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Wildwechsel stellt immer eine Gefahr dar, nicht nur in der Brunftzeit. Wer nach einem Unfall weiterfährt, macht sich strafbar, warnt die Polizei.

Fast 1500 Wildtiere verunglückten voriges Jahr im Verkehr – Auch Hunde und Katzen

Das Massensterben am Straßenrand

Im Landkreis Erding passieren jedes Jahr über 1000 Wildunfälle. Viele ließen sich vermeiden. Im östlichen Landkreis sollen technische Hilfen beitragen, den Tod auf der Straße einzudämmen.

Landkreis Wer als Autofahrer auf einer Landstraße unterwegs ist, sollte immer damit rechnen, dass Tiere die Fahrbahn kreuzen. Und doch geschieht es dann überraschend: Zu schnell, zu plötzlich huscht ein Reh vorbei, Augen leuchten im Scheinwerferlicht, es kracht. Der Lockdown mit veränderter menschlicher Mobilität sowie der Winter haben das Verhalten des einheimischen Wildes zudem beeinflusst.

Hunde und Katzen kommen im Verkehr selten unter die Räder. Ausnahmen bestätigen freilich die Regel. Schäferhündin Bella wurde jüngst angefahren. An der B 15 bei Jaibing fand die Polizei Stunden später das schwer verletzte Tier. „Der Unfallverursacher hatte sich unerkannt entfernt“, berichtet Dorfens Polizeichef Harald Kratzel. Wer einfach weiterfahre und ein Tier ohne Meldung zurücklasse, verstoße gegen das Tierschutzgesetz und mache sich strafbar, warnt er.

Bellas Herrchen, Thomas Ulrich aus Jaibing, postete auf Facebook die Rettungsaktion. 167 Mal reagierten die Dorfener auf die Fahrerflucht, schrieben viele Kommentare. Auch Stephanie Zehtner aus Dorfen hat den Post gelesen und ärgert sich tierisch. „Es ist eine Sauerei, ein angefahrenes Tier verletzt auf der Straße liegen zu lassen“, empört sich die Verwaltungsangestellte, selbst Hundebesitzerin.

Sie hat selbst schon zwei Katzen überfahren. „Natürlich habe ich sofort angehalten und geschaut, ob ich noch helfen kann.“ Beide Tiere waren aber tot. „Das war so schlimm für mich. Ich sah die Besitzer vor mir, stellte mir vor, wie sie ihre Katze suchen und um sie trauern.“

Einmal habe sie selbst einen Streuner im Straßengraben gefunden und ihm ein neues Zuhause gegeben. Einen Wildunfall hatte die 46-Jährige bislang nicht: „Meiner Mutter sind allerdings schon drei Rehe vors Auto gesprungen.“

2020 ereigneten sich im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Dorfen 671 Wildunfälle, im Bereich der Erdinger Polizei kamen 774 Wildtiere unter die Räder. „Überwiegend beteiligt an diesen Unfällen sind Rehe. Danach folgen Hasen und weit danach sonstige Wildtiere – inklusive Katzen“, zählt Kratzel auf.

Deshalb bittet die Polizei die Bevölkerung um erhöhte Vorsicht bei Dämmerung sowie nachts auf bekannten Wildwechselstrecken. „Wer in einiger Entfernung ein Tier am Straßenrand oder gar auf der Fahrbahn sieht, sollte sofort kontrolliert bremsen, gegebenenfalls abblenden, denn das grelle Fernlicht macht die Tiere orientierungslos. Und zusätzlich hupen, um das Tier eventuell noch rechtzeitig von der Fahrbahn zu vertreiben“, erklärt Kratzel.

Lasse sich ein Zusammenprall nicht mehr vermeiden, sollte man auf keinen Fall ausweichen, da im Ernstfall ein kontrollierter Aufprall besser ist als ein Ausweichmanöver. „War ein Zusammenstoß nicht vermeidbar, gilt es als Erstes, die Unfallstelle mit Warnblinklicht und Warndreieck zu sichern und die Polizei zu rufen.“

Das Revier des Dorfener Jägers Franz Streibl liegt in Eibach. Immer wieder wird er nachts angerufen, weil Autofahrer ein Reh angefahren haben. Dann heißt es für ihn und seine Frau Agnes: sofortiger Aufbruch. „Wir suchen die verletzten Tiere, erlösen sie, wenn nötig, von ihrem Leid.“ Von Weihnachten bis Anfang Februar dieses Jahr kamen allein hier vier Geißen und ein Bock unter die Räder.

Die Tiere leben im Winter im Rudel. Sie haben Hunger, kommen näher zu den Menschen. Erst vor wenigen Tagen hat ein Hund Rehe aufgestöbert und gejagt. Zwei blieben dabei auf der Strecke (wir berichteten).

Ein rund fünf Kilometer langer Abschnitt an der B 15 zwischen Hohenpolding und Kaltenbrunn (Landkreis Landshut) ist eine von vier Pilotstraßen in Bayern, an denen das neue Wildwarnsystem „Animot“ seit nunmehr einem Jahr getestet wird. „Mein Partner hatte einen schweren Motorradunfall, ein Reh hatte die Strecke gekreuzt“, erklärt Entwicklerin Sabine Dahl. Das sei für sie der Grund gewesen, sich intensiv mit Wildunfällen zu beschäftigen und ein Start-up zu gründen.

Die Funktionsweise des Systems ist schnell erklärt: Die Leitpfosten entlang der Straße werden mit kleinen Geräten ausgestattet. Diese suchen 25 Meter nach links und rechts die Strecke nach Wild ab. Das läuft über Infrarotlicht, das Wärmequellen aufspürt. Schlägt das Gerät an, blinken gelbe Warnlichter am betreffenden und den benachbarten Leitpfosten.

„Materialschäden zu vermeiden, ist die eine Sache. Doch auch das Tierwohl steht bei diesem System im Vordergrund“, erklärt Dahl. „Leider ist den Verkehrsteilnehmern oft nicht bewusst, wie viele Tiere sich am Straßenrand aufhalten.“ Das gilt im Lockdown umso mehr: Es sind deutlich mehr Spaziergänger unterwegs als sonst – und stören dabei unbewusst die Ruhe des Wildes.

Michaele Heske

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