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Erdings größte Geburtstagskarte: Die Familie gratulierte Joachim Köppen per Plakat zum 95. Geburtstag. Der Bahnbeamte a. D. lebt im Heiliggeist-Altenheim – und gehört zu den 60 infizierten Bewohnern. Bislang zeigt er keine Symptome. Die Grußbotschaft freute ihn sehr.

Joachim Köppen kann Familie nur vom Balkon aus sehen – Der Erdinger hat sich infiziert

95. Geburtstag im Corona-Sturm

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Seinen 95. Geburtstag wird sich Joachim Köppen aus Erding anders vorgestellt haben, seine Familie ebenso. Der Senior hat sich im Heim mit Corona infiziert. Und dennoch, ein bisschen gefeiert werden konnte dann doch.

Erding – Corona und die Alten – es ist diese brisante Kombination, die die Pandemie so gefährlich macht. Während des ersten Lockdowns wurden Heimbewohner streng isoliert, für viele ein Martyrium. Und auch jetzt in der zweiten Welle gilt es, die Hochbetagten besonders zu schützen – eine Gratwanderung.

Exemplarisch dafür steht Joachim Köppen. Er lebt im Heiliggeist-Altenheim. Nun konnte er seinen 95. Geburtstag feiern. Mitten im tobenden Covid-19-Sturm. Und der hat den Senior voll erwischt. Köppen gehört zu den 60 der 155 Bewohner, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Wie das Virus in die städtische Einrichtung gelangt ist, darüber herrscht Rätselraten. Seine Familie hat sich den Geburtstag anders vorgestellt. Aber das, was möglich war, haben seine Lieben unternommen.

Köppens Ehrentag am Sonntag war ein Regentag. Dass ihn die Söhne, deren Frauen und die Enkel nicht besuchen konnten, war von Anfang an klar. Doch dann kam die Corona-Infektion hinzu. „Wir haben eine große Grußkarte gemalt und uns auf dem Fußweg an der Sempt aufgestellt. Eine Pflegerin hat meinen Vater dann im Rollstuhl auf den Balkon gerollt“, berichtet Sohn Burkhard Köppen. Er ist sich sicher: „Mein Vater hat sich riesig gefreut, obwohl ihm eine direkte Gratulation und eine Umarmung sicher viel lieber gewesen wären.“ So wurde es ein Liebesbeweis mit Abstand – aber nicht minder herzlich.

Köppen weiß, unter welchem Druck das Pflegepersonal seit dem Massenausbruch steht. „Wir sind sehr dankbar, dass sich die Pflegerin bei der Arbeitsbelastung die Zeit genommen hat, ihn in Schutzkleidung im Rollstuhl auf den Balkon zu schieben und bei ihm zu bleiben.“

Er weiß, wovon er spricht, war er doch selbst bis zur Pensionierung Pflegedirektor im Deutschen Herzzentrum in München. „Die Arbeitsbelastung physisch und psychisch kann sich kein Mensch derzeit ausmalen. Die sind auf dem Weg auf einen 8000er-Gipfel, und das ohne Sauerstoff“.

Umso weniger Verständnis hat er für die Querdenker und Coronaleugner, wie die, die sich am Samstag in Erding versammelt haben. „Die haben keinen blassen Schimmer, was sie den Menschen an der Pflegefront mit ihrem schamlosen Auftritt antun. Sie drücken indirekt nur ihre völlige Verachtung aus.“

Was den Jubilar betrifft, ist die Familie froh, dass er bislang keine Symptome zeigt. So oft es geht, halten sie telefonischen Kontakt. Die Sorge ist dennoch groß.

Joachim Köppen wurde 1925 in Liebenwalde geboren und kam nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Bayern. 1946 schlug er sich als Bauernknecht im mittelfränkischen Dollstein durch. Ein Jahr später ging er zur Bahn. 1953 wurde er Bahnbeamter in der Herzogstadt. Im Januar 1955 bezog er mit Mutter, Frau und den drei Söhnen das Bahnhofsgebäude.

ham

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