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Der Schnauzer ist ab: Prof. Dr. Michael B. (2. v. r.) mit seinen Anwälten (v. l.) Maximilian Müller, Florian Opper und Matthias Schütrumpf wieder im Schwurgerichtssaal des Landshuter Landgerichts. Zum zweiten Mal muss er sich hier wegen des Vorwurfs, seine Gattin umgebracht zu haben, verantworten.

Verfahren wird neu aufgerollt

Prozess: Frauenarzt floh aus Verzweiflung nach Chile

Die Flucht nach Chile war vergebens: Das Verfahren gegen den ehemaligen Erdinger Frauenarzt Michael B. wird neu aufgerollt. Ihm wird zur Last gelegt, seine Frau getötet zu haben.

Update vom 28. April: Der Erdinger Frauenarzt hat am zweiten Prozesstag überraschenderweise seinen Schwager als Verdächtigen ins Spiel gebracht

  • Am 4. Dezember 2013 wird die Ehefrau des Erdinger Gynäkologen Michael B. tot im Bad gefunden.
  • Im Verdacht steht ihr Mann, der wird allerdings 2015 mangels Beweisen vor Gericht freigesprochen.
  • Als sich eine Neuauflage des Verfahrens ankündigt, setzt sich Michael B. nach Chile ab - erfolglos.
  • Seit Mittwoch (26. April) muss er sich erneut vor dem Landgericht Landshut verantworten. Er beteuert weiter seine Unschuld.

Erding/Landshut - Zu Beginn der Neuauflage des Prozesses vor der 6. Strafkammer des Landgerichts Landshut blieben Überraschungen aus: Sowohl die Verteidiger in einer Voraberklärung als auch der Gynäkologe selbst beteuerten seine Unschuld. Die von Staatsanwalt Christoph Ritter verlesene Anklage, die auf Totschlag lautet, war dieselbe wie vor drei Jahren – äußerst knapp gehalten.

Sie wirft dem Frauenarzt vor, am 4. Dezember 2013 nach 12.37 Uhr in seinem Wohnhaus in Pretzen seine Ehefrau Brigitte (60) tätlich angegriffen und ihr mit stumpfer Gewalteinwirkung Brüche der dritten und vierten Rippe im rechten Brustkorb, Blutungen im Bereich des Rippenfells sowie Blutergüsse am Kopf, an der rechten Schulter, der linken Brustdrüse sowie beiden Armen zugefügt zu haben. Im weiteren Verlauf soll er sie gewürgt und ihr Mund und Nase zugehalten haben. Sie sei erstickt.

Noch bevor sich der 57-Jährige zu seiner Vita und zum Totschlagsvorwurf einließ, gab Verteidiger Maximilian Müller eine Erklärung ab, in der er feststellte: „Der Freispruch im Januar 2015 war richtig, unser Mandant hat seine Ehefrau nicht getötet.“ Der Bundesgerichtshof habe das Urteil nicht aufgehoben, weil das Ergebnis falsch gewesen sei, sondern weil er Mängel in der Beweiswürdigung gesehen habe. Der BGH habe keinesfalls vorgegeben, dass die Neuauflage zu einem anderen Ergebnis führen müsse. Das sei nach Meinung der Bundesrichter nach wie vor völlig offen. „Die Verteidigung ist überzeugt, dass es zu keinem anderen Ergebnis kommen wird“, so Müller. Neue Erkenntnisse gebe es mangels weiterer Ermittlungen nicht. Bei den damaligen polizeilichen Ermittlungen seien erhebliche Fehler gemacht worden.

Fünf Stunden lang beschäftigt sich das Gericht mit der Vita des Arztes

Es sei nachvollziehbar, wenn der Chile-Aufenthalt, den ihr Mandant noch vor Aufhebung des Freispruchs angetreten habe, als Flucht bewertet werde. Dies sei aber keinesfalls ein weiterer Hinweis auf seine Täterschaft. Der 57-Jährige habe sich lediglich ein neues Leben aufbauen wollen, da sein altes trotz des Freispruchs buchstäblich in Trümmern gelegen habe. „Sein Name war verbrannt.“

Michael B. umarmt eine seiner Töchter nach dem Freispruch. Die beiden Frauen stammen nicht aus der Ehe mit Brigitte B.

Über fünf Stunden beschäftigten sich die Prozessbeteiligten allein mit der Vita des Gynäkologen, vor allem auch mit den familiären und finanziellen Hintergründen in seinen beiden Ehen. 2005 habe er am Osnabrücker Marienhospital seine „Biggi“, so der Kosename seiner späteren zweiten Ehefrau Brigitte, die dort als Sekretärin eine Anstellung bekommen habe, kennen und lieben gelernt.

2012 habe B. nach ermürbendem Rosenkrieg die Praxis in Erding übernommen. „Wir wollten in Erding gemeinsam alt werden.“ Auch finanziell habe man eine gemeinsame Basis gefunden: „Ich habe meiner Gattin mein Vermögen von rund 900 000 Euro übertragen, weil sie Angst vor Schadenersatzansprüchen und damit um unsere Existenz hatte.“

Michael B. beteuert weiter, seine Frau nicht ermordet zu haben

Breiten Raum nahm ihr Alkoholkonsum ein. B. gab zu, „dass es deswegen Stress gab“. Man habe in Erwägung gezogen, dass seine Frau sich in einer psychosomatischen Klinik behandeln lasse. Vorsitzender Richter Ralph Reiter hielt entgegen, dass der 57-Jährige bei seinen Vernehmungen andere Schilderungen geliefert habe, unter anderem von einer Alkoholikerin, die pro Tag eine bis eineinhalb Flaschen getrunken habe, gesprochen habe.

Was den Tatvorwurf angeht, blieb der Frauenarzt bei seiner früheren Version: Er habe sich mittags mit seiner Frau auf dem Weihnachtsmarkt verabredet gehabt. Allerdings sei sie nicht erschienen. Er sei dann in die Praxis, habe ihr WhatsApp-Nachrichten geschrieben, aber keine Antwort bekommen.

Als er am Abend nach Hause gekommen sei, habe er sie tot im ersten Stock gefunden. Er sei von einem Unfall ausgegangen. „Ich war völlig verzweifelt und hilflos, bin in Panik zu einem Nachbarn gelaufen und habe den gebeten, den Notarzt zu verständigen.“ Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.

Walter Schöttl

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