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„Endlich frei sein“ werden Annemarie und Hans Zweck, wenn sie zum Jahresende ihr Fahrradgeschäft mit Werkstatt in Altenerding für immer zusperren. Ein Stück Wirtschaftsgeschichte geht damit zu Ende.

In Altenerding: Geschäftsaufgabe zum Jahresende

Fahrrad Zweck schließt nach 40 Jahren

Altenerding - Das Geschäft war eine Tradition in Altenerding. Nun stirbt wieder ein kleines Unternehmen: Nach 40 Jahren gehen zum Jahresende bei Fahrrad Zweck am S-Bahn-Übergang die Lichter für immer aus. Hans und Annemarie Zweck wollen nicht mehr.

Silvester ist der letzte Tag für den Traditionsbetrieb gegenüber dem Altenerdinger Feuerwehrhaus. Es ist ein schwerer Schlag für die Erdinger Radlfahrer, die bis zuletzt dem Ehepaar Zweck treu geblieben sind. Ein Schild im Schaufenster von Fahrrad Zweck weist darauf hin, dass „zum Jahresende das Geschäft nach 40 Jahren geschlossen wird“. Daneben sitzt ein Nikolaus auf der Schaukel. Das ist für Annemarie und Hans Zweck nicht das Ziel für ihren Ruhestand, auch wenn sie im Januar einen dreiwöchigen Urlaub auf Gran Canaria antreten. Der ist schon Tradition.

„Schuld an der Gründung des Fahrradgeschäfts sind eigentlich drei Zeitungsfrauen, die immer wieder Hilfe bei Fahrradreparaturen brauchten und denen wir geholfen haben“, erzählt Hans Zweck (68). Vor genau 40 Jahren hat Annemarie Zweck (64) das Fahrradgeschäft gegründet, damit sie wegen der beiden Kinder eine Tätigkeit zu Hause ausüben konnte. Hans Zweck, ein gelernter Schlosser, der zu Beginn seiner Ausbildung auch einen halbjährigen Kurs „Zweirad-Mechaniker“ absolvieren musste, brachte ihr das nötige Knowhow bei. Sie lernte schnell. Sie war diejenige, die das Gros der verkauften Räder zusammengebaut und viele Reparaturen erledigt hat. „Meine Frau war bis zuletzt meine Chefin“ erzählt Hans Zweck schmunzelnd.

Annemarie Zweck erinnert sich an die Anfangszeit und erzählt lachend: „Ein älterer Mann brachte sein Fahrrad zur Reparatur. Als ich mich an die Arbeit machen wollte, nahm er mir das Fahrrad weg und meinte, er bringt es wieder, wenn mein Mann zu Hause ist.“

Hans Zweck war viele Jahrzehnte bei der Stadt beschäftigt, bevor er mit 57 in Altersteilzeit ging. Von da an, also zehn Jahre, arbeiteten Annemarie und Hans Zweck gemeinsam im Radlgeschäft. „Und wir vertragen uns immer noch“ betont Hans Zweck „obwohl wir 24 Stunden zusammen waren.“ Das Ehepaar Zweck war mit Leib und Seele mit dem Radlgeschäft verbunden, sogar samstags und sonntags halfen sie, wenn ein Radlfahrer „einen Platten“ oder sonstige Probleme hatte. Annemarie Zweck erinnert sich, dass sie mal abends um 21.30 Uhr jugendlichen Herbstfestbesuchern aus Oberding geholfen habe, einen neuen Schlauch zu montieren. Der Heimweg war gerettet.

Viele Kunden kamen jahrzehntelang ins Geschäft, blieben Fahrrad-Zweck treu und ließen sich nicht von den großen Filialisten abwerben. Überhaupt waren die großen Konzerne kein Thema für das Ehepaar Zweck. Anfängliche Bedenken wurden schnell beseitigt, denn bei Fahrrad Zweck stand nicht nur der Verkauf eines Fahrrads im Vordergrund, sondern hinterher auch der Service. Hans Zweck betont auch, dass die Menschen normale, einfache und preiswerte Fahrräder brauchen.

Seit ein paar Tagen denkt Annemarie Zweck bei jedem Fahrrad: „Das könnte das letzte gewesen sein, das ich verkauft und zusammengebaut habe.“ Wehmut spricht aus ihren Worten.

Die Zwecks wissen noch nicht, wie ihr Leben nach ab 1. Januar 2016 aussehen wird, „denn eine Geschäftsschließung haben wir ja noch nie gemacht.“ Etwas mulmig wird es beiden immer, wenn treue Kunden Abschiedsgeschenke vorbei bringen und immer wieder versuchen, sie zum Weitermachen zu bewegen. Aber sie lassen sich nicht umstimmen. „Eigentlich wollte ich schon ab meinem 65. Geburtstag das Geschäft schließen, aber dann haben wir das 40-jährige Jubiläum als Enddatum festgelegt“ erzählt Hans Zweck.

„Wenn es klappt, dass ich nach 24 Jahren meine Tätigkeit im Vorstand des Kriegervereins abgeben kann, dann bin ich endlich frei.“ fügt er ergänzend hinzu. Am 31. Dezember werden Annemarie und Hans Zweck zum letzten Mal im Fahrradladen und in der Werkstatt stehen und dann am Nachmittag das Licht zum letzten Mal löschen. Dann wird es auch die Aufpumpstation an der Außenwand der Fahrradwerkstatt nicht mehr geben.

Elvi Reichert

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