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Helma Wenzl in ihrem Büro im Direktorat
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Helma Wenzl erhält 1977 ihr Abiturzeugnis.

Zum Abschied

Helma Wenzl geht in Pension: „Anordnen funktioniert nicht“

Nach zwölf Jahren als Direktorin am Anne-Frank-Gymnasium in Erding verabschiedet sich Helma Wenzl in den Ruhestand.

VON ALEXANDRA ANDERKA

Erding – Nach 35 Jahren im Schuldienst geht Helma Wenzl, Direktorin am Anne-Frank-Gymnasium, in Pension. Sie beendet ihre berufliche Laufbahn dort, wo sie 1968 als Gymnasiastin begann und 1977 ihr Abitur mit einem Durchschnitt von 1,1 ablegte. Die gebürtige Erdingerin ging zum Lehramtsstudium für Französisch und Englisch an die Ludwig-Maximilians-Universität nach München. Ein Semester absolvierte sie in Lille im Norden Frankreichs, eines in Sussex in Südengland.

Ihre erste Planstelle trat die Pädagogin 1985 am Gymnasium Grafing an. Dort unterrichtete sie zehn Jahre lang Französisch und Englisch, kümmerte sich auch um Austauschprogramme und Stipendien, bis sie ans Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) in München wechselte. Sieben Jahre lang war sie dort beschäftigt, entwickelte unter anderem einen neuen Lehrplan für Englisch für das Gymnasium und ein Konzept für Begabtenförderung.

Die Nähe zu den Schülern fehlte Wenzl. So bewarb sie sich auf eine frei gewordene Stellvertreter-Stelle des Direktors in Dorfen und wurde genommen. Eine Zeit, an die sie sehr gerne zurückdenke. Sechs Jahre war Wenzl, die mit einem Erdinger Rechtsanwalt verheiratet ist und in Erding lebt, in Dorfen, bis sie an „ihre Schule“, das heutige Anne-Frank-Gymnasium, als Direktorin zurückkehrte. Am 31. August ist ihr letzter Arbeitstag, bevor sie in Pension geht. Coronabedingt wird auch für sie eine Verabschiedung in großem Rahmen ausfallen. Wir haben uns mit ihr unterhalten.

Frau Wenzl, Sie sind seit über drei Jahrzehnten im Schuldienst. Was hat sich verändert?

Es hat sich unglaublich viel verändert. Vor allem das Klima und die Atmosphäre in der Schule. Lehrer und Schulleiter sind keine unnahbaren Respektspersonen mehr, vor denen man Angst hat und denen man aus dem Weg geht.

Das ist also positiv?

Auf jeden Fall. Die Schüler grüßen mich, winken mir auf der Treppe zu, halten mir die Tür auf. Ich schätze es sehr, dass die Schüler so offen sind, sich trauen, mit ihren Wünschen und Belangen zu mir ins Direktorat zu kommen.

Hat sich auch der Unterricht verändert?

Absolut, und auch das ist sehr positiv. Wir Lehrer vermitteln nicht mehr nur reines Wissen wie Grammatik, Wortschatz und Formeln. Wir fragen uns vielmehr, wozu dieses Wissen dient. Das heißt, wir unterrichten die Inhalte anwendungsorientiert und mit lebensweltlichem Bezug. Auch vor Corona war die Digitalisierung Bestandteil des Unterrichts. In den Sprachen, die ich unterrichte, werden die Sprechfertigkeit und das Hörverstehen gefördert. Es geht nicht mehr nur um eine exakte Übersetzung, sondern um Dolmetschen oder eine sinngemäße Übertragung. Der Unterricht ist schülernäher geworden. Das kann man auf alle Fächer übertragen. Und man ist viel mehr auf die Förderung einzelner Schüler bedacht.

Was hat sich zum Negativen verändert?

Der Ehrgeiz mancher Eltern macht uns Lehrern, aber vor allem den eigenen Kindern, zu schaffen. Manche Eltern wollen sich nicht eingestehen, dass der gymnasiale Weg nicht der optimale für ihr Kind ist. Es gibt ja glücklicherweise nicht nur den einen, direkten Weg zum Studium. Eine ständige Überforderung tut den Kindern nicht gut. Gott sei Dank sind die meisten Eltern an unserer Schule vernünftig. Ich kann also nicht in das allgemeine Wehklagen miteinstimmen, die Gymnasien hätten sich nur zum Negativen verändert. Das Gymnasium ist halt heute nicht mehr nur eine Schule für eine kleine Elite. Ich persönlich finde das gut, denn ein hoher Bildungsstandard für möglichst viele Menschen ist nichts Schlechtes für eine Gesellschaft.

Frauen in Führungspositionen: Kein Einzelfall mehr, aber doch nicht die Regel. Was sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich?

Ich hatte nie das Gefühl, es schwerer gehabt zu haben als meine männlichen Kollegen. Aber auch nicht leichter, was ich nie gewollt hätte. Es tut sich in dieser Richtung gerade sehr viel, auch meine Nachfolgerin ist mit Regine Hofmann wieder eine Frau. Doch ich muss zugeben: Wenn ich selbst Kinder gehabt hätte, hätte ich das Amt der Direktorin nicht so ausfüllen können, wie es meinem Berufsethos entspricht. Als Schulleiter muss man hinter seiner Schule stehen, immer verfügbar sein. Man ist mit seinem Arbeitseinsatz ja auch ein Vorbild. Es ist kein Zufall, dass die Stelle als Direktor dienstrechtlich nicht in Teilzeit möglich ist. Mein Mann hat mir unglaublich viel abgenommen. Er ist leidenschaftlicher Koch und überrascht mich fast täglich mit einem schönen Essen.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Leitung einer Schule?

Dass man für alles verantwortlich und für alle der Ansprechpartner ist. Man ist mit verschiedenen Interessen und Wünschen konfrontiert und muss ständig nach Kompromissen und Lösungen suchen. Man will ja seine Schule gestalten, hat aber oft Vorgaben, die man nicht beeinflussen kann, wie damals die Einführung des G8.

Da geben Sie mir ein Stichwort: G8 oder G9?

Das kann man gar nicht so eindeutig beantworten. Ich hatte beispielsweise nicht das Gefühl, dass die G8-Schüler am Anne-Frank-Gymnasium keine Zeit mehr hatten für Freizeitaktivitäten oder anderes Engagement. Auffällig ist, dass die besten Schüler oft auch die engagiertesten sind. Dennoch bin ich der Meinung, dass die Kinder bei ihrer Entwicklung zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen Zeit bekommen sollten. Sie sollen nicht nur Wissen anhäufen, sondern auch Zeit haben, ihre Persönlichkeit reifen zu lassen und ihren Hobbys nachzugehen.

Als Normalbürger schüttelt man oft den Kopf über das, was die Ministerien anordnen. Wie erging es Ihnen in all den Jahren?

Ja, es kamen schon oft Vorgaben, die nicht immer leicht in ihrer Umsetzung waren. Beispielsweise war da die Zeit der schulinternen Konzepte. Wir mussten ständig Konzepte erstellen – zur Vermeidung von Unterrichtsausfall, zur individuellen Förderung von Schülern und vieles mehr. Ich als Schulleiterin musste das dann ans Kollegium weitergeben. Da haben wir schon manchmal gestöhnt, weil wir uns lieber auf unser Kerngeschäft, nämlich den Unterricht, konzentriert hätten.

Was lieben Sie besonders an Ihrem Beruf?

So fordernd es ist, eine Schule zu leiten, so erfüllend ist es gleichzeitig. Man kann Impulse setzen, prägen und gestalten. Anordnen funktioniert nicht. Eine Schulfamilie muss wachsen und gedeihen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Direktorin?

Nur eines? Da gibt es so viele, wenn ich nur an die jährlichen Konzerte und Theateraufführungen denke und natürlich an die Abiturfeiern. Es ist wunderbar, zu erleben, wie aus Fünftklässlern junge Erwachsene werden. Sehr berührend war auch die Einweihung der Anne-Frank-Kastanie. Das Anne-Frank-Huis in Amsterdam hatte uns einen kleinen Ableger der weltbekannten Rosskastanie, die Anne Frank von ihrem Versteck aus sehen konnte, zugeschickt. Im Beisein von Max Mannheimer haben wir das kleine Pflänzchen am 8. Oktober 2010 eingesetzt. Sehr bewegend war 2013 auch die Unterzeichnung eines Partnerschaftsvertrags im Landtag mit der Internationalen Schule für Holocaust-Studien in Yad Vashem, die angegliedert ist an die Gedenkstätte in Jerusalem. Wir organisierten dann auch eine Studienfahrt dorthin. Das war sehr beeindruckend. Und natürlich bin ich immer wieder sehr stolz, dass unsere Abiturienten seit Jahren mit ihren Leistungen deutlich über dem Landesdurchschnitt liegen.

Gab es auch ein negatives Erlebnis?

Ja. Einmal ist in einer 8. Klasse ein Junge gestorben, er litt schon länger an einer schweren Krankheit. Ich unterrichtete diese Klasse damals. Das ist mir sehr nahe gegangen.

Die Pandemie hat Ihre letzten Monate als Direktorin sehr herausfordernd gemacht. Nehmen Sie auch etwas Positives mit?

Vorab: Diese Zeit war und ist sehr, sehr anstrengend für alle. Doch die meisten Eltern waren sehr wertschätzend, das tat gut. Und es war toll, wie man sich innerhalb des Kollegiums gegenseitig fortgebildet und geholfen hat. Das war fantastisch. Die Digitalisierung wurde notgedrungen in einem rasanten Tempo befördert. Obwohl ich sagen muss, dass uns der Landkreis und unser Landrat da auch vorher schon enorm durch die technische Ausstattung unterstützt haben.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Gymnasien?

Es sollte wieder Ruhe einkehren und normaler Unterricht stattfinden können.

Was machen Sie nun mit Ihrer wohlverdienten
Freizeit?

Ich möchte einfach nur leben, ohne irgendetwas planen zu müssen. Ich möchte spontan wandern gehen, Freunde treffen und das kulturelle Leben genießen. Ich möchte an der Uni Vorlesungen in Kunstgeschichte und Literatur besuchen. Dann möchte ich richtig Italienisch lernen. Ich möchte die vielen Möglichkeiten, die das Leben bietet, nutzen. Ich möchte einfach den Moment genießen. Ich freue mich riesig darauf. Gleichzeitig werde ich die Schule und die Schüler sehr vermissen. Es sind immer die Menschen, die Begegnungen, die das Leben wertvoll und schön machen.

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