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Wankender Koloss: Das Klinikum Erding hat vorheriges Jahr mit 3,3 Millionen Euro sein unerwartetes Minus eingefahren. Nun kommt die zeitweise Schließung des Kreißsaals hinzu. Das Kommunalunternehmen des Landkreises im Süden Erdings steckt in Turbolenzen - Fortgang offen.

Klinikum in der Krise

Patient Krankenhaus und seine Polit-Therapeuten

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Hohes Defizit und eine zeitweise geschlossene Geburtshilfe - das Klinikum Erding steckt in der Krise. Doch wer ist schuld, wer muss jetzt handeln? Hier unsere große Analyse.

Von Hans Moritz

Erding Beim Klinikum Erding ist der Krebs zurück. Siebeneinhalb Jahre ist es her, da stürzte das damalige Kreiskrankenhaus mit seinen 330 Betten in eine tiefe und am Ende Millionen Euro teure Krise. Der damalige Vorstand, die vom privaten Sana-Konzern entsandten Manager Joachim Ramming und Ingo Hüttner, kamen mit Chirurgie-Chefarzt Prof. Dr. Bernhard Weigel über Kreuz. Der beliebte und international anerkannte Arzt musste gehen.

Der damalige Vorstand versuchte sich mit Lügen über Wasser zu halten. Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) griff viel zu spät ein und noch später durch. Die Folge des Kommunikationsdesasters: ein Vertrauensverlust bei der Bevölkerung. Die Belegung sank, die Erlöse gingen zurück. Der Ruf des Hauses – vorläufig dahin. Der Landkreis trennte sich von Sana, Ramming und Hüttner gingen.

Seit 2011 hat Sándor Mohácsi an der Bajuwarenstraße das Sagen. Er macht(e) einen guten Job. Sechs Jahre später bescheinigen ihm das immer noch viele, doch die kritischen Stimmen sind nun auch öffentlich wahrnehmbar. Das hat zwei Gründe:

Das Defizit des Klinikums ist von 2015 auf 2016 auf 3,3 Millionen Euro regelrecht explodiert. Und dann platzte am Freitag voriger Woche zur Überraschung aller – auch der Politik und der Belegschaft des Klinikums – die Bombe der zeitweisen Schließung des Kreißsaals. Die bittere Nachricht kam zur völlig falschen Zeit.

Am Montag wurde Mohácsi im Kreistag erwartbar rasiert. Ob der Vorstandschef wackelt, ist derzeit schwer zu sagen. Der Vertrag des Managers läuft noch drei Jahre. Eine kommentierende Analyse:

Mohácsis Aufstieg

Nach dem unrühmlichen Abgang der Herren Ramming und Hüttner – Ersterer ist heute nach einem Zwischenstopp beim Medizinischen Dienst des Flughafens Geschäftsführer der Sana-Stadtklinik in Bad Tölz und musste dort unlängst ebenfalls das Aus für die Geburtshilfe verkünden – wurden in Mohácsi große Erwartungen gesetzt. Er sollte den Ruf des ramponierten Klinikums reparieren. „Gesundwachsen statt Gesundschrumpfen“ lautet sein Credo. Davon hat das Haus anfangs profitiert, zahlreiche neue Disziplinen zogen in Erding und Dorfen ein – etwa die Dialyse, der Herzkatheter, die Schmerztherapie und die Plastische Chirurgie. Landrat, Verwaltungsrat und Kreistag gingen den Weg mit. Zwischen Mohácsi und Bayerstorfer entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis.

Politik & Wirtschaft

Als Manager eines kommunalen Krankenhauses kann Mohácsi nie so schalten wie er will oder wie es mitunter wirtschaftlich geboten wäre. Deswegen können sich Landrat, Verwaltungsrat und letztlich auch der Kreistag beim Defizit nicht aus der Verantwortung stehlen. Daran sind sie beteiligt. Es gibt knallharte politische Vorgaben: An Dorfen als kleiner zweiter Standort darf nicht gerüttelt werden. Bezeichnenderweise schreibt Dorfen für sich betrachtet zwar schwarze Zahlen, wäre aber allein wohl kaum überlebensfähig. An der Notaufnahme darf niemand abgewiesen werden, auch wenn er kein Notfall ist, sondern vor allem Kosten verursacht. Ein Klinikkonzern würde sich von defizitären Abteilungen sofort trennen. Unterm Strich profitiert vom öffentlich-rechtlichen System der Patient. Der Bürger steht an oberster Stelle – um den Preis, dass Fehlbeträge mit Steuergeldern ausgeglichen werden. Seit 2010 hat das Klinikum 16,6 Millionen Euro Miese gemacht, für die der Landkreis aufgekommen ist. In der Öffentlichkeit ist das bis dato mit keiner Silbe in Frage gestellt oder kritisiert worden.

Wachstum & Personal

Das Leistungsspektrum des Klinikums ist unter Mohácsi beträchtlich gewachsen. Auch wurden mehr Ärzte und Personal eingestellt. Aber offensichtlich zu wenig. Dass am Klinikum Erding oft eine miserable Stimmung herrscht, führen Insider auf einen eklatanten Personalmangel zurück – vor allem in der Pflege.

Hier ergibt sich das nächste Dilemma: Pflegekräfte sind schwer zu bekommen, gerade in Erding, wo das Wohnen teuer ist. Der diesbezüglich angekratzte Ruf macht das Klinikum als Arbeitgeber nicht gerade attraktiv. Die Pflegeakademie ist noch nicht einmal gebaut. Sie soll in ein paar Jahren den Personalbedarf des Klinikums decken.

Personal & Kosten

Selbst wenn es Mohácsi gelingen würde, eine größere Zahl Pflegekräfte zu gewinnen, würde deren Anstellung die Kosten (und damit das Defizit) weiter in die Höhe treiben. Angesichts des 3,3-Millionen-Minus’ – mit Abstand größter Kostenfaktor ist gerade bei Kliniken das Personal – bleibt Mohácsi gar nichts anderes übrig, als weiter Kosten zu senken.

Das kann er nur bei der Belegschaft. Damit droht sich eine hoch riskante Spirale in Bewegung zu setzen: Keine zusätzlichen oder gar weniger Ärzte und Pfleger bedeuten noch mehr Frust und Belastung der Beschäftigten. Fluktuation und Krankheitsrate werden steigen, die Versorgungsqualität sinken.

Problem der Planung

Das 3,3-Millionen-Euro-Defizit setzt sich aus vielen Faktoren zusammen. Gerade ein Krankenhausbetrieb lässt sich seriös nur begrenzt planen. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten. 2016 ist in Erding alles zusammengekommen: Ein milder Winter ist für ein Krankenhaus Gift. So zynisch es klingt: Aber wenn niemand ausrutscht und sich komplizierte Brüche zuzieht oder reihenweise ältere Menschen mit schweren Infekten eingeliefert werden, fallen Einnahmen in beträchtlicher Höhe aus.

Kommen dann, wie zuletzt in Erding geschehen, im Sommer eine monatelange schlechte Belegung sowie reihenweise ausgefallene Pflegekräfte hinzu, wächst das Defizit schnell in schwindelerregende Höhen. In diesem Punkt kann man der Klinikleitung kein Managementversagen vorwerfen.

Streit ums Defizit

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass sich der Landkreis, einer der wirtschaftlich stärksten in der ganzen Republik, auch in Zukunft Defizite beim Klinikum nicht mehr leisten kann. Natürlich darf dem Haus kein Freibrief gegeben werden, die Forderungen nach einem Sanierungskonzept sind berechtigt.

Es ist vielmehr politische Eitelkeit, die Bayerstorfer mit seinen treuen Kämpen aus der CSU-Fraktion jetzt die politische Keule hat auspacken lassen. Der ehrgeizige schwarze Politiker träumt von der Schwarzen Null. Er will als Sanierer, als Musterknabe dastehen, der keine Schulden macht, sondern sie tilgt. Grundsätzlich eine löbliche Einstellung. Beim Klinikum ist allerdings die Frage, wie teuer der Törn in die Gewinnzone langfristig zu stehen kommen könnte.

Mohácsis Fehler

Seit Mohácsis Amtsantritt wurde trotz früherer Defizite keine Kritik an ihm geübt, zumindest nicht öffentlich. Jetzt hört man aus Reihen der Politik, dass einige schon länger unzufrieden sind.

Keine Frage, er hat das Spektrum erweitert und den Ruf des Hauses wieder stark verbessert. Doch einige seiner Entscheidungen werfen Fragen auf: Beim Rausschmiss seines Gynäkologie-Chefarztes 2015 hat er sofort schwerste Geschütze aufgefahren – weil der Arzt eine Studentin hatte operieren lassen und selbst nicht erreichbar war.

Erst als die Kündigung zu scheitern drohte, legte Mohácsi alle Karten auf den Tisch: Der Frauenarzt soll Kolleginnen, zum Teil sogar Patientinnen, nicht gerade wie ein Gentleman begegnet sein, um es höflich auszudrücken. Der Prozess sorgte nicht nur für reichlich Schlagzeilen, sondern hat auch viele tausend Euro gekostet.

Die Reform der Notaufnahme mit einem eigenen ärztlichen Leiter ist gescheitert. Der mit viel Lob vorgestellte Mediziner machte sich rasch wieder auf und davon. Begründung: Er habe das Konzept nicht realisieren können – zu wenig ärztliches Personal. Mohácsi ließ ihn mit Bedauern ziehen und legte das Projekt auf Eis.

Zu wenig Durchgriff werfen ihm einige im Verwaltungsrat auch im Umgang mit den Chefärzten vor. Die einen bemühen sich um Patienten, halten Kontakt zu den niedergelassenen Ärzten und werben um zahlungskräftige Privatpatienten. Andere sind sich dafür, salopp gesagt, zu fein. Nicht bei allen niedergelassenen Ärzten steht das Klinikum Erding hoch im Kurs. Etliche überweisen ihre Patienten in andere Kliniken.

Alles andere als eine bella figura, sagen Kritiker, habe der Vorstandschef auch bei der Geburtshilfe gemacht. Der Kreißsaal wird bekanntlich von Juli bis September geschlossen, und keiner kann zuverlässig sagen, ob die Lichter danach wieder angehen.

Keine Frage: Das Riesenproblem Geburtshilfe und Hebammen muss endlich bundesweit gelöst werden. In Erding soll es neben der Überlastung auch das Zwei-Schicht-Modell mit bis zu 24 Stunden Präsenz am Stück gewesen sein, was die Beleg-Hebammen zur Aufgabe zwang. In Kliniken wie in anderen Rund-um-die-Uhr-Einrichtungen ist das Drei-Schicht-Modell üblich.

Zudem, schimpfen Kritiker weiter, habe Mohácsi die Chance nicht genutzt, aus Schließungen anderer Geburtsabteilungen Profit zu schlagen und Hebammen abzuwerben – zuletzt in Bad Tölz. Mohácsi erwidert, man habe bis Südtirol gesucht.

Drohungen der Politik

Im Kreisausschuss hat Hans Wiesmaier (CSU) gegen den Defizit-Ausgleich gestimmt. Bayerstorfer dachte laut über Rekommunalisierung nach. Beides sind markige Drohungen. Man sollte sie aber nicht überbewerten.

Hätte sich Wiesmaier durchgesetzt, müsste das Klinikum umgehend Insolvenz anmelden. Unvorstellbar. Rekommunalisierung würde bedeuten: Das Klinikum wäre kein Kommunalunternehmen mehr, sondern eine Abteilung des Landratsamts. Damit hätte vor allem der Landrat das Sagen. Die Entscheidungen würde der Kreistag und nicht länger der – ebenfalls rein politisch besetzte – Verwaltungsrat fällen. Was sich dann ändern, vor allem aber bessern würde, ist fraglich. Denn mehr Expertentum würde damit nicht einziehen. Aufgewertet würde nur eines: die Machtfülle des Landrats.

Der Hinweis auf die Rekommunalisierung war nichts weiter als eine unverhohlene Drohung in Richtung Mohácsi.

Es bliebe immer die Möglichkeit der Privatisierung. Der Landkreis könnte sein Krankenhaus einem privaten Träger übergeben, an einen Gesundheitskonzern. Mit unabsehbaren Folgen: Mit dem Defizit wäre es rasch vorbei. Aber auch mit allem, was keinen Gewinn abwirft, dafür aber der Absicherung der Bürger dient.

Als 2010 das Krankenhaus zuletzt im Feuer stand und der Managementvertrag mit Sana gekündigt wurde, gab die Kreispolitik unisono mehr als einmal das Versprechen ab: Der Landkreis wird sein Klinikum niemals verkaufen. Ganz abgesehen davon: Der Aufschrei der Bevölkerung wäre enorm, die nächste Kommunalwahl wäre ein Himmelfahrtskommando.

Was jetzt zu tun ist

Das Defizit ist ärgerlich, aber nicht mehr zu ändern. Die Politik sollte ihre Kritik zumindest nicht länger öffentlich äußern. Denn jede Negativ-Schlagzeile erschüttert das Vertrauen ins Klinikum weiter. Das müssten Bayerstorfer & Co. aus der Causa Weigel vor sieben Jahren gelernt haben.

Nun muss eine ehrliche Diskussion geführt werden, wie das Hauptübel an der Wurzel zu packen ist – der eklatante Personalmangel. Dazu gehört auch eine schonungslose Analyse, ob es alles, was es im Haus gibt, wirklich braucht, oder ob mitunter weniger mehr ist.

Wenn es eine Chance gibt, die Geburtshilfe zu retten, sollten Klinikum und Landkreis sie ergreifen, selbst wenn es eine teure Lösung sein sollte. Der Politik muss klar sein: Bei Wiederaufbau und Stabilisierung darf Geld keine Rolle spielen. Die kinderreichste Region Deutschlands ohne eigene Geburtsklinik – ein schlechter Scherz. Kreißsaal und Geburtshilfe sind der Imagefaktor schlechthin. Das müssen auch die Hebammen erkennen.

Misslingt die Rettung, sollte man sich auch gleich von allen Plänen verabschieden, doch noch eine kinderheilkundliche Abteilung genehmigt zu bekommen.

Gefordert ist aber auch das Personal: Die Chefärzte müssen noch stärker den Dialog mit der Ärzteschaft vor Ort suchen und gezielt für das Haus werben.

So verständlich der Frust gerade in der Pflege ist: Im Moment geht es um die Zukunft des ganzen Hauses. Dafür haben es die Pflegekräfte verdient, dass bei der Entlohnung alle Spielräume genutzt werden.

Und die Kreisräte, die wegen des Defizits nicht mehr schlafen können, sollten sich fragen: Wer würde von Stadthallen, Schwimmbädern, Eisstadien und von Buslinien in den letzte Weiler verlangen, dass sie kostendeckend sind? Es sind Einrichtungen für die Bürger. Deswegen werden sie auch von den Bürgern bezahlt – mit Eintritts-, aber eben auch mit Steuergeldern.

Infoabend

Wie geht es mit Kreißsaal und Geburtshilfe am Klinikum weiter? Dazu findet am Mittwoch, 5. Juli, von 17 bis 18 Uhr im Speisesaal im Untergeschoss ein Infoabend statt, bei dem ärztliche und pflegerische Vertreter der Geburtshilfe sprechen. Auch Chefärztin Dr. Birgit Niemeyer wird anwesend sein. Der Termin richtet sich nicht zuletzt an werdende Eltern.

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