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Frau Perchta, Herr Winter und andere Mythen

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Mitreißend beschrieb Moni Lößl (M.) die Geschichte von der „Wilden Jagd“. Die Teilnehmer der Weihnachtsführung lauschten ihr im Hof des Weinwirts gespannt. Willkommen war der heiße Glühwein am Ende des Spaziergangs, der eine besinnliche Auszeit in schwieriger Zeit bot.
Mitreißend beschrieb Moni Lößl (M.) die Geschichte von der „Wilden Jagd“. Die Teilnehmer der Weihnachtsführung lauschten ihr im Hof des Weinwirts gespannt. Willkommen war der heiße Glühwein am Ende des Spaziergangs, der eine besinnliche Auszeit in schwieriger Zeit bot. © Peter Gebel

Erding – Zu einem Abendspaziergang durch die Erdinger Innenstadt unter dem Motto „Stade Zeit und raue Nächte“ hatte Türmerin Doris Bauer eingeladen. Eine spannende Weihnachtsführung.

Begleitet von Erzählkünstlerin Moni Lößl erfuhren die Teilnehmer Wissenswertes zur Advents- und Weihnachtszeit, aber auch über Mythen und Sagen aus vorchristlicher Zeit. Mussten die Weihnachtsführungen im vergangenen Jahr coronabedingt noch ausfallen, so freute sich Doris Bauer ganz besonders, dass die erste heuer wie geplant stattfinden konnte, wenn auch unter erhöhten Auflagen. Auch die angemeldeten Teilnehmer ließen sich nicht von der 2G-plus-Regel und den damit erforderlichen Schnelltests auch für Geimpfte und Genesene abhalten. Maskenpflicht war in Innenräumen einzuhalten.

So betraten einige zum ersten Mal das Heilig-Geist-Kircherl an der Landshuter Straße, dessen eher unscheinbare Holztür jeden Tag für Besucher geöffnet ist. In dem kleinen Gotteshaus kamen die Armen und Kranken, die von der Heilig-Geist-Spitalstiftung versorgt wurden, täglich zum Gebet zusammen.

Eine große Statue links vom Altar zeigt den Heiligen Martin als Bischof, begleitet von einer Gans. Früher war der Martinstag am 11. November mit einem großen Fest der Auftakt zur 40-tägigen Fastenzeit bis Weihnachten, erklärte Bauer. Später sei die Adventszeit dann verkürzt worden und begann erst am 25. November mit Kathrein. Nach diesem Datum durften keine Hochzeiten mehr stattfinden. „Kathrein stellt den Tanz ein“, sagt dazu ein alter Spruch.

Spannend war dazu eine packende Geschichte über die berüchtigte Frau Perchta, die einer Bauernfamilie zum erhofften Nachwuchs verhalf. Die Besucher hingen beinahe atemlos an den Lippen von Lößl, die die Mär in schönstem Bairisch vorträgt. Wichtige Termine waren in früheren Zeiten auch die so genannten Orakelnächte wie beim Heiligen Andreas (30. November) oder dem Heiligen Thomas (21. Dezember), in denen sich Frauen Auskunft darüber erhofften, ob im kommenden Jahr ein Bräutigam zu erwarten war. Da wurden Schuhe über die Schulter geworfen oder barfuß Zwetschgenbäume geschüttelt, um daraus einen Hinweis abzuleiten, wie Doris Bauer schmunzelnd erzählte.

Einen Besuch wert ist das Heilig-Geist-Kircherl an der Landshuter Straße, das Türmerin Doris Bauer mit vielen Details bei dem Rundgang vorstellte.
Einen Besuch wert ist das Heilig-Geist-Kircherl an der Landshuter Straße, das Türmerin Doris Bauer mit vielen Details bei dem Rundgang vorstellte. © Peter Gebel

Sie wusste auch, dass am Thomastag der „blutige Dammerl“ sein Unwesen trieb, was auf den Saustichtag, an dem das Schwein für Weihnachten geschlachtet wurde, zurückzuführen ist. Da haben wohl die Metzger in ihrem blutigen Schürzen die Kinder erschreckt und allerlei Unfug getrieben, so dass die Kirche den Namenstag des Heiligen Thomas sogar in den Sommer verlegte.

Auch zum Adventskalender und Adventskranz konnte Bauer Interessantes berichten. So ist der Adventskranz auf einen evangelischen Erzieher aus Norddeutschland zurückzuführen, der den Kindern im Waisenhaus damit die Wartezeit bis Weihnachten verkürzen wollte. Auch das Christkind, das an Weihnachten die Geschenke bringt, ist protestantischen Ursprungs. Vor der Reformation brachte nämlich der Heilige Nikolaus am 6. Dezember die ersehnten Gaben.

So manchem Teilnehmer der informativen Stadttour war auch nicht bekannt, dass der in Amerika so gefeierte Weihnachtsmann eigentlich aus München stammt. Der Künstler Moritz von Schwind hatte den „Herrn Winter“ mit einem großen Mantel und Bart dargestellt und bot damit die Vorlage für den Weihnachtsmann von Coca-Cola.

Allerlei Verbote galt es laut Bauer in den Raunächten zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar einzuhalten. Tätigkeiten wie Wäsche aufhängen, Drehbewegungen, Waschen oder gar Tanzen waren tunlichst zu vermeiden, um nicht Gefahr zu laufen, dass sich die „Wilde Jagd“ mit Frau Perchta darin verfängt. Wie es sich rächen kann, wenn die Vorsichtsmaßnahmen nicht befolgt werden, brachte Moni Lößl eindrucksvoll zu Gehör. Wie mögen solche Sagen früher die Menschen bei Kerzenschein in ihren dunklen Hütten eingeschüchtert haben. . . 

Weitere Termine sind am Samstag/Sonntag, 18./19. Dezember und am Samstag, 2. Januar, jeweils um 17 Uhr. Zu buchen sind sie im Internet auf www.erding-tower-tours.de. GERDA UND PETER GEBEL

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