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Alle Zahlen im Blick hat Klinikum-Vorstandschef Sándor Mohácsi – und das vom Schreibtisch aus.

Interview mit Vorstandschef 

Klinikum muss Luft holen

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Das Klinikum Erding hat ein schweres, defizitäres Jahr hinter sich. Im Interview erklärt Vorstandschef Sándor Mohácsi, wie es dazu kommen konnte und wie es jetzt weitergeht. 2017 soll das Jahr der Erholung des Landkreis-Unternehmens sein.

-Herr Mohácsi, wie zufrieden sind Sie mit dem Klinikums-Jahr 2016?

Sándor Mohácsi: Mit der medizinischen Entwicklung in den beiden Häusern in Erding und Dorfen können wir sehr zufrieden sein. Denn es sind einige für unsere Patienten sehr wertvolle Angebote dazugekommen.

-Welche sind das?

Mohácsi: Im Mai ging die Schmerztagesklinik in Erding in Betrieb. Sie wird so gut angenommen, dass wir bereits eine Warteliste haben. Im Oktober folgte in Dorfen die stationäre Schmerzklinik mit zehn Betten. Dank unserer neuen Gynäkologie-Chefärztin Dr. Birgit Niemeyer können wir den weiblichen Patienten ein sehr breites Behandlungsangebot bieten. Die Abteilung, insbesondere die Geburtshilfe, entwickelt sich sehr positiv. Nicht zuletzt haben wir einen neuen Pflegeschulleiter. Michael Gügel macht einen sehr guten Job. Das ist wichtig, um künftige Pflegekräfte ausbilden und gewinnen zu können.

-Wie lief 2016 wirtschaftlich?

Mohácsi: Da gibt es nichts zu beschönigen: Das vergangene Jahr ist wirtschaftlich nicht so gelaufen, wie wir das erwartet hatten. Nach einer durchwegs positiven Entwicklung seit 2012 mit steigenden Fallzahlen und sinkenden Defiziten mussten wir voriges Jahr einen Rückschlag hinnehmen. Entsprechend werden wir das Jahr mit einem deutlich höheren Defizit als geplant abschließen. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich vor Fertigstellung des Jahresabschlusses und Genehmigung durch den Verwaltungsrat keine Zahlen nennen kann.

-Woran lag das?

Mohácsi: Es gibt mehrere Gründe. Wir hatten etwa 16 200 Patienten und wie in den Vorjahren mit einem Plus von etwa zwei Prozent gerechnet. Stattdessen waren es zwei Prozent weniger. Zuerst hatten wir einen sehr schwachen Winter mit wenig Schnee und Eis und ohne Grippewelle. Das spüren wir natürlich. Mit einem schwachen Herbst haben wir dann nicht mehr die geplante Belegung erreicht.

-Konnten Sie das nicht durch planbare Behandlungen, durch elektive Patienten ausgleichen?

Mohácsi: Im Prinzip wäre das schon möglich gewesen; allerdings erlebten wir in zwei, drei Abteilungen unerwartet niedrige Patientenzahlen.

-Welche Abteilungen waren das?

Mohácsi: Zum einen die Thorax- und Visceralchirurgie, zum anderen vor allem die Urologie.

-So was passiert doch nicht aus heiterem Himmel?

Mohácsi: Bei der Urologie hatten wir das Problem, dass zwei Ärzte die am Klinikum angesiedelte Praxis verlassen haben und damit uns als Belegärzte und Operateure nicht mehr zur Verfügung standen. Bei der Thoraxchirurgie gibt es mehrere Gründe. Es ist ja bekannt, dass der langjährige Chefarzt mittlerweile in Ruhestand gegangen ist. Mit der Berufung eines neuen Chefarztes, den wir hoffentlich bald vorstellen werden, erwarten wir wieder steigende Patientenzahlen.

-Stimmt es denn, dass Sie 2016 deutlich teurere Leih-Pfleger einsetzen mussten?

Mohácsi: Das ist richtig und betraf in erster Linie die hoch spezialisierte OP-Pflege. Hier hatten wir zeitweise das Problem, dass ein Fünftel der Stammbelegschaft aus unterschiedlichen Gründen ausgefallen oder nicht mehr verfügbar war. Wir mussten reagieren, um nicht noch weiter abzurutschen.

-Wie wollen Sie ingesamt gegensteuern?

Mohácsi: Zum einen müssen wir sicherstellen, dass wir bei sich abzeichnenden Personalengpässen frühzeitig reagieren und eigene Kräfte statt Leiharbeitskräfte gewinnen, zum anderen werden wir bei negativer Leistungsentwicklung einzelner Abteilungen früher gegensteuern und insgesamt noch mehr auf die Kosten achten, damit uns unerwartete negative Entwicklungen nicht so hart wie in 2016 treffen. Generell gilt, dass wir sparen müssen, aber ohne Strukturen zu zerstören und die heute sehr gute Patientenversorgung zu gefährden.

-Sie haben aber immer wieder betont, zusätzlich Pfleger einstellen zu wollen. Gilt das jetzt nicht mehr?

Mohácsi: Der Fachkräftemangel ist allgemein bekannt und trifft uns sowohl in Erding als auch in Dorfen zeitweise immer wieder recht heftig. Hier wird und muss es auch künftig Einstellungen geben; ich setze da ganz auf unser neues Bildungszentrum für Gesundheitsberufe beziehungsweise auch die heute schon sehr gute Ausbildung in unseren Schulen.

-Vor etwas mehr als einem Jahr musste man sich große Sorgen um die Geburtshilfe machen. Weil zu wenige Hebammen da waren, stand die Abteilung vor dem Aus. Wie sieht es heute aus?

Mohácsi: Deutlich besser. Die Situation hat sich wieder stabilisiert. Seit Herbst 2015 haben wir wieder ausreichend Beleg-Hebammen, die einen 24-Stunden-Betrieb sicherstellen. Die Hebammen wollen weiter selbstständig bleiben und organisieren sich erfolgreich selbst. Leichte Fluktuation hat es gegeben, aber die Abteilung ist dank neuer Kräfte nicht in Gefahr. Im Gegenteil: Voriges Jahr waren es 694 Geburten, der höchste Wert seit 1997.

-Können Sie denn überhaupt optimistisch ins Jahr 2017 schauen?

Mohácsi: Ja, das kann ich. Denn die ersten vier Wochen sind sehr gut gelaufen. Das liegt aber nicht nur an Kälte und Eis. Insgesamt sind beide Häuser derzeit sehr gut belegt. Wir setzen alles daran, wieder auf unsere Trendkurve mit zwei bis drei Prozent Wachstum bei den stationären Patienten zu kommen. Das wären dann in 2017 etwas mehr als 16 500 Patienten. Ähnlich hoch ist übrigens auch die Zahl der im Klinikum jährlich ambulant versorgten Patienten.

-Ein Patient war zuletzt die Notaufnahme. Das mit dem Leiter eines eigenen Ärzteteams hat ja nicht geklappt...

Mohácsi: An dem Ziel eines eigenen Ärzteteams halten wir fest. Die Entwicklung ist gar nicht so schlecht. Wir konnten inzwischen drei eigene Ärzte und eine besonders qualifizierte Pflegekraft, eine so genannte „Physician Assistant“, für dieses Team gewinnen. In diesem Zusammenhang muss ich erneut darauf hinweisen, dass unsere Notaufnahme nach wie vor von sehr vielen Menschen, die keine Notfälle sind, aufgesucht wird. Das verursacht sehr hohe Kosten und führt zu teilweise sehr langen Wartezeiten. Es ist aber auch unser Selbstverständnis, dass wir niemanden wegschicken und alle behandeln. Wir arbeiten weiter an einer Verbesserung unserer Notaufnahme.

-Was kommt 2017 noch?

Mohácsi: Nach einigen großen und wichtigen Projekten und Investitionen in den letzten Jahren werden wir in 2017 und 2018 zwei Jahre der Konsolidierung einlegen. Konkret heißt das, wir konzentrieren uns auf unsere Kernaufgabe, nämlich die bestmögliche Patientenversorgung; jetzt unterstützt durch Dinge wie die elektronische Patientenakte oder die neuen Behandlungsangebote der vergangenen Jahre. Besonders freuen wir uns auf den Bau des Bildungszentrums, das Ende 2018 bezugsfertig sein soll. Unser Träger, der Landkreis, ist da ein hervorragender Partner. In Dorfen werden wir die interdisziplinäre Schmerztherapie weiter ausbauen und ein Schlaflabor etablieren. Auch hierfür ist die Nachfrage sehr groß. Dieses Angebot gibt es im Landkreis noch nicht. Im zweiten Halbjahr soll dann unsere Portalpraxis in Taufkirchen konkret werden. Dadurch werden wir die fachärztliche Versorgung in der Region verbessern.

Hans Moritz

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