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Sitzt seit ihrem 13. Lebensjahr im Rollstuhl und muss beatmet werden: Cornelia Ermeier.

Interview über Inklusion und politische Ziele

Grünen-Spitzenkandidatin Cornelia Ermeier: „Lernt mich einfach kennen“

Cornelia Ermeier möchte im Stadtrat viel bewegen, obwohl sie sich selbst nicht bewegen kann. Die Spitzenkandidatin der Grünen sitzt seit ihrem 13. Lebensjahr im Rollstuhl.

Erding Cornelia Ermeier möchte im Stadtrat viel bewegen, obwohl sie sich selbst nicht bewegen kann. Die Spitzenkandidatin der Erdinger Grünen für die Kommunalwahl am 15. März 2020 sitzt nach einem Fahrradunfall seit ihrem 13. Lebensjahr im Rollstuhl. Ermeier ist querschnittsgelähmt und muss beatmet werden. Sie habe mehr drauf als das Thema Inklusion, sagte die 49-Jährige im Interview.

Ermeier ist im Landkreis aufgewachsen und lebt seit 2001 wieder in Erding: „Ich bin primär Stadtratskandidatin – wenn auch mit körperlicher Behinderung. Das eine schließt schließlich das andere nicht aus.“

Frau Ermeier, in vielen Stellenanzeigen steht, dass Menschen mit Behinderungen bei gleicher Qualifikation bevorzugt werden. Gilt das auch für die Stadtratswahl in Erding?

„Lernt mich einfach kennen“, sage ich immer. Dann sehen die Leute nämlich, dass hinter meinem Handicap eine fähige Frau steckt, die gut zuhören kann und sich engagiert. Und vor allem, dass ich trotz aller Einschränkungen ein ganz normaler Mensch bin und ein ganz normales Leben führe.

Frage: Fühlen Sie sich dem Kommunalwahlkampf und später auch den Anforderungen als Stadträtin gewachsen?

Sonst würde ich nicht kandidieren. Ich habe keinen Betreuer, kann also allein entscheiden und agieren, auch wenn ich bei fast allem Hilfe brauche.

Das heißt, es ist ständig ein Pfleger an ihrer Seite. Das wird Probleme geben, beispielsweise bei nichtöffentlichen Sitzungen im Rathaus.

Dann wird der Pfleger raus geschickt und mir muss eben mein Sitznachbar helfen. Das kriegen wir schon hin.

Inklusion ist in aller Munde, betrifft aber eigentlich nur wenige Menschen. Glauben Sie, dass Sie mit diesem Thema punkten können?

Inklusion und Integration sind weite Begriffe. Eine Seniorin mit Rollator ist ebenfalls stark in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Gerade in Zeiten des demografischen Wandels ist das Thema Barrierefreiheit so wichtig wie nie. Dafür möchte ich mich einsetzen. Es gibt nur einen Optiker in der Erdinger Innenstadt, der einen barrierefreien Zugang hat. Da muss sich noch viel tun. Ich sitze selbst im Rollstuhl, habe auf viele Bereiche eine ganz andere Perspektive.

Was prädestiniert Sie sonst noch für Listenplatz 1?

Von behinderten Menschen kann man viel lernen, gerade im sozialen Bereich.

Das heißt?

Wenn das Leben nicht gradlinig verläuft, hat man mehr Verständnis, ist einfühlsamer. Ich kann sehr gut zuhören. Ein selbstbestimmtes Leben aller Menschen ist mein Ziel – ohne Barrieren. Jeder, egal ob arm oder reich, Einheimischer oder Zugezogener, soll seinen Platz in der hiesigen Gesellschaft findet.

Was steht politisch auf Ihrer Agenda?

Es gibt viele Themen, die mich bewegen. Wichtig ist mir eine klimaneutrale Bauplanung sowie eine fußgänger- und fahrradfreundliche Verkehrsplanung. Ich wünsche mir eine autofreie Innenstadt. Das halte ich übrigens nicht für eine grüne Utopie. Es braucht gar nicht so viele Umbaumaßnahmen, um Barrierefreiheit zu erreichen.

Und weiter?

Wir brauchen eine Innenstadt zum Verweilen, zum Flanieren. Alle Bürger sollen am öffentlichen Leben teilnehmen können. Ich wünsche mir mehr Kultur, ein Bürgerhaus, in dem auch Künstler auftreten können – fernab jeglicher Kommerzialisierung und Ausgrenzung.

Wurden Sie eigentlich schon wegen Ihrer Behinderung ausgegrenzt?

Ich habe bislang keine schlechten Erfahrungen gemacht, egal ob im Kino oder in der S-Bahn. Die Leute sind oft unsicher im Umgang mit mir, das finde ich schade. Ich freue mich, wenn mich Kinder ansprechen, doch die Eltern haben oft Angst, die Kleinen könnten mich stören.

Woher nehmen Sie die Kraft, trotz ihrer schweren Behinderung so positiv zu denken?

Ich habe damals freilich stark gehadert. Doch dann lernte ich in der Reha wieder Schreiben, wenn auch nicht mehr mit der Hand, sondern mit dem Mund. Vieles geht, wenn auch anders. Ich lese viel, koche gerne und liebe es, im Garten zu sein. Ich bleibe in Bewegung, zumindest intellektuell – das inkludiert für mich alle politischen und gesellschaftlichen Aspekte.

Michaele Heske

Alle Nachrichten rund um die Kommunalwahl 2020 im Landkreis finden Sie auf unserer Themenseite.

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