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Steil bergauf gingen die Infektionszahlen im Landkreis Erding in der zweiten Welle ab Oktober.

Heute vor einem Jahr wurde die erste Corona-Infektion im Landkreis entdeckt – Eine Bilanz

„Wir haben dieses Virus so satt“

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Heute vor einem Jahr gab es den ersten Corona-Fall im Landkreis Erding. Ein Blick auf ein bewegtes Jahr.

Erding – Zum ersten Jahrestag der ersten Corona-Infektion am 4. März wartete Landrat Martin Bayerstorfer mit einem Geständnis auf: „Als ich von dem Virus aus China um den Jahreswechsel gehört habe, hätte ich nie gedacht, dass es so schlimm kommen würde.“ Im Sommer habe dann jeder gemeint: „Das dürfte es gewesen sein“. Nach wie vor hält die Pandemie den Landkreis Erding, vor allem Klinikum, Heime und medizinische Versorgung, in Schach.

Ein Ende ist nicht absehbar. Im Gegenteil: Auch der Ärztlicher Direktor des Klinikums, Dr. Lorenz Bott-Flügel, und der Ärztliche Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz, Dr. Rainald Kaube, rechnen mit einer dritten Welle – und das gleich nach der zweiten mit viel dramatischerem Ausmaß. Zum Jahrestag zogen die Experten in einer Pressekonferenz Bilanz.

Ende nicht absehbar

Patient 1 war ein Familienvater aus Dorfen, der die Faschingsferien am Gardasee verbracht hatte. Später wurde auch seine Familie positiv getestet. Seit 4. März 2020 haben sich im Landkreis 5256 Menschen mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert, 5021 haben es überstanden. 92 sind der Pandemie erlegen. Fast 43 500 Abstriche wurden seither genommen.

Klinikum extrem gefordert

Bott-Flügel und Klinikumsdirektor Dr. Dirk Last berichteten, dass das Virus auch das Krankenhaus enorm gefordert habe. Der erste Patient wurde am 7. März aufgenommen. Bis Ende Januar waren es 312, fast genauso viele Männer wie Frauen. Laut Bott-Flügel sind Männer aber deutlich häufiger von schweren bis tödlichen Verläufen betroffen. „Die Toten wiesen fast alle schwere Vorerkrankungen auf und waren im Schnitt älter als 75 Jahre“, so der Ärztliche Direktor. Im Krankenhaus verstorben sind 54 Covid-19-Patienten. Auf die Intensivstation mussten 76 Patienten, davon 50 Männer. 25 von ihnen sind hier gestorben, 18 waren männlich. Ähnlich das Geschlechterverhältnis bei den Beatmeten: Von den 39 waren 31 männlich, so Last und Bott-Flügel. Am meisten Patienten mussten Anfang Dezember aufgenommen werden.

Maximal 48 Intensivbetten

Kaube sprach von einer zeitweise „sehr angespannten klinischen Lage“. Erding habe längere Zeit einer der stärksten Belegungen der Intensivstation in ganz Bayern aufgewiesen. Zehn Intensivbetten stünden zur Verfügung. Im Rettungsdienstbereich mit Ebersberg und Freising seien es 36. „Im Extremfall können wir auf 48 aufstocken“, so Kaube. In der Hochphase habe man in andere Kliniken verlegen müssen – einmal sogar per Rettungshubschrauber nach Bamberg.

Zur aktuellen Öffnungsdebatte merkten beide Mediziner an, aus ärztlicher Sicht sei „es sicher sinnvoll, noch ein paar Wochen zu warten“. Sie gehen von einer dritten Welle aus. Laut Bott-Flügel „wird es vom Impffortschritt abhängen, wie stark das klinische System belastet wird“. Er gab aber zu: „Das Personal ist extrem belastet. Auch wir haben dieses Virus so satt.“

130 halfen bei Kontaktermittlung

Dr. Constanze Jakob vom Gesundheitsamt berichtete, dass sich binnen des vergangenen Jahres 130 Personen an der Kontaktermittlung beteiligt hätten. Das Team werde weiter aufgestockt. Im Moment würde jeder Infizierte etwa fünf unmittelbare Kontakte nennen. „Bei weiteren Öffnungen wird diese Zahl sicher steigen“, so Jakob. Man sei aber immer in der Lage gewesen, die Infektionsketten nachzuvollziehen. „Und das schaffen wir auch bis zu einer Inzidenz von 100.“ Die Ärztin berichtete, dass Ansteckungen vor allem am Arbeitsplatz und in den Familien stattfänden. Eine Dunkelziffer nicht entdeckter Infizierter konnte sie aber nicht nennen.

Dreiklang: „Testen, impfen, klinische Kapazitäten im Blick behalten“

Nach einem Jahr gilt für Bayerstorfer weiter dieser Dreiklang: „Testen, impfen, klinische Kapazitäten im Blick behalten“. In 14 Tagen werde man so weit sein, 800 Impfungen pro Tag verabreichen zu können – mit niedergelassenen Ärzten und Klinikum. Er rechnet mit 50 000 Impfungen im Erdinger Land. „Klappt es mit den 800 Dosen pro Tag, wären wir Ende Juli durch. Schaffen wir das Maximum von 1200 Injektionen, wäre das Ziel bereit Anfang/Mitte Juni erreicht.“ Doch die Lieferungen seien das limitierende Element. „Geht es so weiter wie bisher – mit 200 bis 300 Dosen täglich –, wird die Durchimpfung wohl erst Ende des Jahres erreicht sein“, warnte der Landrat.

Grippe und Norovirus heuer kein Problem dank Maskenpflicht

Positiver Effekt der Maskenpflicht: Die wintertypischen Infektionskrankheiten, darunter die Grippe, sind heuer nahezu ausgefallen. Auch das Norovirus konnte sich nur deutlich schwächer ausbreiten.

ham

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