Immer wieder passieren auf der FTO schwere Unfälle, einer davon am 21. September 2019. Ein Opfer des Unfalls erinnert sich.
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Das Familienauto nach dem Frontalzusammenstoß auf der FTO bei Erding-Nord. Die drei Insassen werden teils schwer verletzt.

„Ich dachte mir nur: Was macht der da?“

Geisterfahrer rast in Auto junger Familie: Mutter noch traumatisiert - Hier erinnert sie sich an den Moment

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Immer wieder passieren auf der Flughafentangente Ost schwere Unfälle, einer davon am 21. September 2019 bei Erding. Ein Opfer des Unfalls erinnert sich.

  • Im September 2019 kracht ein Geisterfahrer auf der FTO bei Erding frontal in das Auto einer jungen Familie.
  • Die beiden Eltern erleiden schwere Verletzungen - und sind wochenlang auf Hilfe angewiesen.
  • Bis heute kämpfen die Opfer mit den Folgen des Unfalls - seelisch und körperlich.

Erding – Die Flughafentangente Ost ist eine der am stärksten frequentierten Staatsstraßen in Bayern. Immer wieder passieren hier schwere Unfälle, einer davon am 21. September vergangenen Jahres auf Höhe der Anschlussstelle Erding-Nord. Alle vier Beteiligten, darunter ein Säugling, erlitten teils schwere Verletzungen. Wie ist es, wenn einem plötzlich ein Auto entgegenkommt? Ein Opfer dieses traumatisierenden Unfalls erinnert sich.

Schlimmer Unfall bei Erding: Opfer erinnert sich zurück

Unfallopfer Kerstin Weng mit ihrer Tochter Ronja: Direkt nach dem Unfall konnte die Mama die Kleine nicht hochheben.

Es ist ein spätsommerlicher Samstag gegen 15.30 Uhr. Ein damals 32-Jähriger aus dem Kreis Erding befährt die FTO in südliche Richtung. An der Anschlussstelle Erding Nord kommt er aus ungeklärter Ursache auf die Gegenfahrbahn. Dort nähert sich eine junge Familie aus dem Raum München in ihrem Audi.

Erding: Geisterfahrer kracht mit Opel frontal zusammen - Insassen schwer verletzt

Der 41-jährige Vater hat keine Chance, dem auf ihn zurasenden Opel Cascada auszuweichen. Beide Fahrzeuge prallen frontal zusammen. Der junge Papa muss schwer verletzt in eine Münchner Klinik geflogen werden. Auch die Mutter, die neben dem optimal gesicherten Säugling im Fond sitzt, wird bös verletzt. Sie kommen ins Klinikum München-Schwabing. Aus der Traum vom Familienurlaub im Bayerischen Wald, dafür der Beginn eines Albtraums. Unter den Folgen leiden die Beteiligten bis heute.

Unfallopfer leiden bis heute an Folgen des traumatischen Zusammenstoßes

Die heute 38-Jährige auf dem Rücksitz ist Kerstin Weng. Im Rahmen der Sicherheitskampagne #AMillionMore des schwedischen Autoherstellers Volvo erzählt sie ihre Geschichte.

In der ersten Nacht nach ihrem Unfall kann Weng kaum schlafen. Gemeinsam mit ihrer erst vier Monate alten Tochter Ronja liegt sie auf der Kinderstation im Schwabinger Krankenhaus. Immer, wenn ihre Augen vor Müdigkeit zufallen, sieht sie es: das schwarze Auto, das auf ihren Wagen zurast. „Ich dachte mir nur: Was macht der da?“, erzählt sie heute von den ersten Bildern.

„Ich dachte mir nur: Was macht der da?“

Sie erinnert sich, dass sie ihrem Freund noch zugerufen habe: „Pass auf!“ Der heute 42-Jährige tritt auf die Bremse und hupt. Der Geisterfahrer versucht, im letzten Moment auf seine Spur zu lenken. Doch es ist zu spät.

Unfall bei Erding: Eltern erleiden Knochenbrüche - Mutter kann Kind nicht aus Babyschale heben

Beim Aufprall lösen alle Airbags aus. Weng und ihr Freund werden nach vorne geschleudert. Dann herrscht gespenstische Stille. Die Mutter versucht, einen Überblick über die Lage zu bekommen. Doch es fällt ihr schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. „Sofort raus hier“, denkt sie sich.

Die kleine Ronja ist durch die Wucht des Aufpralls aufgewacht. Die Eltern wollen die Kleine aus der Babyschale heben. Ein Ding der Unmöglichkeit, beide haben Knochenbrüche erlitten.

Nach dem Unfall: Opfer wochenlang rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen

Weng spürt, dass sie keine Kraft hat, ihr Schlüsselbein ist gebrochen. Sie ist mit so viel Kraft nach vorne geschleudert worden, dass der Sicherheitsgurt ihr die Knochen gebrochen hat. „Man will sich kaum vorstellen, was passiert wäre, wenn ich nicht angeschnallt gewesen wäre“, sagt sie im Rahmen der Volvo-Aktion.

Die Eltern müssen operiert werden, die Mutter am Schlüsselbein, der Vater am Handgelenk. Noch Wochen danach sind sie rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen. Für Weng ist es „das schlimmste Gefühl“, ihre Tochter nicht mehr selbst stillen, hochheben, anziehen, tragen oder wickeln zu können.

Unfallopfer kämpfen nicht nur mit körperlichen Wunden - auch ihre Seele leidet

Doch es gibt nicht nur körperliche Wunden, auch die Seele leidet. Einen Therapieplatz auf die Schnelle bekommt sie nicht. Dafür setzt sie sich mit Fachliteratur und im Internet viel mit dem Erlebten auseinander.

Nach ihrem Geisterfahrerunfall sieht Weng die Gefahren des Straßenverkehrs mit anderen Augen. Sie hat schmerzlich erfahren, dass es nicht nur darauf ankommt, ob man selbst sicher und vernünftig fährt, sondern auch darauf, was andere tun. Bis heute wissen sie und ihr Freund nicht, wie genau es zu dem Unfall gekommen ist. Der Geisterfahrer ist wohl am Steuer eingeschlafen.

Nach Geisterfahrerunfall bei Erding: Opfer sieht Gefahren des Straßenverkehrs mit anderen Augen

„Wenn ich könnte, würde ich einen Panzer fahren“, sagt die 38-Jährige heute. Nach dem Vorfall hat sie sich in alle wichtigen Sicherheitsfeatures für Autos eingelesen. „Jetzt geht es mir nicht mehr darum, ob ein Wagen Sitzheizung hat oder nicht, sondern darum, mit welchen Vorkehrungen das Auto dabei helfen kann, dass meine Familie und ich sicher von A nach B kommen.“

Auf Landstraßen mit ihrer Familie im Auto zu sitzen macht Kerstin Weng manchmal noch etwas Angst, die Erinnerung an das Erlebte ist noch zu frisch. Genau deshalb steht für die Modejournalistin fest, dass sie sich in Zukunft therapeutisch behandeln lassen will.

Erinnerungen an den Unfall: Mutter möchte sich therapeutisch behandeln lassen

Denn obwohl es ihr mittlerweile wieder gut geht, will sie nicht, dass das Trauma irgendwann durch die Hintertür wieder hereinkommt, wie sie sagt. Ihr Freund ist wegen des Unfalls bereits in therapeutischer Behandlung.

Zwei mutige Ersthelfer retteten kürzlich einem jungen Autofahrer nach einem grauenhaften Unfall in Oberding durch ihr beherztes Handeln das Leben. Doch die dramatischen Bilder gehen ihnen nicht mehr aus dem Kopf.

(Von Hans Moritz)

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