Gehörloser gesteht in Missbrauchsprozess aber Geständnis zählt nicht 

Geständnis in Gebärdensprache zählt nicht

Erding - Er hatte den sexuellen Missbrauch der Stieftochter zweimal zugegeben. Dennoch wurde der 35-Jährige freigesprochen. Das Geständnis des Gehörlosen war nicht verwertbar, die Aussage seiner Frau zu wenig.

In einem bislang einmaligen wie komplizierten Verfahren hatte das Amtsgericht Erding über einen Gehörlosen zu urteilen, der 2009 und 2010 seine fünfjährige Stieftochter missbraucht haben soll. Vor Gericht schwieg der Mann.

Der 35-Jährige stammt aus Nordrhein-Westfalen, wo ihn seine Frau mit ihrer Tochter auch im Juni 2009 zuhause besuchte. Dabei soll er laut Anklage die Fünfjährige im Schambereich gestreichelt haben. Ein ähnlicher Vorfall soll sich ein Jahr später in Erding wiederholt haben, wohin die drei mittlerweile gezogen waren. Das Familienleben gestaltete sich allerdings schwierig. Der 35-Jährige zog in eine Wohngruppe für Hörgeschädigte bei Wasserburg.

Auf den Missbrauch an ihrer Tochter wurde die Ehefrau (32) im März 2011 aufmerksam. Auf der Suche nach einem Hochzeitsvideo stieß sie auf Sequenzen, die zeigten, wie das Kind offenbar masturbiert. Die Mutter fuhr nach Wasserburg, sprach mit der Wohngruppenleiterin und stellte ihren Mann zur Rede. Nach anfänglichem Zögern habe der 35-Jährige gestanden, dass da mehr war, als die angeblich „zur Dokumentation aufgenommenen“ Videos.

Nach der Anzeige hatte die Kripo größte Mühe, eine korrekte Vernehmung durchzuführen. Der Angeklagte ist taubstumm, kann kaum schreiben oder lesen. Der Kriminalkommissar musste sich auf eine Gruppenleiterin des Wohnheims verlassen, die eigenen Aussagen zufolge nur eine alltagspraktikable Gebärdensprache beherrscht. Ein professioneller Dolmetscher war nicht zugegen.

Dem Beschuldigten war lediglich geraten worden, eine „Person des Vertrauens hinzuzuziehen, die ihm bei der Sache hilft“ – eine ungenügende Beschuldigtenbelehrung. Auch wenn der Angeklagte gestand, so war seine Aussage nicht zu verwerten. Bei der Gebärdensprache handle es sich um eine bildhafte Sprache, erklärten die vor Gericht anwesenden professionellen Dolmetscher. Wie bei verbalen Fremdsprachen sei es mühsam, die „Rechtssprache“ exakt darzulegen.

Eindeutiger war die Aussage der inzwischen geschiedenen Ehefrau. Sie hatte die Filme zunächst mit der Wohnheim-Gruppenleiterin betrachtet und ihrem Mann danach im Vier-Augen-Gespräch das Geständnis entlockt. Zu wenig für eine Verurteilung. Ihre Tochter war laut Gutachter „nicht aussagetüchtig“. Zum einen seien die Vorfälle zu lange her, zum anderen habe das Kind altersgemäß überraschende Kenntnis in Sexualdingen gezeigt.

Für die Staatsanwältin genügte dies als Beweis für einen Strafantrag über zehn Monate zur Bewährung. Die Verteidiger, Rechtsanwalt Andreas Martin aus Erding und Daniel Nierenz aus Netphen, plädierten dagegen auf Freispruch, da schon die Beschuldigtenvernehmung nicht verwertbar sei. Dem schloss sich Richter Michael Lefkaditis an. Zwar glaube er der Ex-Frau, weil aber ein objektiv verwertbarer Sachverhalt fehle, sprach er den 35-Jährigen frei.

Von Gert Seidel

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