek und Michael Christoph dagegen schon auf Online-Konferenzen und halten so das Geschäft am Laufen.

„Seit 4. März bin ich als Kabarettistin offiziell selbstständig. Seit 8. März darf ich nicht mehr spielen“, erzählt Sara Brandhuber aus Zustorf. Wie bei allen anderen Bühnenkünstlern sind ihre Engagements bis Ende April abgesagt, und wann es danach mit den Konzerten wieder losgeht, weiß keiner.

Offline-Unterricht geht jetzt online

Bis es so weit ist, bleiben der 31-Jährigen nur soziale Medien als Kontakt zu den Fans. Auf Facebook kann man sie auch schon mit demSong „I spui dahoam“ sehen. Das Video wurde bis zum gestrigen Donnerstag fast 8000 Mal aufgerufen. In der heimischen Küche in Zustorf sitzt sie strumpfsockert mit der Gitarre in der Hand auf einem Barhocker und singt: „I spui dahoam und kriag koa Gage und no schlimma koan Applaus.“

Brandhubers Video ist Teil der Facebook-Aktion „Quarantäne Kunst“, gegründet von Schauspielerin und Kabarettistin Christina Baumer. Hier haben sich etwa 30 Kreative vom Musiker bis zum Schwertschlucker zusammengeschlossen, um Videos zu veröffentlichen. Das sei „ziemlich aufregend“, schwärmt die Zustorferin. Doch verdient sei nichts.

Menschen, die jetzt weniger verdienen, sparen bei Sport und Musik

Online-Musikunterricht im Wohnzimmer: Drummer, Multi-Instrumentalist und Internet-Profi Michael Christoph im Video-Interview mit unserer Zeitung.

Klicks zu Geld machen – da ist Schlagzeuger Michael Christoph schon weiter. Mit www.drumfreaks.de hat er bereits 2012 die erste Online-Drum-Schule im deutschsprachigen Raum gegründet. Früher habe er auch vor allem als Live-Musiker gearbeitet. „Ich hatte Jahre mit 400 Auftritten“, erzählt der Aufkirchener (55). Doch der Multi-Instrumentalist entdeckte, dass er sehr gerne als Lehrer arbeitet und gründete die Musikschule Blechtrommel bei Wolfratshausen. 

Dort und daheim in Aufkirchen unterrichtet Christoph Schüler normalerweise im direkten Kontakt vor allem Schlagzeug, aber auch Gitarre, Bass, Klavier und sogar Gesang. „Mit dem Offline-Unterricht geht natürlich gar nichts mehr“, erzählt er. Und auch der Online-Bereich leide. Drumfreaks sei ohnehin nur eines von mehreren nötigen Standbeinen. Nun merke er: Das Erste, was Menschen weglassen, die wegen der Krise selber nicht mehr gut verdienen, sei Sport oder Musikunterricht. „Ich hatte ab der ersten Woche Einbußen von 500 Euro pro Monat.“

„In Holland traute sich niemand mehr raus“

Der Schlagzeuger war gerade noch mit der Rock-Band „Blind Ego“ auf Europa-Tournee. „In Holland traute sich niemand mehr raus.“ Und in Hamburg habe das Konzert vor 50 statt 500 Zuschauern stattgefunden. „Aber wir sind alle gesund heimgekommen“, sagt der Drummer.

Seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen stellt Christoph seinen Unterricht komplett auf online um – mit Programmen wie Skype oder Facetime und mit den Erfahrungen, die er mit Drumfreaks gesammelt hat. Kollegen, die hier noch Tipps brauchen, hilft er gerne, Kontakt: michael@blechtrommel.de. Aber vor allem für Live-Musiker sei die Corona-Krise bitter. „Jetzt geht eigentlich das Hochzeitsgeschäft los. Die ganzen kleinen Musiker stehen vor dem Nichts.“

Eine Miete kann sich Begert noch leisten

Sara Brandhuber macht sich diese Sorgen auch. Doch ihre Familie könne auf das Einkommen von Ehemann Thomas Sandner bauen, der in der IT-Branche arbeitet. Als „Solo-Selbständige“ würde der Kabarettistin staatliche Soforthilfe zustehen. „Ich bin aber noch hin- und hergerissen, ob ich‘s überhaupt beantragen soll“, sagt die Idealistin. Einerseits habe sie einen Bafög-Kredit aus ihrem Sozialpädagogik-Studium abzuzahlen, andererseits gebe es ja ein Einkommen im Haus.

Auf fast 4000 Aufrufe bringt es andreas Begerts Video „Ums Verrecka bleibts dahoam“. Deer

Für Andreas Begert ist das dagegen eine klare Sache. Der Dorfener Pianist, Songschreiber, Klavierlehrer und Chorleiter hat die Soforthilfe bereits beantragt. „Die nächste Miete hab‘ ich noch. Dann ist Schluss“, erzählt der verheiratete Vater der zweijährigen Helena. Seine Frau Clara habe sich auch erst vor kurzem selbstständig gemacht, beide Verdiener sitzen auf dem Trockenen. 

„Dabei habe ich gedacht, dass ich gut aufgestellt bin“, meint der 29-jährige studierte Pianist. „2020 war bisher mein bestes Jahr.“ Begert unterrichtet in Teilzeit an der Kreismusikschule und als Klavierdozent an der Musikhochschule, leitet die Liedertafel in Dorfen und setzt auf Auftrittsgagen von Solo-Konzerten und seinen Projekten Brothers In Jazz, Mundhaarmonika oder Blau Rosa. „Ich arbeite schon seit Ewigkeiten auf mein großes Solo-Konzert am 10. Juli im Münchner Gasteig hin. Wenn das auch noch ausfallen würde, dann wäre das fatal“, sagt der 29-Jährige.

Täglich ein neuer Song auf Youtube

„Ich bin trotzdem recht positiv“, erklärt der Musiker. Es bringe nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Er wolle nun seine Online-Fähigkeiten ausbauen. Deswegen veröffentlicht Begert täglich einen neuen Song auf Youtube. „Frisch komponiert und produziert in meinem Studio in München“, erzählt der Musiker. Mit bis gestern fast 4000 Klicks ist Begerts Song „Ums Verrecka bleibts dahaom“ aktuell der größte Erfolg. Ausnahmsweise krachert boarisch singt er da daheim mit Kinder-Akkordeon neben dem Bettstadel der kleinen Helena.

„Rock‘n‘Roll,Spaghetti-Rock – auf Nudeln haben wir mmer Bock“: Das spielen Andi Starek (l.) mit seiner Kinder-Rock-Band Schlawindl. Ihr Facebook-Live-Konzert am Sonntag wurde bisher 3000 Mal aufgerufen.

Auch Andi Starek muss Konzertabsagen verkraften. „Mein Glück ist, dass ich nächste Woche in den Urlaub gefahren wäre und da deswegen keine Termine habe“, erzählt der Eichenrieder. Mit seiner Kinder-Rock-Band Schlawindl hat der 49-Jährige aber sofort reagiert und hat am Sonntag auf Facebook ein Live-Konzert gegeben. „Das war der Wahnsinn, wir haben einen brutalen Anklang gehabt“, erzählt Starek. 3000 Mal wurde das Video bereits aufgerufen. Eltern hätten einige Clips geschickt, die zeigten, „wie die Kinder zu unserer Musik abgehen“. 

Starek hat jetzt noch mehr vor. Das Facebook-Konzert hat er noch mit seinen Schlawindl-Bandmitgliedern gegeben. Aber ab Ende März begibt er sich solo auf „Quarantäne-Tour“ mit fünf Stationen vom Wald übers Gästeklo bis hin zu einem Überraschungsort am Ostersonntag. Los geht’s auf www.facebook.com/schlawindl/ am Sonntag, 29. März, 15 Uhr.

„Die Corona-Krise ist auch eine Chance, weil der Online-Unterricht ein Thema für die Zukunft ist“, sagt der verheiratete Vater einer erwachsenen Tochter. Seine Tätigkeit als Gitarrenlehrer ist eine wichtige Einnahmequelle. Die Umstellung auf Internet-Stunden mit der Software Zoom Meeting „haben wir in ein paar Tagen aus dem Boden gestampft“, erzählt Starek. Das funktioniere technisch gut, „und jetzt machen wir ganz normal weiter“. Die Schüler seien ihm treu geblieben. „Für die Familien ist das ja gerade jetzt auch wichtig.“

Timo Aichele

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