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Kämpfen weiter: Susi Neumaier und Birgit Stoiber (r.).

Serie Digitalisierung

„Das gibt es im Internet bestimmt billiger“

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Einzelhändler haben mit der Online-Konkurrenz und der Billig-Mentalität der Kunden zu kämpfen. Doch die Unternehmer nutzen das Internet auch als Plattform für ihr Geschäft. Drei Beispiele.

Erding Manchmal ist es ganz schön dreist, was Sepp Waida (58) in seinem Ski-Sportgeschäft in Erding erlebt: Er erinnert sich an eine Mutter und Tochter, sie suchten Kinderhelm und Skischuhe. „Als ich die beiden dann beraten habe, hat die Mutter das Helmetikett abfotografiert“, erzählt er: „Und sie hat gesagt: Das gibt es im Internet bestimmt billiger.“ Diese Momente machen Sepp Waida sauer, aber: „Das Internet ist eben Fluch und Segen.“

Waida ist ein alter Hase im Online-Handel, vor rund 16 Jahren baute er den Online-Shop eines anderen Sportgeschäfts auf: „Damals hat der Handel im Internet wahnsinnig geboomt.“ Vor sechs Jahren machte er sich selbstständig, mit Laden in Erding und einem Ebay-Shop: Damals machte er seinen Umsatz zu 70 Prozent im Internet, nur etwa 30 Prozent im Laden.

„Heute ist es andersrum“, sagt er. Der Grund? Waida ist als Verkäufer im Netz nicht mehr allein: „Heute gibt es so viele Schmutzfinken im Internet, sie verhökern die Ware nur und drücken den Preis.“ Im Laden könne er durch gute Beratung bessere Preise erzielen. Ein weiterer Nachteil beim Online-Shop ist der große Aufwand mit den Paketen: „50 Prozent der Ware kommt zurück“, sagt er – vor allem Winterklamotten, Helme und Schuhe. Deshalb konzentriert sich Waida auf sein Ladengeschäft. Für Skifahrer gehe es ohnehin nicht ohne Fachleute: „Damit die Bindung passt, muss ich die Kunden wiegen, abmessen und sie nach dem Fahrstil einstellen.“

Wenn Waida merkt, dass sich jemand nur beraten lässt und dann im Internet kauft, hat er eine Spezialwaffe: „Dann verlange ich eine Beratungsgebühr von 20 Euro.“ Wenn er damit droht, passiert es schon mal, dass jemand den Laden ganz schnell verlässt. So wie Mutter und Tochter, die sich nur beraten lassen und das Schnäppchen im Internet machen wollten.

Buchpreisbindung?Noch nie gehört

Wenn Birgit Stoiber (55) den Leuten erzählt, dass sie ihre Bücher im Internet auch nicht billiger kriegen, „dann glauben das die meisten erst mal gar nicht“, sagt die Buchhändlerin beim Erdinger Lesezeichen. Von der Buchpreisbindung hätten sogar viele Erwachsene noch nie etwas gehört. Fakt ist aber: Verlage müssen für ihre Bücher einen unveränderbaren Preis festsetzen.

„Bei Amazon & Co. kostet ein neues Buch genauso viel wie bei uns“, sagt Stoiber. Und trotzdem: Immer mehr Leseratten holen sich ihren Stoff aus dem Netz: „Ja, wir leiden da sehr drunter.“ Natürlich gebe es immer noch Menschen, die im Laden stöbern wollen – und sich bei der Urlaubslektüre gerne beraten lassen, sagt sie: „Aber vor allem Sachen, die schnell über den Tisch gehen, kaufen die Leute im Internet“ – Bestseller oder Lexika für die Schule.

Das Buch habe an Beliebtheit eingebüßt, heute lesen die Menschen E-Books. Aber Stoiber ist überzeugt: „Unsere Generation wird es nicht mehr erleben, dass es keine Bücher mehr gibt.“ Gleichzeitig beobachtet sie: „Die Leute schätzen es nicht mehr so, in einen Laden zu gehen.“

Das habe fatale Folgen für die Innenstadt: „Die Lange Zeile ist doch bis auf einige Cafés ausgestorben“, sagt sie. Schuld daran? Wohl auch das Online-Shopping. Stoiber hat zwar mit ihrer Kollegin Susi Neumaier vor rund einem Jahr auch einen Internetshop vom Erdinger Lesezeichen aufgebaut, aber: „Wenn keiner mehr ins Geschäft geht, gibt es hier irgendwann nur noch Handy-Geschäfte und Lokale, das ist auch langweilig.“

Neustart imWorld Wide Web

Auch „Noahs Arche“ im Heiliggeisthof wird es bald nicht mehr geben – Rainer Schultes spirituelles Geschäft mit Edelsteinen, Aurasprays, Räucherwerk, Kerzen, Schmuck, Buddhas, Brunnen, ätherischen Ölen, Klangschalen, esoterischen Büchern und vielem mehr. Vor 14 Jahren hatte er den Geschenkeladen seiner Eltern übernommen, baute unter dem Namen „Wolke 7“ sein spezielles Sortiment auf und firmierte vor vier Jahren aus markenrechtlichen Gründen in „Noahs Arche“ um.

Das Geschäft sei sehr lange gut gelaufen – bis vor zwei Jahren. „Seit Januar 2018 ist der Umsatz stark eingebrochen“, berichtet der Inhaber. „Wenn so viele Leute schon vorher gekommen wären, müsste ich nicht schließen“, sagt Schulte über den laufenden Räumungsverkauf.

Warum die Kunden ausgeblieben sind? „Es ist ein generelles Innenstadtproblem. Viele Geschäfte schließen oder wandern in die Außenbezirke ab, da die Mieten fast nur noch von großen Filialisten getragen werden können. Aber auch die Parkplatznot könnte ein Grund dafür sein“ vermutet Schulte.

Sein Heil sucht er nun im Onlineversand. Bereits vor fünf Jahren hat er die Weichen dafür gestellt und will nun seine Homepage www.noahsarche.de ausbauen. „Es wird bei uns zu Hause, in Maria Thalheim, einen kleinen Verkaufsraum geben, in dem auch Workshops stattfinden. Und ich bin noch im Gespräch mit ein bis zwei Geschäftsinhabern in der Innenstadt, damit Online- oder Telefonbestellungen im Stadtgebiet abgeholt werden können“ so Schulte.

Er sieht optimistisch in die Zukunft, hofft dass das Onlinegeschäft gut angenommen wird, damit er und seine Familie davon leben können. Außerdem plant er Räucherworkshops, Kurse zu Energetischer Arbeit, Kartenlegen, Kartenlegen lernen und vieles mehr.

Noch bis Mitte Mai können die Kunden die Waren im Geschäft mit Rabatten zwischen 20 und 50 Prozent einkaufen, und „wenn noch genügend Ware da ist, dann verlängere ich bis Ende Mai“.

Elvi Reichert

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