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Autofasten praktiziert Brigitte Haug (AOK): Bei Wind und Wetter nimmt sie das Radl.

Neue Fastentrends 

Kein Auto, kein Handy, kein Plastik

Landkreis – Die Tage zwischen dem Aschermittwoch und Ostern gelten bei vielen als Zeit des Rückzugs und des Verzichts. Seit längerem aber geht es bei der Fastenperiode nicht mehr nur um Lebensmittel. Ob nun auf Handy, Plastiktüten oder Schokoriegel verzichtet wird, es gibt neue Trends.

Die Ernährungswissenschaftlerin Brigitte Haug von der AOK Erding verzichtet selbst nicht auf bestimmte Lebensmittel, sondern auf ihr Auto. Stattdessen fährt sie mit dem Rad oder benützt öffentliche Verkehrsmittel. Fasten in Sachen Genussmittel wie Süßigkeiten oder Alkohol sei aber durchaus sinnvoll. „Wenn man auf bestimmte Nahrungsmittel verzichtet, dann reflektiert man sein eigenes Ernährungsverhalten. Das macht vielen dann klar, wie gut oder schlecht sie sich ernähren“, meint Haug.

Im Idealfall hält man auch nach der Fastenzeit die Reduzierung von beispielsweise Süßigkeiten bei. Auf Obst und Gemüse, Brot, Milchprodukte wie Käse oder Quark sollte man aber nicht verzichten. Auch Fisch darf nicht vergessen werden. Wer gesund ist, könne die Ernährung ohne größere Vorsichtsmaßnahmen umstellen. Leide man aber unter Diabetes oder ähnlichem, sollte ein Arzt die Umstellung überwachen, erklärt Haug. „Eine Saftdiät zum Beispiel, die länger als zehn Tage dauert, kann durchaus ein Gesundheitsrisiko darstellen.“

„Direkte gesundheitliche Schäden sind beim Fasten, sofern es sich nicht um eine Nulldiät handelt, nicht zu erwarten“, sagt Professor Dr. Rudolf Riepl, stellv. Ärztlicher Direktor und Chefarzt für Innere Medizin im Klinikum Erding. Jedoch rät er, dass man genug Flüssigkeit zu sich nehmen sollte, „um eine Verschlechterung der Nierenfunktion, einen Anstieg von Harnsäure und Harnstoff zu vermeiden“.

Aus medizinischer Sicht wird „bei einer Reduktion der Kalorienaufnahme bis auf etwas unter 500 Kalorien pro Tag“ von Fasten gesprochen, erklärt Dr. Riepl. „Es handelt sich dabei um keine Nulldiät.“ Er persönlich findet die Fastenzeit gut, da in dieser Zeit auf den „so genannten Snack zwischendurch“, den es „viele Jahrtausende der Menschheitsgeschichte“ nicht gegeben habe, verzichtet wird. „Durch Fasten und mit wenigen Kilogramm Gewichtsverlust kann ein übergewichtiger Patient sowohl den Blutdruck als auch die Blutzuckerspiegel senken“, sagt der Chefarzt.

Für Lukas Weber, Commis de Cuisine bei Dallmayr, geht die Arbeit in der Fastenzeit ganz regulär weiter. „Man merkt nicht, dass die Menschen weniger Fleisch bestellen. Wenn jemand in ein Restaurant kommt, dann bestellt er das, auf was er Lust hat“, so der 20-jährige Koch aus Mauggen, der am Wochenende zusätzlich im Gasthaus Weber, dem Restaurant seiner Großmutter in Bockhorn, aushilft. „Man hat aber schon das Gefühl, dass die Gästezahlen in dieser Zeit etwas zurückgehen“, meint Weber. Er selbst könne als Koch schwer auf bestimmte Lebensmittel verzichten, deswegen versucht er es gar nicht erst. Er könne sich eher vorstellen, Alkohol oder Internet zu streichen. Aktuell fastet er aber nicht.

Aus der Sicht der katholischen Kirche geht es in der Fastenzeit mehr um den „geistlichen Hintergrund, die Einheit von Körper, Geist und Seele“ und weniger um das Abnehmen, erklärt Nikolaus Hintermaier, Theologischer Referent des Katholischen Bildungswerks Erding. Sie ist „die Vorbereitungszeit auf Ostern und die Auferstehungsfeier Christi.“ Von dem positiven Effekt der Fastenzeit ist er überzeugt: „Ich finde es gut, dass man sich seinen eigenen Lebensstil anschaut und sich überlegt, mit Blick auf mehr Achtsamkeit und Ökologie, was man ändern kann. Ich verzichte auf Süßigkeiten und nehme mir mehr Zeit für etwas Besonderes, wie Gebet oder Meditation.“ Das Wichtigste in diesen 40 Tagen sei aber, dass „Fasten zu mehr Lebensfreude führen soll, und dass man das Leben überhaupt mehr genießen kann“.

Das Fasten kann aber auch eine negative und sogar gefährliche Seite haben. Dem Psychologen Thomas Pölsterl, Leiter der Suchtberatung Prop e.V. in Erding, sei zwar kein Fall bekannt, in dem eine Esssucht oder ähnliches aus der Fastenzeit heraus entstanden ist, aber „ich könnte mir das in Extremfällen durchaus vorstellen. Die größere Gefahr sehe ich jedoch darin, dass potentiell Süchtige die Fastenzeit als Ausrede nutzen. Wenn sie es schaffen, in dieser Zeit auf das Suchtmittel zu verzichten, nehmen sie dies fälschlicherweise als Beweis, nicht süchtig zu sein“, meint der Psychologe.

Für Pölsterls Schützlinge ist das Fasten ein alltäglicher Begleiter. Neben dem Verzicht auf das Hauptsuchtmittel verzichten sie in der Fastenzeit zusätzlich auf andere Genussmittel wie den Fernseher oder Schokolade, „um für die Zeit zu üben, in der sie nicht mehr von offizieller Seite zum Verzicht auf ihr Hauptsuchtmittel gezwungen sind“, erklärt Pölsterl. Aus Solidarität fasten die Betreuer mit.

„Bei uns zu Hause ist es Tradition, dass die ganze Familie jedes Jahr in der Fastenzeit auf etwas anderes verzichtet“, sagt der Vater einer mittlerweile erwachsenen Tochter. So erlernen die Kinder von klein auf, wie es ist, auf etwas zu verzichten. Das kann nicht zuletzt einer Sucht vorbeugen“, so der Psychologe. Dieses Jahr fastet er bei Süßigkeiten.

Wer es zu Hause nicht schafft, auf Genussmittel zu verzichten, kann spezielle Touren buchen. Das Reise-Atelier Erding vermittelt solche Fastenreisen das ganze Jahr über. „Die Leute buchen so wie ihr Urlaub fällt“, erklärt Inhaberin Corinna Gunst (49). „Die Menschen wollen sich von unguten Dingen reinigen und einen Cut machen.“ Sie selbst versuche in der Fastenzeit zurückhaltender im Umgang mit digitalen Medien zu sein. Dafür widme sie sich mehr ihrem Hobby, dem Malen.

Jutebeutel statt Plastiktüten, das schlägt der Bund Naturschutz vor. Er fordert zudem dazu auf, Plastikverpackungen in den Läden zu lassen, um den Händlern die Problematik vor Augen zu führen.

Und dann gibt es noch digitales Fasten. Statt auf Fleisch oder Süßigkeiten verzichten die Digitalfaster auf einige oder alle Geräte wie Fernseher, PC oder Handy. „Eine gute Idee, findet Petros Giovis, (41) aus Erding, Chef des Vodafone-Shops in der Langen Zeile. Bei Kindern sei der temporäre Verzicht auf Handys „eine gute Erziehungssache, und bei Erwachsenen eine Art Selbstdisziplinierung“, erklärt er.

zs/nb/sh

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