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Immer schwieriger gestaltet sich die Suche nach günstigen Wohnungen. 

Enormer Preisschub – Siegel soll faire Vermieter kennzeichnen

Jobcenter als Miet-Melkkuh?

  • Hans Moritz
    vonHans Moritz
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Es sind schwere Vorwürfe, die der neu gegründete Verein MeinFairmieter erhebt. Bau-Investoren und Vermieter nutzten es aus, dass das Jobcenter bei Hartz IV-Empfängern die Miete zahlt, um besonders hohe Preise zu verlangen – nach dem Motto: Zahlt ja eh der Staat.

Erding– Einer Studie des Pestel-Instituts zufolge sind zwischen März 20214 und August 2020 im Landkreis Erding die Mieten für Single-Haushalte, die das Jobcenter übernimmt, um satte 62,8 Prozent gestiegen. Die Verbraucherpreise haben im gleichen Zeitraum aber nur um 6,5 Prozent zugelegt, berichtet Pestel-Chef Matthias Günther. Er engagiert sich in dem Verein, der der Preistreiberei den Kampf angesagt hat – unter anderem mit einem neuen Gütesiegel „MeinFairmieter“.

„Bei den Mieten wird oft rausgeholt, was rauszuholen ist. Dabei bauen Vermieter auf die Jobcenter als ‚zuverlässige Zahlstelle‘“, so Günther. Diese übernähmen zwar nur die Kosten für Wohnungen einfachen Standards. „Auf genau die sind aber nicht nur Hartz-IV-Empfänger angewiesen, sondern eben auch die vielen anderen Haushalte mit niedrigen Einkommen“, erklärt der Pestel-Chef. Dabei sei das Angebot an günstigen Wohnungen auch in Erding rar.

Immerhin konnte in der Herzogstadt zuletzt beträchtlicher zusätzlicher Wohnraum geschaffen werden: Ende 2020 hat die Wohnungsbaugesellschaft des Landkreises im Thermengarten-Süd in Altenerding 74 Sozialwohnungen fertiggestellt, die Oberbayerische Heimstätte hat in Klettham-Nord vor kurzem 106 Wohneinheiten realisiert, deren Preise sich ebenfalls unter dem ortsüblichen Niveau befinden.

Doch dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, beweist die aktuelle Pestel-Erhebung. Derzufolge fehlten im Landkreis Erding Ende 2019 rund 3900 Wohnungen, immerhin 6,3 Prozent des Gesamtbestandes.

Günther hofft, dass das neue Gütesiegel bei einigen ein Umdenken bewirkt. Denn es werde „die soziale Verantwortung von Vermietern auf den Prüfstand stellen“. Er sieht es als „Sozial-Kompass für den Wohnungsmarkt“. Seine Bedeutung reicht nach Ansicht des Vereins über den sozial geförderten Bereich hinaus. Denn fast ein Viertel der Beschäftigten arbeitet laut Pestel-Institut im Niedriglohnsektor – vom Mindestlohnbezieher über Alleinerziehende bis hin zu Rentnern, die ihre kleine Rente mit einem Minijob aufbesserten. Weil der Staat die stark steigenden Mieten akzeptiere beziehungsweise akzeptieren müsse, „agiert er in dem Mangel inzwischen als Preistreiber“.

Laut Günther macht sich auch bei Vermietern Unmut breit. „Vor allem Genossenschaften und Wohnungsbaugesellschaften fühlen sich zu Unrecht in die Schublade der ,gierigen Vermieter‘ gesteckt.“ Gerade hier gelte der Grundsatz: Eigentum verpflichtet. Das neue Siegel soll das Bewusstsein dafür schärfen: „Faire Vermieter, ob öffentlich, genossenschaftlich oder privat, müssen für die Wohnungssuchenden erkennbar sein“, so Günther.

Das Jobcenter Aruso Erding kümmerte sich Anfang 2020 um 2487 Personen und 1246 Bedarfsgemeinschaften, im Herbst waren es bereits 2880 Bezieher und 1460 Bedarfsgemeinschaften.

ham

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