Gesammelte Werke: Imke Walsh-Araya übersetzt mit einem Team die Bücher von Bestseller-Autoren wie John Grisham, Meg Gardiner und Thomas Harris.
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Gesammelte Werke: Imke Walsh-Araya übersetzt mit einem Team die Bücher von Bestseller-Autoren wie John Grisham, Meg Gardiner und Thomas Harris.

Erdingerin übersetzt Grisham-Romane

Die Erdingerin Imke Walsh-Araya übersetzt mit einem Team die Bücher von Bestseller-Autoren wie John Grisham, Meg Gardiner und Thomas Harris. Sie kam durch einen Zufall zu dem Job.

Erding – Wer gerne die Gerichtsromane des US-amerikanischen Autors John Grisham liest, kennt sie: Die Übersetzerin Imke Walsh-Araya aus Erding überträgt seit fast 20 Jahren die Werke von Grisham und anderen Schriftstellern ins Deutsche.

Sie sei gut in Sprachen gewesen und habe immer viel gelesen, berichtet Imke Walsh-Araya, die in Ingolstadt aufgewachsen ist. Nach einer Ausbildung an der Münchner Sprachenschule absolvierte sie die Prüfungen zur Übersetzerin für Englisch, Französisch und Spanisch. Den Einstieg ins Berufsleben startete sie in der Lateinamerika-Abteilung bei BMW, heiratete einen Chilenen, bekam mit ihm zwei Kinder (heute 32 und 30 Jahre) und verbrachte samt Familie ein Jahr in der Heimat ihres Mannes.

Nach der Rückkehr nach Deutschland trennte sich das Ehepaar. Walsh-Araya arbeitete bei Audi in Ingolstadt, ein Nebenverdienst war für die zweifache Mutter aber willkommen. Eine Kleinanzeige, in der eine Agentur Übersetzer für Bücher aus dem Englischen suchte, kam da wie gerufen. „Obwohl es nicht so gut bezahlt war, fand ich es toll, ein Buch zu übersetzen“, erinnert sich die 60-Jährige, die damals vom Inhalt der zu übersetzenden Schnulzenromane nicht sehr begeistert war. Dies änderte sich, als sie 2002 die Anfrage bekam, ob sie mit einem Team den Roman „Der Richter“ von John Grisham übersetzen wolle. „Ich war natürlich begeistert – Grisham war damals schon ein Bestseller-Autor – und habe sofort zugesagt“, berichtet Walsh-Araya. Für die mittlerweile selbstständig arbeitende Übersetzerin hieß das einige Wochen Akkordarbeit mit Nachtschichten, denn für Grishams Romane bleiben oft nur vier bis fünf Wochen Zeit, in denen ein Übersetzer-Team das Buch ins Deutsche überträgt. Mit ihrer Arbeit war der Verlag wohl sehr zufrieden, denn inzwischen konnte sie bereits den 19. Grisham-Roman bearbeiten. „Er kann sehr gut schreiben, es ist ein Vergnügen, ihn zu übersetzen“, lobt sie ihren Autor.

Ihre Buchübersetzungen füllen mittlerweile ein ganzes Regal: Neben Grishams Romanen steht auch seine Jugendbuch-Reihe um den jungen Anwalt Theo Boone darunter, bunt gemischt mit Australienromanen von Peter Watt, Krimis von Meg Gardiner oder einem Thriller von Thomas Harris.

Nach Erding kam Walsh-Araya über Irland, denn ihr zweiter Ehemann, der IT-Fachmann Michael Walsh aus Dublin, arbeitet bei Amadeus in Aufhausen. In ihrem Büro in der Erdinger Innenstadt übersetzt sie pro Jahr zwei bis drei Bücher, dazwischen stehen zahlreiche andere Projekte wie Übersetzungen für Firmen, Privatleute und Behörden für die „öffentlich bestellte und vereidigte Übersetzerin“ auf dem Programm. „Mein Arbeitstag geht normalerweise von 10 bis 20 Uhr, aber kurz vor einem Abgabetermin kann es durchaus auch länger dauern“, erklärt die Sprachen-Fachfrau. Mit dabei ist meist auch Mischlingshündin Tessa, die im Büro ihren festen Schlafplatz hat.

Auch der neue Grisham-Roman „Die Wächter“, der im März 2020 auf Deutsch erschienen ist, wurde von dem eingespielten Übersetzertrio aus dem Englischen übertragen. Walsh-Araya und ihre beiden Kolleginnen verständigen sich dabei meist per E-Mail oder Telefon, persönliche Treffen sind nicht nötig. „Die Kapitel werden aufgeteilt, ich bekomme meistens den Schlussteil“, erläutert sie. Für einen ersten Überblick wird das zu übersetzende Werk gelesen, dann beginnt die Diskussion für die Übersetzerinnen. Es gilt, sich vor allem zu einigen, welche der Personen im Buch sich duzen und welche sich siezen, denn für beide Fälle steht im Englischen das „you“. Auch die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Rechtssystem ergeben oft Diskussionspotenzial. Für die Schlüsselbegriffe erstellt jede der Übersetzerinnen ein Glossar, das dann im Team ausgetauscht wird. Die Endabstimmung übernimmt ein Lektor.

„Pro Tag schafft man ungefähr 15 Seiten zu übersetzen“, erklärt Walsh-Araya, die sich mittlerweile auf das Fachgebiet Recht spezialisiert hat. Da Grishams Werke in allen Ländern relativ zeitgleich erscheinen sollen, sei eine Übersetzung in dieser kurzen Zeit nur im Team möglich. Eine große Hilfe sei ihr Ehemann Michael, der mit seinem guten Sprachgefühl oft bei einer Formulierung herangezogen werde. Die Belohnung für den Kraftakt: „Es ist toll, am Ende das gedruckte Buch zu sehen“, sagt die 60-jährige mit leuchtenden Augen.

Gerda und Peter Gebel

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