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Katastrophen wie im Juni 2013 sollen künftig vermieden werden. Über den Hochwasserschutz ist jetzt wieder großer Streit entbrannt. 

Flutschutz: Wasserwirtschaftsamt favorisiert umstrittene Mauer-Lösung durch Erding

Staudamm bei Niederwörth vom Tisch

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180-Grad-Kehrtwende beim Hochwasserschutz für Erding: Das Wasserwirtschaftsamt München hat die Variante eines großen Staubeckens bei Niederwörth südlich der Kreisstadt verworfen. Stattdessen soll die Sempt innerhalb der Stadt gezähmt werden – mittels Dämmen und Mauern.

Erding - Die Anlieger sind entsetzt. OB Max Gotz reagiert verwundert. In Wörth ist man zwar erleichtert, hat aber auch Bedenken ob der Einmauerung des Flusses. Diese völlig überraschende Wende dürfte die Umsetzung erneut stark verzögern.

Neue Berechnung

Ausgelöst worden waren die Pläne durch das Hochwasser im Juni 2013. Die damalige Umweltministerin Ulrike Scharf präsentierte in ungewöhnlich kurzer Zeit erste Ideen für ein Schutzkonzept. In dessen Mittelpunkt stand ein großes, von einem mehrere Meter hohen Damm im Norden begrenztes Rückhaltebecken mit Auslassventil. Im Gespräch waren aber auch Mauern entlang der Sempt sowie eine Variante mit beiden Maßnahmen. Eine spätere vierte Idee sah einen kleinräumigen Hochwasserschutz mit vielen kleinen Überlaufbecken bis in den Oberlauf der Sempt vor.

Gegen das Staubecken liefen vor allem die Wörther Sturm. Sie fürchteten Gebäude- und Flurschäden durch sich stauendes Grundwasser. Vor zwei Jahren musste das Wasserwirtschaftsamt zugeben, sich beim Becken verrechnet zu haben. Es legte neue Berechnungen vor – mit einem noch höheren Damm und einem noch höheren Volumen. Der naturnahe Ausbau des Semptoberlaufs wurde ebenfalls untersucht.

Am Freitag ging das Wasserwirtschaftsamt mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit – mit der Sprengkraft eines gebrochenen Damms. WWA-Leiter Christian Leeb teilt mit, dass man „nach einer intensiven Abwägung zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen ist: Die Variante mit Deichen und Schutzwänden soll Erding zukünftig vor Hochwasser schützen“. Man habe umfassend Daten erhoben und ausgewertet. Auch die anderen Varianten seien noch einmal durchgerechnet worden.

Das beauftragte Ingenieurbüro hat laut Leeb ermittelt, dass das Hochwasserrückhaltebecken bei Wörth noch größer hätte ausfallen müssen. „Ganz ohne innerstädtische Maßnahmen wäre keine Variante ausgekommen.“ Der naturnahe Ausbau der Sempt mit vielen kleinen Becken würde fast doppelt so viel kosten. Beträge nennt das Amt aber nicht.

Leeb kommt zu dem Schluss: „Die beste Lösung ist der Bau von Schutzwänden und Deichen an der Sempt.“ Er gibt aber auch zu: Vor allem die Kosten hätten den Ausschlag gegeben. Zudem habe die innerstädtische Variante den geringsten Flächenbedarf. Wegen der Corona-Ausgehbeschränkung wird es laut Leeb vorerst keine Bürgerinformation geben.

Gotz will Aufklärung

Genau die verlangt Erdings OB Max Gotz. „In der Stadt arbeiten wir mit größtmöglicher Transparenz. Das erwarte ich auch vom Wasserwirtschaftsamt – und zwar mit einer Bürgerversammlung zum frühestmöglichen Zeitpunkt.“ Er zeigte sich verwundert ob der neuen Festlegung. Gleich drei Bedenken meldet er an: „Die Bürger erwarten zu Recht, dass es mit dem Hochwasserschutz endlich vorwärtsgeht.“ Zweitens wären die Semptanlieger „massivst betroffen“. Drittens könne es nicht sein, „dass das Wasser durch Erding schießt und dann die nördlichen Orte wie Eitting und Berglern trifft“.

Sein Wörther Kollege Thomas Gneißl gibt zu, „dass ich erleichtert, aber weit entfernt von Schadenfreude bin“. Gegen das Becken habe man sich gewehrt, aber immer auch die Interessen Erdings gesehen. Gneißl spricht sich für einen größtmöglichen Rückhalt des Wassers im Oberlauf aus. Wörth sei Vorreiter in Bayern beim Sturzflutrisikomanagement und habe viel getan, um die Gefahr einzudämmen.

Stocksauer reagierte Eittings Bürgermeister Georg Wiester. „So etwas in diesen Zeiten zu veröffentlichen, ist eine absolute Frechheit.“ Jetzt gebe es andere Sorgen. Das Amt schere sich nicht um seine Gemeinde, „die haben noch nicht einmal die Schäden von 2013 beseitigt“. Die Mauerlösung sieht er kritisch: „Irgendwo muss das Wasser hin, das verdampft ja nicht. Es kommt zu uns.“

Anlieger wütend

Wütend ist auch Altenerdings Ortssprecher Georg Bichlmaier. „Das ist eine Frechheit. Wir werden sicher nicht die ganzen Wassermassen für Erding auffangen.“ Die Grundwasserstände östlich der Sempt seien jetzt schon hoch, man dürfe einen Fluss nicht einmauern. Hinzu komme: „Dann muss die Brücke Ardeostraße weg, sie wäre ein aufstauendes Hindernis. Das geht aber nicht.“ Bichlmaier kündigte „massiven Widerstand“ im Ort an, zumal der Grund massiv an Wert verlieren würde.

Fritz Gruber von der BI Niederwörth ist zwar die große Sorge des Rückhaltebeckens vorerst los. Zufrieden ist er dennoch nicht. Für ihn gibt es nur einen Weg: „Jede Gemeinde muss weiterhin für Hochwasserschutz sorgen. Dann kommt gar nicht so viel in Erding an.“

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