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Einsame Wege: Viele alte Menschen leiden unter der wochenlangen Isolation in der Corona-Krise.
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Distanz, um zu schützen: Die Bänke vor dem Heiliggeist-Stift in Erding wurden mit dem Hinweisschild versehen, dass bitte zwei Meter Abstand zu halten ist. 

Besuchsverbote, Betreuung in Schutzkleidung

Erdinger Senioren in Corona-Zeiten: „Es geht an keinem spurlos vorbei“

Besuchsverbot im Seniorenheim, vermummter Trost in Schutzkleidung: Die  Betreuung alter Menschen und Schwerstkranker in der Corona-Krise ist eine  große Herausforderung.

LandkreisDie Corona-Krise stellt alle Menschen vor große Herausforderungen und sorgt für immense psychische Belastungen. Alte Menschen leiden besonders darunter.

Auf die Frage, wie denn die Stimmung im Heim sei, sagt Georg Edenhofer, Leiter des Heiliggeist-Stifts am Stadtpark in Erding, freimütig: „Relativ schlecht.“ Die Corona-Krise zehre sowohl beim Betreuungspersonal wie bei den Bewohnern an den Nerven. „Es geht an keinem spurlos vorbei.“

Der Kontakt zu den Angehörigen werde schmerzlich vermisst. Sie hätten Hilfestellungen geleistet, beispielsweise um die alten Leute zum Essen zu motivieren und ihnen Gesellschaft zu leisten. Dennoch sei die Isolierung „ganz wichtig“, um die Bewohner als Hochrisikogruppe zu schützen. Man sei sehr froh, dass das Heiliggeist-Stift coronafrei sei und tue alles dafür, dass dies so bleibe.

Angehörige: Kontakt vor dem Fenster

Im Stift werden 150 Menschen betreut und versorgt. Vom Herzen her würde Edenhofer Lockerungen begrüßen, doch zentral sei die sorgenvolle Frage: „Holen wir uns Corona ins Haus?“ Neue Wege würden gesucht. Das Heiliggeist-Stift sei wahrscheinlich eines der wenigen Häuser, das den Speisesaal noch geöffnet halte, um unter Einhaltung der Sicherheitsvorschriften und Abstandsregelungen zumindest einem Teil der Senioren das gemeinsame Essen weiterhin zu ermöglichen.

Einzelbeschäftigung sei das Gebot der Stunde. „Die Betreuungsassistentinnen machen ihr Möglichstes“, sagt Edenhofer. Auch für aufmunternde Angebote wie Brieffreundschaften mit jungen Leuten über Schulen sei man sehr dankbar. Mittlerweile würden sich Angehörige mit ihrem Klappstuhl vor dem Haus niederlassen, um zu ihren Lieben am Fenster Kontakt zu halten und sich durch Zurufe zu verständigen. Bei diesem anrührenden Bild habe er „feuchte Augen bekommen“, erzählt Edenhofer.

Alle Zimmer im Stift seien mit Balkonen versehen. Deshalb hatte man die Idee, die Bewohner mit einem kleinen Platzkonzert der Stadtkapelle zu erfreuen – nur drei, vier Lieder, die vor und hinter dem Haus erklungen wären, sagt Edenhofer. Leider sei das vom Ordnungsamt nicht genehmigt worden, bedauert der Heimleiter. Man habe wohl befürchtet, dass Menschen von außerhalb angezogen würden und sich Gruppen bilden könnten.

Edenhofer hofft, dass die Corona-Krise bald vorbei ist. Ein Glascontainer mit Trennwand und Telefon zur gefahrlosen Kontaktaufnahme zwischen den Senioren und ihren Angehörigen sei ein denkbares Modell, falls die Ausnahmesituation noch länger dauere. So etwas gebe es überregional bereits in einigen Heimen. Man müsse schauen, „dass unsere Bewohner nicht zu viel Schaden an der Seele erleiden“, betont Edenhofer.

Für eine 47-jährige Landkreisbürgerin und ihre 87-jährige demenzkranke Mutter, die seit zwei Jahren in einem Heim betreut wird, ist die Corona-Krise eine emotional sehr schwierige Zeit. Der Trennungsschmerz und die Sorge, ob ihre Mutter die Kontaktsperre unbeschadet verkraftet, sorgen für Kummer. Man könne ja nicht nur an Corona, sondern auch „an gebrochenem Herzen sterben“, sagt die Tochter.

Vor Corona hat sie ihre Mutter jede Woche im Heim besucht, brachte Kuchen mit, trank mit ihr gemeinsam Kaffee, half bei der Betreuung und unternahm mit der alten Dame Spaziergänge in die nähere Umgebung. Bei Gesprächen über die Kindheit sei die Erinnerung der Mutter zurückgekehrt. „Sie ist richtig aufgeblüht“, erzählt die Tochter.

Diese intensive Zuwendung ist momentan nicht möglich. Ihre Mutter könne die Situation gar nicht richtig begreifen. Seit die betagte Frau kürzlich auch noch schwer gestürzt ist, sitzt sie im Rollstuhl und wird vom Pflegepersonal zum Fenster geschoben, wenn die Tochter sie besucht. „Ich bin schon zufrieden, wenn ich die Mama über Fensterkontakt sehen kann“, sagt die 47-Jährige. Besonders schmerzlich war, dass die Mutter nach ihrem Krankenhausaufenthalt im Heim 14 Tage in Quarantäne musste, obwohl sie zweimal negativ getestet worden sei.

Viele traurige Gesichter

Größtenteils sei das Pflegepersonal sensibel und fürsorglich. Es gebe auch schöne Angebote für die alten Menschen. Doch die 47-Jährige hat auch anderes erlebt. Als sie einen Pfleger gebeten habe, der Mutter ein Vitaminpräparat zu geben, um sie zu aufzupäppeln, habe der Mann gefragt: „Wollen Sie wirklich, dass ihre Mutter 200 Jahre alt wird?“ Das sei sehr verletzend gewesen.

Natürlich wolle sie keine potentielle Virus-Überträgerin sein und verstehe auch, dass die Heimbewohner durch die Isolation geschützt werden müssen, versichert die Tochter. Aber eines ist für sie eine unerträgliche Vorstellung: „Ich möchte meine Mutter nicht erst dann in die Arme schließen können, wenn sie im Sterben liegt, weil es dann erlaubt ist.“

Barbara Huber von der Pflegedienstleitung des Palliativ Teams Erding berichtet, dass man in den Altenheimen „traurige und verlorene Gesichter“ sehe. Die Sehnsucht nach den Angehörigen sei ein großer Schmerz.

Das Palliativ Team betreut derzeit rund 50 Personen, die meisten in den eigenen vier Wänden, einige in Seniorenheimen. Auch jüngere Patienten mit einer schweren Erkrankung hätten Angst vor Isolation und drängten bei einem Krankenhausaufenthalt darauf, schnell wieder nach Hause zu kommen, um viel Zeit mit der Familie verbringen zu können.

Hohe Belastung fürs Palliativ Team Erding

In Corona-Zeiten würden die Kliniken Palliativpatienten zudem schneller entlassen oder erst gar nicht aufnehmen. Das stelle neue Herausforderungen an die Pflege Zuhause. „Es wird viel und anders gearbeitet“, sagt Huber. Die pflegerische Versorgung und „tröstende Zuwendung“ erfolge in Handschuhen, Kittel und Mundschutz. Berührungen, um Menschen in schweren Stunden beizustehen, seien schwierig geworden. Wo es möglich sei, leiste man Betreuung übers Telefon und reduziere die Hausbesuche, um die Patienten und auch das Team zu schützen. Die 24-Stunden-Notrufnummer sei ein wichtiger Anker. Jeder Patient habe nach wie vor die Versicherung: „Es kommt jemand, wenn’s mir schlecht geht.“

Für Seniorenheime würde sich Huber wünschen, dass wenigstens ein Angehöriger mit Schutzkleidung regelmäßig zu Besuch kommen darf. Es gebe „viel Verzweiflung und Tränen“ bei den alten Menschen. Das Palliativ Team selbst könne sich momentan ebenfalls nicht zum direkten Austausch treffen. Man kommuniziere über Videokonferenzen.

Die Geschäftsführerin des Palliativ Teams, Monika Vogt, verweist auf die hohe Belastung, mit der die Pflegenden umgehen müssten. Der Respekt und die Anerkennung müssten sich verstärkt in der Bezahlung und in den Pflegekonzepten niederschlagen. „Wir arbeiten darauf hin, die Vergütung angemessen zu gestalten. Wir achten auf unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“ (VRONI VOGEL)

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