Kindheit in Maierklopfen: die Landwirtsfamilie Weilnhammer mit Ursula (vorne, 2. v. l.), Eltern und Geschwistern um 1929. Repro.
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Kindheit in Maierklopfen: die Landwirtsfamilie Weilnhammer mit Ursula (vorne, 2. v. l.), Eltern und Geschwistern um 1929. Repro.

Mein Leben: Ursula Muschal (97) arbeitete stets hart, zog nicht nur eigene Kinder auf und pflegte ihren Mann

„Es musste halt jemand machen“

  • VonGerda Gebel
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Auf fast ein Jahrhundert blickt die 97-jährige Ursula Muschal zurück. Aufgewachsen ist sie noch in der Weimarer Republik, hat den Zweiten Weltkrieg mit der anschließenden Besatzungszeit und die Aufbaujahre mitgemacht, immer verbunden mit harter Arbeit. Begleitet hat sie die Haltung, immer mit anzupacken, wo ihre Hilfe gebraucht wurde.

Klettham – Als jüngstes von acht Kindern kam die kleine Ursula Weilnhammer in Maierklopfen (Gemeinde Bockhorn) zur Welt, wo die Eltern einen kleinen Bauernhof betrieben. Schon früh mussten auch die Kinder mithelfen, die älteren betreuten dabei die jüngeren. „Als Jüngste hatte ich eine besonders enge Beziehung zu unserer Mutter“, erinnert sich Ursula Muschal.

Zur Schule marschierten die Kinder bei jedem Wetter ins benachbarte Hörgersdorf. Bei besonders hohem Schnee habe ihre Schwester sie sogar auf dem Rücken zur Schule getragen, berichtet sie. Wie damals üblich, wurden in einem Klassenraum gleich mehrere Klassen von einem Lehrer unterrichtet.

Arbeit bei der Reichsbahn

In guter Erinnerung hat die 97-Jährige ihre Schulzeit zusammen mit den Freundinnen. Nach dem Schulabschluss stand für sie das im Dritten Reich vorgeschriebene Pflichtjahr auf dem Programm, bei dem die jungen Frauen auf das Leben als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden sollten. Für zwei Jahre wohnte und arbeitete sie auf einem Bauernhof in Hammersdorf bei Walpertskirchen, erlernte dort die Haushaltsführung und bekam neben Kost und Logis auch 30 Mark Monatslohn, wie sie schmunzelnd erzählt.

Für kurze Zeit alleinerziehend: Ursula Muschal mit ihrem Sohn Georg im Jahr 1947. Repro.

Deutschland befand sich im Kriegszustand, und Ursula Weilnhammer startete ihre berufliche Laufbahn bei der Deutschen Reichsbahn am Erdinger Bahnhof. Lebhaft erinnert sie sich an den regen Betrieb mit Lieferung und Abholung von Waren aller Art, für die sie die Güterabfertigung mit Frachtbriefen zu erledigen hatte. „Sogar lebende Schweine und Kühe wurden verfrachtet“, erzählt sie und berichtet von Expresslieferungen, die dann umgehend per Schubkarren direkt zum Empfänger gebracht wurden. Auch der Fahrkartenverkauf war schwieriger als heute, denn die Entfernung zum Zielort musste erst in einem großen Katalog nachgeschlagen werden, um dann den Preis für die Fahrkarte zu errechnen. „Es war viel los damals, aber ich habe auch viel gelernt“, resümiert Ursula Muschal.

Nach Kriegsende übernahmen die Amerikaner neben dem Fliegerhorst auch die Leitung des Bahnverkehrs und die Abwicklung wurde in den Erdinger Fliegerhorst verlegt. Da der Name Ursula für die Amerikaner schwer auszusprechen war, wurde sie dort „Julie“ genannt. Beinahe hätte es sie nach Amerika verschlagen, denn sie verliebte sich in Robert, dessen Mutter daheim in den USA eine Geflügelfarmbetrieb und sich schon auf die landwirtschaftlich erfahrene Schwiegertochter gefreut hatte.

Für Hochzeit wurde Jackett eingefärbt

Doch Robert verstarb kurz darauf und Ursula blieb mit Sohn Georg in Bayern. „Der Abschied von der Mutter wäre mir schon sehr schwergefallen“, sagt Ursula Muschal heute. Sie arbeitete weiter im Fliegerhorst als Sekretärin, wo sie den Schneider Bernhard Muschal aus dem Sudetenland kennenlernte. Die Hochzeit fand 1950 im Kreis der Familie statt.

„Das Brautkleid habe ich gebraucht für 50 Mark erstanden, das Jackett vom Bernhard war ursprünglich beige, das mussten wir schwarz einfärben“, erinnert sich Ursula Muschal an ihren Freudentag vor über 70 Jahren. Bernhard Muschal war Witwer, seine erste Frau war schon vor dem Krieg verstorben. Nun wollte der er seine in Schlesien verbliebene Tochter Liesbeth zu sich holen, doch dies scheiterte am Widerstand der Tanten des Kindes. So blieb nur die Unterstützung mit Paketen, bis die Tochter als Erwachsene nach Deutschland kommen konnte.

Viel Veränderung brachte das Jahr 1955 für die Familie, als die gemeinsame Tochter Annemarie zur Welt kam. Gleichzeitig wurde der Bau des eigenen Hauses in Klettham mit viel Eigenleistung in Angriff genommen, während die Eheleute weiterhin im Fliegerhorst tätig waren. Ursulas Schwester Leni übernahm die Kinderbetreuung.

Die besten Cremes zum Ausprobieren

Erst mit der Einschulung von Tochter Annemarie beendete Ursula Muschal ihre Dienstzeit im Fliegerhorst und wurde Hausfrau. Als eine allein erziehende Kollegin dringend eine Betreuung für ihre kleine Tochter suchte, sprang Ursula Muschal sofort als Tagesmutter ein und hat bis heute einen guten Kontakt zur Pflegetochter. Und auch als kurz darauf die junge Ehefrau ihres Neffen verstarb und den Mann mit fünf kleinen Kindern zurückließ, sprang seine tatkräftige Tante Ursula ein.

Stolze Großeltern: Bernhard und Ursula Muschal mit Enkelin Simone. Repro.

Die zwei älteren Buben zogen zu den Muschals ins Haus und wurden hier neben der Schule betreut. „Es war damals nicht leicht, allem gerecht zu werden“, sagt die hilfsbereite Seniorin, aber man musste doch helfen.

Um das eigene Heim finanzieren zu können, unterstützte Ursula Muschal ihren Mann nach Kräften. Sie eröffnete eine Heißmangelei im Haus, die Maschine wurde auf Raten gekauft, und die zweifache Mutter bügelte unermüdlich Tischwäsche, Schürzen sowie Hemden für eine Gastwirtschaft und für Privatleute. Schon bald war sie im ganzen Viertel auch als Avon-Beraterin unterwegs und versorgte die Nachbarschaft mit Schönheitsprodukten aller Art. „Das hat Spaß gemacht, und ich selber hatte jetzt die besten Cremes zum Ausprobieren“, erzählt die ehemalige Beraterin schmunzelnd, hatte sie sich doch zuvor aus Sparsamkeit kaum Schminksachen gegönnt.

Stütze des Sozialkreises

Für ihren jahrzehntelangen Einsatz im Dienste der Schönheit wurde sie von der Firma Avonsogarals dienstälteste Beraterin Deutschlands mit einer Urkunde ausgezeichnet. Da sie bei Sonderangeboten immer gut auf Vorrat eingekauft hatte, habe sie aus ihrem Fundus auch immer Geschenke aller Art auf Lager gehabt, berichtet sie zufrieden.

Gefragt war die soziale Ader der vielseitigen Frau auch in der Pfarrei St. Vinzenz in Klettham, wo sie über 35 Jahre den Sozialkreis unterstützte. Hilfe für Alte oder Kranke, Besuche im Altenheim, Haussammlungen für die Pfarrei – Ursula Muschal packte mit an, wo sie gebraucht wurde. „Da habe ich nicht überlegt, ob ich das jetzt gerne mache, es musste halt jemand machen“, erklärt sie pragmatisch.

Als Ehemann Bernhard pflegebedürftig wurde, übernahm sie klaglos die Betreuung des mehr und mehr auf sie angewiesenen Gatten. Den großen, kräftigen Mann im Rollstuhl zu fahren, war oft kräftezehrend, belastend war aber auch die fortschreitende Demenz, wegen der Bernhard Muschal seine Familie oft nicht mehr erkannte. „Ich will heim zu meiner Frau“, klagte er, während er doch im heimischen Wohnzimmer saß.

Immer noch zahlendes Mitglied beim RW Klettham

Zählen konnte Ursula Muschal immer auf die Unterstützung von Tochter Annemarie, die mit ihrer Familie im Haus wohnt. Die Familie half ihr auch über den Tod des Ehemannes hinweg, mit dem sie 44 Jahre verheiratet gewesen war. Als kurz darauf ein enger Freund der Familie Hilfe brauchte, sprang sie auch hier ein und betreute den früheren Arbeitskollegen ihres Mannes, Peter Kauf-mann, über mehrere Jahre.

Prost auf den 95. Geburtstag: Mit der Familie feierte Ursula Muschal 2018 ihr Wiegenfest.

Abschied nehmen hieß es dann auch vor zwei Jahren von Sohn Georg, der überraschend im Alter von 72 Jahren verstarb. Doch auch selbst blieb Ursula Muschal von gesundheitlichen Problemen nicht verschont. Schon als junge Frau erlitt sie bei einem schweren Unfall mehrere Wirbelbrüche, die ihr ein Leben lang andauernde Rückenschmerzen bescherten.

Doch klagen ist nicht ihre Art, sie ist eher eine Frau der Tat. Um weiterhin einsatzbereit zu bleiben, absolvierte sie mehrere Kuraufenthalte und hielt sich mit Gymnastik fit. Getreu ihrem Motto „Immer in Bewegung bleiben“, war sie lange Jahre beim Sportverein Rot-Weiß Klettham in der Turnabteilung aktiv, „heute bin ich nur noch zahlendes Mitglied“, sagt sie schmunzelnd. Auch die Wasser- und Trockengymnastik der Rheumaliga besuchte die unermüdliche Seniorin eifrig.

Sportlich auf dem Heimtrainer

Ihre sportlichen Aktivitäten übt sie mittlerweile zuhause aus und beginnt den Tag mit Übungen im Bett. „Auch der Heimtrainer ist weiter in Betrieb“, versichert die 97-Jährige. Vor Corona konnte man Ursula Muschal noch öfter mit ihrem Rollator in der Stadt treffen, wo sie sich nach einem Besuch beim Arzt einen Kaffee gönnte.

Es ist schon erstaunlich, was wir alles geschafft haben mit unseren eigenen Händen.“

Ursula Muschals Fazit ihres langen und arbeitsreichen Lebens

Während der Pandemie aber bleibt ihr Radius mehr auf Haus und Garten beschränkt. Zusammen mit der Familie von Tochter Annemarie wurde hier immer gern gefeiert, ob Geburtstage, Oktoberfest oder die Fußball-WM, Oma Ursula war immer mit dabei und genoss die Geselligkeit. Dass Reisen heute kaum noch möglich sind, trifft sie weniger hart. Gerne nahm sie früher an Tagesaus-flügen mit dem Bus teil, ihre erste Flugreise wagte sie erst mit 80 Jahren. Zu einem Besuch bei ehemaligen Nachbarn flog sie zusammen mit der Tochter nach Spanien, das sei zwar interessant gewesen, aber runterschauen hätte sie nicht können wäh-rend des Fluges.

Ihr Ausgleich für die viele Arbeit war eher der Garten, den sie auch heute noch genießt. Unverzichtbar ist für sie auch die tägliche Lektüre der Heimatzeitung zusammen mit dem Kreuzworträtsel, das sie nach dem gemeinsamen Frühstück mit Tochter und Schwiegersohn Erich in Angriff nimmt. Dass es der Oma nicht langweilig wird, dafür sorgen auch die drei Enkelinnen Simone, Sandra und Kerstin zusammen mit den vier Urenkeln. Auf ihr Leben blickt Ursula Muschal zufrieden zurück: „Es ist schon erstaunlich, was wir alles geschafft haben mit unseren eigenen Händen.“

Gerda und Peter Gebel

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