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Hohlräume in den Stämmen absterbender Eichen bieten größeren Insekten oder Pflanzen eine neue Heimat. Deswegen sind alte Bäume für den Artenschutz dringend notwendig, sagt Waldbesitzer Rainer Mehringer (r.). 

Hochwasserschutz durch den Wald 

Ein Saustall mit System

Wie wichtig Bäume für den Hochwasserschutz sind, erfuhren die Freunde der Stadt Erding bei einem informativen und gleichermaßen unterhaltsamen Waldspaziergang bei Wifling.

Erding/Wifling„Wisst Ihr, was der Opa-Test ist? Wenn der Schwiegervater sagt, dass es in unserem Wald wie im Saustall aussieht. Dann wissen wir, dass wir gut gearbeitet haben“, scherzt Rainer Mehringer. Seine Zuhörer, ein gutes Dutzend Mitglieder des Vereins Freunde der Stadt Erding, lachen. Mit viel Humor und Sachverstand führte Mehringer die Gruppe durch seinen Wald bei Wifling.

„Hochwasserschutz durch den Wald“ lautete das Thema des Rundgangs, zu dem der Verein eingeladen hatte. Mehringer ist unter anderem als Stadtrat, Kreisrat, Kreisvorsitzender der Freien Wähler, Vorsitzender und Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung (WBV) im Landkreis bekannt. Dass er außerdem über die Fähigkeit verfügt, als Referent Fakten spannend und mit einer Portion Witz zu vermitteln, zeigte sich bei diesem Spaziergang.

Der Hochwasserschutz vor den Toren Erdings ist ein heiß diskutiertes Thema. Hier, zwischen Isar und Sempt, wird derzeit an einem Konzept gearbeitet, das die Wogen hoch schlagen lässt. Die Meinungen gehen weit auseinander. Auf der einen Seite stehen die Befürworter eines riesigen Rückstaubeckens, auf der anderen Seite Naturfreunde, die die Flutgefahr durch viele kleinere Eingriffe abwenden wollen.

Um Politik ging es an diesem Nachmittag nicht, sondern um die Möglichkeiten des Waldes, Wasser zu speichern und zurückzuhalten. Mehringers Wald dient dabei als gutes Beispiel. Seine Familie hat das Areal 1998 gekauft und damals einen Fichtenbestand mit Sturmschäden und Borkenkäferbefall vorgefunden. In den Folgejahren wurde das Gebiet in einen gesunden Laubmischwald mit Tannen, Eichen und Bergahorn „umgebaut“, wie der Fachmann sagt.

Gräben sind wichtig

Für seine Gäste wirft Mehringer auch einen Blick auf die geologische Geschichte des Geländes, das von der Eiszeit geformt wurde. Stolz führt er die Besucher an einen der letzten originalen Gräben aus der Eiszeit in dieser Region. „Diese Gräben sind wichtig für den Hochwasserschutz“, sagt Mehringer. Bei Starkregen leiten sie das Wasser in die Flüsse, in diesem Beispiel in die Sempt.

Die Aufgabe sei es, sie zu renaturieren, um die Fließgeschwindigkeit zu reduzieren. Das könne Hochwasserspitzen abpuffern, und genau das sei notwendig. „Es geht hier los, wenn Passau unter Wasser steht“, sagt Mehringer, „nicht erst kurz vor der Stadt“. Auch zur Fließgeschwindigkeit nennt er einen interessante Fakt: „Ein Wassertropfen, der hier in die Sempt fällt, ist nach drei Wochen in der Donau.“

Bei seiner Führung durch den Wald erzählt Mehringer viel Interessantes, immer verbunden mit spritzigen Kommentaren. So etwa mit dem eingangs erwähnten Opa-Test, der natürlich einen sinnvollen Hintergrund hat. Es geht um abgestorbene Äste, Laub und Gestrüpp, die den Boden des Mischwaldes bedecken. Das sieht nicht besonders ordentlich aus, bietet aber der Natur viele Vorteile.

Das Gold der Erde

„Diesen Verhau lassen wir liegen“, sagt Mehringer. Das Laub verrottet, wenn auch langsam, zu wertvollem Humus. „Bis die Schicht einen Zentimeter dick ist, vergehen 80 bis 100 Jahre“, erklärt der Fachmann. Der natürliche Belag bietet vielen Tieren, Pilzen und Mikroorganismen, die für den Boden wichtig sind, eine Heimat.

So seien die Ausscheidungen der Regenwürmer „das Gold der Erde“, weil auch sie dazu beitragen, den Boden in natürlichen Dünger zu verwandeln. Den bräuchten die Bäume dringend zum Ausgleich für die hohe Stickstoffbelastung, die durch die Autobahnen und die Flughafennähe entsteht. „Stickstoff ist für die Bäume so, als würden wir nur Schokolade essen“, sagt der Waldbesitzer. Deswegen müssen Bäume andere Nährstoffe aus der Erde ziehen können. Der Boden im Mischwald könne auch mehr Wasser aufnehmen als beispielsweise der eines reinen Fichtenbestandes und sei damit für den Hochwasserschutz besser geeignet.

Wie sich die Natur um sich selbst kümmert, erläutert der Experte am Beispiel uralter Eichen. Die Bäume sind am Absterben, Mehringer will sie dennoch unter Naturschutz stellen lassen. „Diese Eichen sind aus wirtschaftlicher Sicht wertlos, für den Artenschutz aber unerlässlich“, erklärt er und zeigt gleich, warum. In der Rinde, in den Rissen und in Hohlräumen finden Insekten einen Lebensraum, den man ihnen nicht nehmen darf. Auch andere Pflanzen siedeln sich in und an absterbenden Stämmen an. „Wer stirbt, ernährt den Nächsten, so läuft das.“

Zum Thema Waldbau erfahren die Besucher, dass Eichen zusammen mit Hainbuchen und Winter-Linden gepflanzt werden, weil sich die Bäume gegenseitig beim Wachsen unterstützen können. Und alle drei Arten eignen sich für die Bepflanzung von Überflutungsflächen – den so genannten Retentionsflächen – weil sie wochenlang im Wasser stehen können, ohne Schaden zu nehmen. Eine Fichte schafft das nur wenige Tage.

Schutz vor Wildfraß

Die Besucher werfen auch einen Blick auf 500 neu gesetzte Tannen, die mit Gittern vor Wildfraß geschützt sind. „Wir hoffen, dass zehn Prozent der Bäumchen anwachsen“, sagt Mehringer. Auch Tannen seien gut für den Hochwasserschutz, weil ihre Wurzeln den Boden so aufschließen, dass er mehr Wasser aufnehmen könne. Sie selbst werden beim Wachsen von Winter-Linden unterstützt.

Mehringer erklärt noch, wer auf die jungen Tannen aufpasst: einer von mehreren Walnussbäumen. „Ihn hat vermutlich der Eichelhäher gepflanzt“, sagt er. Der Vogel versteckt seinen Wintervorrat an Baumfrüchten wie Eicheln oder Nüsse im Boden, vergisst aber oft, sie wieder auszugraben. Rund 3000 Bäume entstehen so pro Jahr durch die scheinbare Schusseligkeit des Vogels. Den Waldbesitzer freut’s: Walnussholz bringt gutes Geld, allerdings erst in vielen Jahren. Bis dahin müssen die Bäume fachmännisch gepflegt werden.

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