erding-prosper-kabarett
+
Die sechs Teilnehmer am zehnten St.-Prosper-Kabarett-Preis (v. l.): Teresa Reichl, die Sieger Max Baier und David Hang, DJ Rix Rottenbiller, Michi Dietmayr, Patrick Ebner und Cengiz Öztung am Samstag im Sportpark Schollbach.

Frechheit siegt in der Pandemie

Zwei Münchner gewinnen zehnten St.-Prosper-Kabarettpreis

  • Hans Moritz
    VonHans Moritz
    schließen

Klarer Sieger bei der zehnten Auflage des St. Prosper-Kabarettpreises war das Duo Baier & Hang. Die beiden aus München stammenden Stand-up-Künstler gewannen den mit 1000 Euro dotierten Preis vor Lokalmatador DJ Rix Rottenbiller und der 25-jährigen Slamerin Teresa Reichl aus Regensburg. 

Das Sinnflut-Team wollte den Prosper-Preis schon im März vergeben, zur Starkbierzeit. Doch wegen der Pandemie musste die Liveshow noch warten. Am Samstagabend war es dann so weit: „Raus aus dem digitalen Alltag, rein ins analoge Leben“. Die Welt habe sich verändert, fanden Max Beier und David Hang. „Jeden Tag ein neuer Trend“, sangen die beiden Kabarettisten, zogen dabei schon das Publikum in die Welt der Generation Y, die ausschließlich „kreativ und digital“ sei.

Mit rasanter Geschwindigkeit gingen Baier & Hang zur Sache, punkteten mit Gags wie „in Deutschland ist jede Glasfaser noch einzeln geblasen“ und warben für das Start up für Loser, digitale Beerdigungen via Zoom oder die 3-D-Windel. Sie schwadronierten vom Organ-Sharing als neuer Geschäftsidee und priesen im Pop Up-Store Ergomöbel für Zierfische an.

Die beiden Comedians, 27 und 29 Jahre alt, die sich gleich zu Beginn ihres Studiums an der Münchner Schauspielschule kennengelernt haben, waren nicht zu topen, sie reüssierten mit aktuellen Themen und hervorragender Performance. Obendrauf dann noch ein Restaurantbesuch im Post-Lockdown – da war den Zuschauern und der Jury gleichermaßen klar: Ein verdienter Platz eins für die rotzfrechen Buam, die einen skurrilen und satirischen Blick auf ihre Generation in der Pandemie warfen.

Traditionell bestimmen das Publikum und vier Jury-Mitglieder die Sieger, die mit einem Tragl St. Prosper und Geldpreisen, gesponsert von der Stiftungsbrauerei, nach Hause gehen. Die Jury bestand dieses Jahr aus Börnie Sparakowski (Sinnflut GmbH), Michaele Heske (Erdinger Anzeiger), dem Musiker Limo Lechner sowie Erdings Boogie-Woogie-König Peter Heger, der sich in einer Doppelrolle befand, weil er die Veranstaltung spontan moderieren musste.

Heger erzählte von Prosper Tiro von Aquitanien, einem Heiligen im 5. Jahrhundert, der gleichermaßen Schutzpatron für Schriftsteller, Dichter und somit auch Kabarettisten sei.

St. Prosper war jedenfalls DJ Rix Rottenbiller hold. Der gebürtige Haager ist kein Unbekannter auf der Kleinkunstbühne. Einmal mehr zeigte der Profi, dass sicheres Auftreten und routinierte Gags zum Erfolg führen – alles mit grantiger Mimik. Rix, der eigentlich Thomas heißt, beschwerte sich, dass „die Deppen immer mehr werden“. Das rege ihn dermaßen auf: „Ich muss meiner Seele Luft machen, bevor es mich zerreißt“, sagte er. Statt seines Psychologen, den er übrigens auch für einen Deppen hielt, wählte er die Bühne. Das Publikum sowie die Juroren kürten Rottenbiller zum zweiten Sieger des Abends, jetzt ist er um 500 Euro reicher.

Den dritten Platz, der mit 200 Euro dotiert war, belegte die 25-jährige Teresa Reichl, auch wenn ihr Auftreten im Vergleich zu den anderen Kabarettisten eher mäßig war. Das mag (auch) dem gebrochenen Fuß geschuldet gewesen sein, denn die junge Frau humpelte mit Krücken und Gipsstiefel auf die Bühne. Dafür hatte es das Thema in sich. Reichl bezeichnete sich als „mega uncool“. Sie entspreche nicht dem typischen weiblichen Klischee. „Mei Geschlecht is koa Schimpfwort“, sagte die Poetry-Slamerin, die nun mit einem kabarettistischen Programm debütierte. Am Samstag sprach sie über Männer genau so, wie Männer seit Jahrhunderten über Frauen reden.

Die Germanistin konterkarierte barocke Sonetts, in denen Männer „Frauen verführten, ohne sie vorher zu fragen“. Sie mokierte sich über Eduard Mörike, der für Luise oder Klärchen Gedichte schrieb, aber niemals für seine Frau. Drehte den Spieß um, wenn Männer ihre Frauen züchtigen, und blickte auch auf postmoderne Sänger, die Frauen immer noch für ihr Eigentum hielten.

„Was ist wichtiger, Bühnenpräsenz oder Inhalt?“ Diese Frage wurde in der Jury heftig diskutiert. Lechner fand die Lösung: „Vielleicht sollte sich Teresa eine Regisseurin suchen, die mit ihr die Performance probt?“ Und Sparakowski ergänzte: „Aber thematisch super, sehr ungewöhnlich und überraschend für das Kabarett.“

Michaele Heske

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare