694 Kinder kamen 2016 im Klinikum Erding zur Welt. Dauerhaft wurde dieses Niveau dort zuletzt Ende der 1990er Jahre erreicht. 

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„Sofort anmelden, wenn man schwanger ist“

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Die Geburtenzahlen im Landkreis steigen. Doch für die Nachsorge haben es werdende Mütter schwer, eine Hebamme zu finden.

Landkreis– Stefanie und Günther Beisser freuen sich auf ihr zweites Kind.Tochter Anna ist zwei Jahre alt und die Mama im vierten Monat schwanger. Vor ein paar Wochen begann die 31-jährige Kirchascherin, eine Hebamme für die Nachsorge zu suchen – für die Zeit nach der Geburt Mitte September. Erst über 20 Telefonate später hatte sie Erfolg. „Alle haben mir gesagt, dass sie bis Oktober keine Kapazitäten haben oder jetzt schon überlastet sind“, erzählt Beisser. „Anscheinend muss man sich sofort anmelden, wenn man weiß, dass man schwanger ist.“

Auch die Taufkirchener Hebamme Marlene Rachl hatte ablehnen müssen. „Wir sind voll“, berichtet sie über ihre Hebammenpraxis Gaia. „Mir tut es so leid, wenn ich Frauen abweisen muss. Aber meine beiden Kolleginnen in der Praxis sind gerade im Elternzeit“, seufzt die 48-Jährige, die selbst acht Kinder hat. Sie sei seit 1989 im Geschäft und stelle insbesondere für den Selbstständigen-Bereich fest: „Es kommen keine jungen Hebammen mehr nach. Wir werden immer weniger.“ Das Problem sei in der Stadt Erding besonders gravierend. „Das Defizit ist bekannt“, hörte Stefanie Beisser bei der Schwangerenberatung des Gesundheitsamtes Erding.

Für die Geburt will sich die Kirchascherin wieder im Klinikum Erding anmelden – so wie es üblich sei, erst relativ kurz vorher. „Die Geburtenabteilung ist echt super“, sagt sie aus eigener Erfahrung. Dem Andrang ist die Abteilung Gynäkologie und Geburtenhilfe offenbar auch gewachsen – anders als zum Beispiel die Münchner Rotkreuzklinik, die 2016 27 Schwangere abweisen musste, obwohl die Wehen bereits eingesetzt hatten. Der Grund dort: keine freien Kreißsäle oder zu wenig Betten. „Im Klinikum Landkreis Erding gab es derartige Fälle nicht“, erklärt Klinik-Sprecherin Daniela Fritzen auf Nachfrage.

Im Erdinger Krankenhaus sind die Geburtenzahlen wieder am Steigen. 2016 waren es über 100 mehr als im Jahr zuvor (2016: 694, 2015: 589, Minimum 2011: 502, Maximum 1992: 780). Dort arbeiten aktuell sieben Beleghebammen, berichtet Fritzen – so viele wie in den vergangenen Jahren. Im Klinikum Erding gibt es drei Kreißsäle und eine Gebärwanne. Die Abteilung verfügt über 40 Patientenbetten. 16 davon sind nach Angaben des Krankenhauses üblicherweise mit Wöchnerinnen belegt.

Vorher und nachher sind Rachl und ihre Kolleginnen gefragt. „Die Mütter gehen nach der Geburt meist schon nach dem dritten Tag heim. Da haben viele noch große Anpassungsschwierigkeiten“, erzählt sie. Das mache die Nachsorge umso wichtiger. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen im Regelfall bis zum zehnten Lebenstag bis zu zwei Leistungen täglich, weitere 16 bis zur achten Lebenswoche und bis zum Abstillen acht Stillberatungen. Die meisten Mütter bräuchten zwar weniger Betreuung, doch ganz ohne Nachsorge gehe es nicht. „Für die Frauen, die niemand finden, haben wir eine offene Babysprechstunde eingerichtet“, erzählt Rachl.

Die Taufkirchenerin ist eine von ganz wenigen Hebammen im größeren Umkreis, die noch Hausgeburten anbieten. Etwas über 30 seien es im vergangenen Jahr gewesen, erzählt sie. Nur ein bis zwei Prozent der Mütter würden sich für eine Hausgeburt entscheiden. Gerade hier zeigt sich die besondere Beanspruchung selbstständiger Hebammen. „Wir haben Dauerrufbereitschaft“, berichtet Rachl. Eine „riesige Bürokratie“ halte sie zunehmend von ihrer eigentlichen Arbeit ab.

Darüber hinaus wurde es in den vergangenen Jahren in dem Beruf finanziell immer schwieriger. Die Haftpflichtversicherung steigt kontinuierlich. Nach Angaben des Hebammenverbands sind es derzeit knapp 8000 Europro Jahr. Entlastung brachte 2016 der so genannte Sicherstellungszuschlag, mit dem die Krankenkassen diese Ausgaben teilweise ausgleichen.

„Der Beruf hat so schöne Momente“, sagt Marlene Rachl. Dennoch denke sie immer öfter daran, sich zumindest aus dem anstrengenden Bereich der Geburtshilfe zurückzuziehen. Gerade der Nachwuchs denke häufig ähnlich, erzählt die Taufkirchenerin: „Viele Hebammen-Schülerinnen sagen: Da arbeite ich lieber im Schichtdienst im Krankenhaus.“

Beleghebammen protestieren

Der Hebammenmangel sei auch in Erding zu spüren, erklärt Klinikums-Sprecherin Daniela Fritzen. Das könne sich noch weiter zuspitzen, wenn sich der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen bei der Vergütung von Beleghebammen durchsetze. Laut einem Protestschreiben an die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml dürften nach der geplanten Änderung unter anderem Beleghebammen im Schichtdienst nur noch die Betreuung von höchstens zwei Frauen parallel abrechnen. Das sei völlig unrealistisch und für Beleghebammen existenzgefährdend.

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