Unvergessen bleiben sollen die Menschen und Biografien, die in der NS-Zeit im Erdinger Land Zwangsarbeit leisten mussten, etwa in der Landwirtschaft. Für seine Crowdfunding-Aktion hat der Erdinger Historiker Giulio Salvati (31/oben) Bürger mit Portraits dieser Menschen abgelichtet. Knapp 1500 Euro hat er bereits beisammen. Damit will er die Fotos digitalisieren und so ein Denkmal schaffen.
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Unvergessen bleiben sollen die Menschen und Biografien, die in der NS-Zeit im Erdinger Land Zwangsarbeit leisten mussten, etwa in der Landwirtschaft. Für seine Crowdfunding-Aktion hat der Erdinger Historiker Giulio Salvati Bürger mit Portraits dieser Menschen abgelichtet. Knapp 1500 Euro hat er bereits beisammen. Damit will er die Fotos digitalisieren und so ein Denkmal schaffen.

Giulio Salvati aus Erding sammelt Geld für die Errichtung eines digitalen Denkmals

Historiker gibt Zwangsarbeit ein Gesicht

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Der Erdinger Historiker Giulio Salvati geht sein nächstes Projekt an: Er will an die Zwangsarbeiter im Landkreis erinnern.

Erding – Frischer, nicht immer angenehmer Wind weht durch die Erdinger Geschichte, seit der aus der Herzogstadt stammende Historiker Giulio Salvati mutig Themen angeht, die über das bisherige Gedenken hinaus gehen. Vor allem dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und den Folgejahren in der Region gilt das Interesse des 31-Jährigen. Nun geht der Doktorand an der Universität von New York sein nächstes Projekt an.

Historiker Giulio Salvati (31).

Salvati interessiert sich für die NS-Zwangsarbeiter, die auch im Erdinger Land zum Alltag gehörten. Mit einer Crowdfunding-Kampagne will er die Biografien dieser Menschen in die öffentliche Erinnerung rücken. „Gesicht für Gesicht“ heißt das Projekt. „Ich möchte ein digitales Denkmal schaffen“, sagt der Forscher, der soeben von einem längeren wissenschaftlichen Aufenthalt in Venedig zurückgekehrt ist.

Die Spendenaktion soll die Kosten für die Digitalisierung von etwa 2500 Fotografien decken. „Ich hoffe, dass wir auf diesem Weg die Erinnerung an diese Opfergruppe auf eine breitere zivilgesellschaftliche Basis stellen können.“ Die Bilder liegen im Staatsarchiv in München. Sind sie alle digitalisiert, sollen sie auf dem Geschichtsportal www.erding-geschichte.de veröffentlicht werden.

Die Kampagne bedeutet für Salvati den nächsten großen Schritt für die historische Aufarbeitung der Zwangsarbeit im Landkreis. Nachdem die bisherige Forschungstätigkeit die Namen von rund 4200 Zivil- und Zwangsarbeitern offengelegt hatte (wir berichteten), „soll durch die Digitalisierung der Fotos ein noch persönlicherer Zugang zu den individuellen Biografien dieser verschleppten Menschen geschaffen werden, der die kollektive Erinnerung anstößt“, umreißt der Wissenschaftler seinen Ansatz.

Mir der Kampagne sollen die nötigen Kopier-, Veröffentlichungs- und Serverkosten in Höhe von etwa 2000 Euro gedeckt werden. Die Spendenaktion “Gesicht für Gesicht” läuft bis Freitag, 8. Januar.

Für Salvati heißt das Vorhaben auch, Verantwortung für die vergessenen Opfer zu übernehmen. „Selbst über 75 Jahre nach Kriegsende existiert im Landkreis nach wie vor kein Ort, um an die mehr als 8000 angeworbenen und oftmals verschleppten Menschen zu erinnern, die im Landkreis Zwangsarbeit leisten mussten“, betont Salvati. Insgeheim hofft er in einem weiteren Schritt nicht nur auf ein digitales, sondern auf ein „echtes“ Denkmal. Der Anstoß müsste aber von der Politik beziehungsweise einem Verein kommen. Salvati sammelt derweil die historischen Zeugnisse aus dieser Zeit.

Dabei drängt die Zeit. „Insbesondere die sowjetischen und osteuropäischen Verstorbenen, deren Gräber in den Gemeindefriedhöfen im Lauf der Zeit aufgelöst wurden, drohen in Vergessenheit zu geraten“, warnt Salvati.

Mit der Kampagne will er zugleich die Frage beantworten (lassen), „welchen Stellenwert heute das Leid dieser Menschen in der öffentlichen Erinnerung einnimmt, und wie daran erinnert werden könnte“.

Die Zwangsarbeiter wurden zwischen 1939 und 1945 vom Arbeitsamt Erding-Freising an sämtliche Gemeinden des Landkreises verteilt. Nun geht es laut Salvati darum, „dass der gesamte Landkreis für die Erinnerung Verantwortung übernimmt“.

Eine Woche nach dem Start zieht der 31-Jährige ein für ihn und die Sache sehr erfreuliches Zwischenresümee. Denn gut 1500 Euro an Spenden seien bereits eingegangen. „Ehrlich gesagt, bin ich wirklich überwältigt, über die Großzügigkeit.“

Damit meint er nicht nur die Spender, sondern auch das Engagement ehrenamtlicher Helfer, die unzählige Stunden im Staatsarchiv verbracht hätten, unter anderem, um die Arbeitskarten abzutippen. Doch er braucht noch deutlich mehr Geld, kostet eine Digitalisierung etwa 60 Euro plus Ausgaben fürs Onlinestellen sowie die Bildrechte.

Seinen Grundsatz, der Geschichte ein Gesicht zu geben, hat Salvati auch bei der Werbung der Crowdfunding-Aktion beherzigt. Er bat Erdinger Bürger vor die Kamera, jeder mit dem Bild eines Zwangsarbeiters im Erdinger Land in der Hand. Er erwägt auch, sich um öffentliche (städtische?) Förderung zu bemühen.

„Für mich ist das Orts-, aber auch Familiengeschichte“, sagt Salvati. 2021 plant er eine weitere öffentliche Aktion wie schon heuer zur Erinnerung an die Bombardierung Erdings in den letzten Kriegstagen. „Ich möchte auf dem Schrannenplatz Bilder mit den Gesichtern auslegen, um die Zwangsarbeit in die Mitte der Gesellschaft zu holen“, kündigt er an.

Hans Moritz

Unterstützer

können unter https://de.gofundme.com/f/gesicht-fr-gesicht-erding-erinnert an der Kampagne teilnehmen und in beliebiger Höhe spenden – auch anonym.

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