Blick von der Empore ins Heiliggeist-Kircherl: Stadtarchivar Markus Hiermer erklärt die Besonderheiten.
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Blick von der Empore ins Heiliggeist-Kircherl: Stadtarchivar Markus Hiermer erklärt die Besonderheiten.

Ein Besuch an der Landshuter Straße

Heiliggeist-Kircherl: Erdings verborgenes Gotteshaus

  • vonGerda Gebel
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Sie steht gegenüber vom Erdinger Rathaus und ist doch recht unscheinbar im Vergleich zu anderen Kirchen der Stadt. Selbst im Kirchenführer wurde sie vergessen: das Heiliggeist-Kircherl.

Erding – Viel beachtet werden in Erding die imposante Stadtpfarrkirche St. Johannes und die Wallfahrtskirche Heilig Blut. Viel weniger in der öffentlichen Wahrnehmung ist im Gegensatz dazu das kleine Heiliggeist-Kircherl an der Landshuter Straße. Dabei gibt es darin viel Interessantes zu sehen und zu erfahren. Stadtarchivar Markus Hiermer hat sich intensiv mit der Geschichte des Gotteshauses und der dazugehörigen Heiliggeist-Spitalstiftung befasst.

Mit einem Vortrag von Hiermer wollte Sandra Angermaier vom Kreisverein für Heimatschutz und Denkmalpflege die Mitglieder in der veranstaltungsarmen Corona-Zeit erfreuen. Durch die Verschärfung der Lage musste auch der Vortrag abgesagt werden, doch der Referent teilt gerne seine Erkenntnisse bei einer kleinen Führung.

Hinter einem unscheinbaren Eingang mit einer hölzernen Tür verbirgt sich das Kircherl, das sogar im offiziellen Kirchenführer vergessen wurde, wie Hiermer herausgefunden hat. Seit 1993 ist er als Archivar bei der Stadt Erding tätig. Gleich seine erste größere Aufgabe drehte sich um die Heiliggeist-Spitalstiftung. „Zu deren Gründung vor 550 Jahren durfte ich für meinen damaligen Chef Josef Stimmer eine Übersicht erstellen“, erzählt der 52-jährige Diplom-Archivar (FH).

Ursprüngliche Kirche wurde im 17. Jahrhundert zerstört

Die ursprünglich gotische Kirche ist im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) fast völlig zerstört worden. Der barocke Nachbau stammt aus dem Jahr 1688.

Der klassizistische Hochaltar scheint beinahe überdimensioniert für das kleine Gotteshaus, das etwa 60 Gläubigen Platz bieten kann. Erst seit zwei Jahren kann die Kirche auch einen Volksaltar aufweisen, der von Schreinerlehrlingen der Erdinger Berufsschule entworfen worden ist.

Indiz für die Gründerzeit: der Schlussstein mit dem Wappen der Familie Schreiber (r.). Es steht auf dem Kopf.

Gleich rechts am Eingang weist ein alter Schlussstein auf das Alter des Gotteshauses hin. „Hier ist gebaut worden Anno 1444“, erklärt Hiermer die Inschrift in Altdeutsch und weist auf eine Besonderheit hin, nämlich das Wappen der Familie Schreiber (später Schreiber von Grünbach bzw. Krafft von Grünbach), das auf dem Kopf stehend abgebildet ist.

Platz für weitere Spender

Die erste urkundliche Erwähnung datiert von 1448 mit der Stiftung des Benefiziums (der Spitalmesse) durch die Witwe Anna Hellmeister. Wer sich in dem kleinen Gotteshaus umsieht, findet eine Marmorplatte mit den Namen zahlreicher Wohltäter und den gespendeten Beträgen. „Unten wäre auch noch Platz für weitere Spender“, sagt Hiermer schmunzelnd.

Besonders ins Auge sticht die prachtvolle Stuckdecke, die Wessobrunner Stuckateure kunstvoll mit geflügelten Engelsfiguren verziert haben. Eine Strahlenkranz-Madonna, Bilder der Kreuzwegstationen und der zehn Gebote, ein bebildertes Vaterunser und ein großes Votivbild schmücken die Kirchenwände. Passend zum Patrozinium der Kirche zeigt das große Altarbild die „Ausgießung des Hl. Geistes an Pfingsten“.

Auch auf der ersten Empore finden einige Personen Platz, auf der zweiten Empore steht das Harmonium. Normalerweise findet in der Kirche, die zur Stadtpfarrei St. Johannes gehört, jeden Donnerstag um 19 Uhr eine Messe statt. Auch Taufen, kleine Hochzeiten oder Schülertreffen werden hier gefeiert. Dies alles ist in Corona-Zeiten nicht möglich.

Stiftung vor 575 Jahren gegründet

Eingebettet ist das Kirchlein in das bauliche Ensemble des Heiliggeist-Hofes. Dieser hat bis vor 50 Jahren das Heiliggeist-Spital beherbergt, das die Familien Schreiber und Zirnberger zur Versorgung armer und kranker Bürger der Stadt gegründet hatten. Hans Schreiber war 1442 Erdinger Bürgermeister, sein Nachfolger war 1443 Friedrich Zirnberger. Die Verwaltung wird noch heute von der Stadt Erding verwaltet.

Baulich verbunden mit den Gebäuden des Spitals an der Landshuter Straße ist das Heiliggeist-Kircherl (Eingang ganz rechts).

„Ein Spital hatte immer auch eine eigene Kapelle oder Kirche dabei, denn die Bewohner sollten täglich für das Seelenheil der Stifter beten“, erklärt Hiermer. Die so genannten Pfründner konnten sich in das Spital einkaufen, aber es fanden auch „Hausarme“ Aufnahme, die alleinstehend waren und nur noch ihr Haus besaßen. „Durch die Pfründner, die ihr Privatvermögen in die Stiftung einbrachten, wurde diese über die Jahrhunderte immer reicher und verfügt heute über einen großen Besitz an Immobilien und Wald“, erläutert der Stadtarchivar.

Um den Bewohnern die Teilnahme am Gottesdienst auch bei Krankheit zu ermöglichen, war die Kirche mit den Spitalgebäuden verbunden. Noch heute sind die kleinen Fenster im oberen Bereich zu sehen, durch die die Gebrechlichen die Messe mitfeiern konnten. „Die Pflege der Alten und Kranken übernahmen die Ordensfrauen der Vinzentinerinnen“, erzählt Hiermer, die sich erst Anfang der 1990er Jahre zurückzogen.

Zu der Zeit war das Heiliggeist-Stift bereits an seinen neuen Standort am Stadtpark umgezogen. An der Hiasl-Maier-Straße hatte die Stiftung 1969 ein Altenheim mit 100 Plätzen gebaut und 1994 einen Anbau errichtet. Heute beherbergt es 160 Bewohner aller Pflegegrade. Im November 2019 konnte das 575. Gründungsjubiläum der Stiftung gefeiert werden, verbunden mit dem Umzug vor 50 Jahren in den Neubau.

Gerda und Peter Gebel

Weitere Infos

zur Stiftung und Kirche sind in der Broschüre „50 Jahre Heiliggeist-Altenheim am Stadtpark“ nachzulesen. Sie ist im Erdinger Rathaus erhältlich.

Die Hospitaliter

Die Geschichte der Heiliggeist-Spitalstiftungen geht zurück auf den Orden der Hospitaliter vom Heiligen Geist, die sich der Armen-, Waisen- und Krankenpflege verpflichteten. Das erste Heilig-Geist-Spital wurde von Ordensgründer Guido von Montpellier ca. 1170 in Südfrankreich gegründet, der Hauptsitz des Ordens liegt in Rom, das „Ospedale di Santo Spirito in Sassia“.

Die Hospitaliter breiteten sich besonders in Frankreich, Italien und Deutschland aus. Im Jahr 1847 wurde der Orden schließlich aufgelöst, doch die meisten der seit dem Spätmittelalter im deutschsprachigen Raum bestehenden Spitalstiftungen existieren bis heute. ge

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