„Je früher Sucht behandelt wird, desto einfacher ist der Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Hausärzte sollten ihren Patienten schon früh zur Therapie raten“, sagen Chefarzt Dr. Bertram Schneeweiß (l.) und Oberarzt Dr. Christian Brisch.
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„Je früher Sucht behandelt wird, desto einfacher ist der Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Hausärzte sollten ihren Patienten schon früh zur Therapie raten“, sagen Chefarzt Dr. Bertram Schneeweiß (l.) und Oberarzt Dr. Christian Brisch. 

800 Patienten kämpfen jährlich im Isar-Amper-Klinikum gegen Sucht

„Es gibt nur eine Lösung: Aufhören“

Rund 800 Patienten nehmen jährlich im Isar-Amper-Klinikum in Taufkirchen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit auf. Der Weg aus der Sucht ist möglich, wenn auch nicht immer einfach.

Landkreis – Rund 800 Patienten nehmen jährlich im Isar-Amper-Klinikum in Taufkirchen den Kampf gegen ihre Abhängigkeit auf. Der Weg aus der Sucht ist möglich, wenn auch nicht immer einfach. Denn Alkoholismus wird häufig bagatellisiert und verleugnet – schließlich fließt gerade in Bayern das Bier bei jedem gesellschaftlichen Anlass.

Alkohol kann Krebs, Leberzirrhose und Bluthochdruck auslösen. Er kann die Persönlichkeit und das Leben der Betroffenen zerstören. An den Folgen regel- und übermäßigen Konsums zerbrechen Partnerschaften und Familien. Und viele Alkoholiker verlieren ihren Job oder den Führerschein.

Meist kommt der Druck von außen

Dennoch dauert es viele Jahre, bis Abhängige die Einsicht haben, dass sie etwas gegen ihre Sucht tun müssen. „Meist kommt der Druck von außen, von der Familie oder vom Arbeitgeber“, sagt Bertram Schneeweiß, Chefarzt des Taufkirchener Klinikums. Oder aber die Patienten sind körperlich so stark angeschlagen, dass eine stationäre Behandlung zwingend wird.

„Chronischer Alkoholismus ist tödlich, wenn er nicht behandelt wird“, erklärt Schneeweiß. Deshalb nahm das Klinikum in Taufkirchen auch während des Lockdowns Patienten auf. „Wir haben die Suchtstationen nicht zugemacht. Alle Neuaufnahmen mussten in Quarantäne – dennoch hatten wir einige Covid-19-Fälle, haben die Situation aber immer schnell in den Griff bekommen.“ Der Psychiater bedauert, dass zwei, drei Patienten an oder mit dem Virus verstorben seien: „Allerdings nicht im Haus – sie wurden ins Erdinger Krankenhaus verlegt.“

Sucht geht durch alle soziale Schichten

Sucht geht durch alle soziale Schichten, es trifft den Akademiker ebenso wie den Handwerker oder Landwirt. Die Assoziation des obdachlosen Alkoholikers unter der Brücke hinkt, auch wenn sich die Abwärtsspirale schnell dreht. „Für uns sind alle Patienten gleich. Wir machen keinen Unterschied bei der Behandlung“, erklärt Oberarzt Dr. Christian Brisch. Auch nicht bei den Substanzen: „Egal, ob illegale Drogen oder Alkohol und Medikamente – bei uns finden alle Hilfe, die ihr Leben nicht länger von der Sucht bestimmen lassen wollen.“

Suchtgefährdet sind vor allem junge Männer. Zum einen vertragen sie Alkohol besser als Frauen, auf der anderen Seite fangen sie oft schon früher mit dem Trinken an und entwickeln so eine Toleranz gegen die Droge. Alkoholismus sei allerdings kein regionales Problem, meint Schneeweiß: „In Bayern ist es Bier, in Nordrhein-Westfalen das Herrengedeck.“ Frauen greifen hingegen schneller zu Medikamenten, wobei Beruhigungspillen ebenfalls ein hohes Suchtpotenzial hätten.

Die Früherkennung ist wichtig

Die Behandlung in Taufkirchen ist qualifiziert, reicht weit über eine reine Entgiftung hinaus. Neben der körperlichen und medizinischen Behandlung wird hier auch an der Motivation für ein suchtfreies Leben gearbeitet. Sei es durch Sport- und Kunsttherapie oder therapeutische Gespräche. Sozialberatung steht ebenfalls im Fokus.

Manche Patienten schaffen den Sprung aus der Sucht allein durch die Behandlung in Taufkirchen, andere brauchen eine mehrwöchige Therapie. Das Gros der Süchtigen ist auf Selbsthilfegruppen angewiesen. Hilfe aber brauchen alle Abhängigen: „Dieses Eingeständnis fällt schwer“, sagt Chefarzt Schneeweiß. Doch je früher Süchtige sich Hilfe holen, desto größer seien die Erfolgschancen. Schneeweiß appelliert an die Hausärzte: „Die Früherkennung ist wichtig. Hat sich die Krankheit erst chronifiziert, ist der Weg um so schwererer.“

Es gibt nur eine Lösung: aufhören

Die Gründe für Sucht liegen oft in den Strukturen der Ursprungsfamilie. Und da setzt auch die Therapie an. Auch die Angehörigen, die meist während der Trinkphase des Partners oder Elternteils in eine Co-Abhängigkeit gerutscht sind, brauchen oft therapeutische Hilfe oder Meetings in einer Selbsthilfegruppe. „Es ist wichtig zu erkennen, dass man keine Verantwortung für den Suchtkranken trägt – auch nicht sein Anwalt ist.“

Die Erfolgschancen, die Sucht zu überwinden, sind gar nicht so hoffnungslos, meint Schneeweiß. Kollege Brisch ergänzt: „Es gibt nur eine Lösung: aufhören.“ Für das Ärzteteam sind gerade die vielen Erfolgsstorys Motivation: „Die Patienten werden bei uns wieder körperlich fit. Sie kommen mit fahlen, grauen Gesichtern zu uns – Abstinenz ist immer noch die effektivste Schönheitskur.“

Michaele Heske

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