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In Kriegsgebieten wie Syrien ist der gebürtige Erdinger Alfred Hackensberger unterwegs. Er berichtet von dort als Korrespondent für „Die Welt“

Korrespondent Alfred Hackensberger

Ein Erdinger in den Kriegen dieser Welt

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Erding – Alfred Hackensberger sitzt entspannt neben dem Christbaum. Der gebürtige Erdinger ist zu Besuch bei seiner Mutter in der alten Heimat. Ein paar Tage in Ruhe und Frieden. Normalerweise steckt der 57-Jährige als Korrespondent im Krieg im Nahen Osten.

Literatur war schon immer das Hobby von Alfred Hackensberger. Nachdem er das Abitur am Erdinger Gymnasium abgelegt und sein Germanistik-Studium beendet hatte, eröffnete er in seiner Heimatstadt den „Turmschieber“-Buchladen zusammen mit seinem Spezl Peter Felixberger. „Ich habe in dieser Zeit schon gerne geschrieben, über Kunst und Literatur, über so schöngeistiges Zeug halt“, erzählt der 57-Jährige, „und bin dann freiberuflicher Journalist geworden“. Er schrieb für diverse Magazine im In- und Ausland und machte schließlich auch Radioreportagen, unter anderem für den Bayerischen Rundfunk.

So kam er 1990 erstmals ins marokkanische Tanger, tauchte dort in die Beatnik-Szene um Paul Bowles und Mohammed Choukri ein, woraus – mit Hackensberger als Drehbuchautor – sogar eine Spielfilm-Dokumentation entstanden ist, mit 1,2 Millionen Mark vom BR finanziert und mit Armin Müller-Stahl in der Hauptrolle. Der Film mit dem Titel „Tanger – Legende einer Stadt“, wurde mehrfach international ausgezeichnet.

2000 siedelte der Erdinger nach Tanger über, arbeitete am Goethe-Institut als Deutschlehrer und lernte seine Frau Anna kennen, eine Spanierin. Fast drei Jahre lebten sie danach in Beirut. „Aber das war kein Ort, an dem man mit einer Familie leben will. Ständig gab es Reibereien zwischen den Religionsgruppen, immer wieder Bombenanschläge und 2006 folgte dann noch der Sommerkrieg zwischen Israel und der schiitischen Hisbollah.“

Das Erfolgsrezept: „Ich gehe dahin, wo die meisten nicht sind.“

Es ging zurück nach Tanger mit einer vierjährigen Unterbrechung, als Ehefrau Anna als Lehrerin auf Lanzarote tätig war. „2009 hab ich erstmals für ,Die Welt’ geschrieben, und seit 2011 bin ich ihr Korrespondent“, erzählt er. „In dem Jahr brach der Arabische Frühling aus, und seitdem bin ich jetzt unterwegs in Tunesien, Libyen und Syrien – mein Spezialgebiet.“ Anfangs war der Erdinger in Landstrichen, „da durfte sonst keiner hin“. Auf die Frage, ob es da nicht sehr gefährlich war, antwortet Hackensberger: „Brenzlig schon ab und zu.“ Er schaue oft mit Sorge auf junge Journalisten, die sich um jeden Preis etablieren wollen, auf der Jagd nach der Super-Story. „Die haben keine Erfahrung und suchen oft die Gefahr.“

Er halte sich bei einer Offensive lieber in der zweiten Reihe auf, zum Beispiel bei einem Feldhospital. „Das ist nahe genug am Geschehen dran, und selbst da kannst du leicht unter Beschuss geraten. Aber in der ersten Reihe, mit den Kämpfern im Gefecht, riskierst du dein Leben und kannst nur einige Sätze darüber benutzen.“

Natürlich machen sich seine Frau sowie die beiden Töchter Katharina (9) und Violetta (5) Sorgen, „aber sie wissen, dass ich kein Draufgänger bin“. Zur Risikoabwägung sagt der 57-Jährige: „Es muss überschaubar sein, du musst die Lage genau einschätzen können. 80 Prozent Sicherheit sind für mich gefühlsmäßig kein Risiko. Bei 50:50 ist es nur eine Frage der Zeit, bis du tot bist.“

Seine Basis ist daheim in Tanger, „und wenn irgendwo was los ist, fahr ich hin“. So sei er heuer unter anderem neben Syrien auch dreimal im Irak und einmal in Libyen gewesen. Neben seiner Tätigkeit als schreibender Journalist für diverse Partnerzeitungen der Welt macht Hackensberger auch Telefonreportagen für den Nachrichtensender N 24. „Es macht Spaß, wenn man merkt, dass es die Leute interessiert.“ Er achte darauf, „nicht, wie so viele andere, nur immer wieder Mainstream zu produzieren, sondern dorthin zu gehen, wo die meisten nicht sind“.

„Die Einteilung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß funktioniert nicht.“

So war der Erdinger einer der wenigen Journalisten weltweit, der in Aleppo beide Seiten der geteilten Stadt besuchte, also die Rebellen und die syrische Armee. Normalerweise läuft es so, dass die Journalisten in einem Grenzort in einem Hotel untergebracht sind. Von dort geht es dann legal, aber manchmal auch illegal über die Grenze, wenn sie offiziell geschlossen ist. „Und dann bist du mit Rucksack, schusssicherer Weste und Helm so ein bis zwei Wochen im Kriegsgebiet unterwegs, mal gibt’s wenig zu essen, mal a bissl was und mal gar nichts.“ Es sei klar, dass natürlich jede Gruppe sich mit den Journalisten gut stellen wolle. Er habe schon bald seine Schlüsse gezogen, als er mit den syrischen Rebellen unterwegs war. „Mir war ziemlich schnell klar, dass das im Chaos endet, denn das waren keine freiheitsliebenden Rebellen, sondern Islamisten“, erzählt er. „Nach der Einnahme Aleppos 2012 wurde abends gefoltert, morgens exekutiert.“

So hätten die Rebellen auch versucht, von Anfang an die Presse zu instrumentalisieren, „als damals das ,böse Regime’ ein Krankenhaus bombardierte“. Er sei der Sache nachgegangen, berichtet Hackensberger. Ein Arzt habe ihm erzählt, dass es eine Basis der Rebellen in Räumen direkt neben dem Krankenhaus gegeben habe. „Das Krankenhauspersonal hatte sie gebeten, sie zu verlegen, was sie aber nicht getan haben und prompt, als sich dort 60 Rebellen trafen, wurde bombardiert und dabei auch das Hospital getroffen.“ Hackensberger sagt, er habe auch selbst gesehen, dass die Rebellen massenhaft Waffen und Munition in Schulen deponiert hätten – oder auch in Moscheen. Man könne es drehen, wie man wolle, aber so sei die Zivilbevölkerung als lebende Schutzschilde missbraucht worden.

Also sind die Assad-Truppen doch die Guten? „Nein, das kann man ganz gewiss nicht sagen. Denn das Regime ist grausam und unmenschlich, daran gibt es keinen Zweifel“, weiß der Korrespondent. „Aber die Einteilung in Gut und Böse, Schwarz und Weiß funktioniert nicht.“ Der syrische Bürgerkrieg sei wesentlich komplexer als schwarz oder weiß, meint Hackensberger. „Wir haben es eher mit schwarz und dunkelschwarz zu tun, wenn man von Polen sprechen will.“

Was die Flüchtlinge aus Aleppo betrifft, so hätten alle Zivilisten lange genug Zeit gehabt, um zu fliehen. Zuletzt seien nur noch Angehörige und Sympathisanten der Rebellen in der Stadt gewesen. Auf ganz Syrien gesehen „muss eine Entscheidung her, oder das Leiden geht unendlich weiter“. Es müssten alle an einen Tisch, um einen Kompromiss auszuhandeln, aber das sei bei den vielen Interessengruppen sehr schwer. „Die moderateste Gruppe in Aleppo war noch die Muslimbruderschaft, das sind keine radikalen Dschihadisten wie al-Qaida“, weiß der Erdinger. „Der Rest jedoch hat an einem demokratischen Syrien kein Interesse.“ Die Rebellen hätten es seiner Meinung nach auch anders haben können. „Aber sie waren zu arrogant und haben ihre militärische Stärke völlig überschätzt.“

„Du sitzt im Hotel, eineinhalb Stunden entfernt tobt der Krieg. Das ist pervers.“

Bei den Genfer Friedensverhandlungen hätte es einen Kompromiss geben können. Damals wollten fast alle Parteien dem syrischen Staatschef Assad eine sechsmonatige Übergangsfrist zugestehen, dann hätte er abgedankt. „Aber da haben die Rebellen getönt: Wir sterben lieber, als das zu akzeptieren. Und jetzt sind sie in Aleppo gestorben“, sagt Hackensberger. Die haben nämlich den Einstieg der Russen in den Krieg total unterschätzt.“ Die Rebellen seien die syrische Luftwaffe gewohnt gewesen, „die ihre Bomben so abgeschmissen hat, wie die Flieger im Zweiten Weltkrieg, also relativ ungenau“. Aber die Russen hätten modernste Technik mit Zielerfassung: „Was die treffen wollen, das treffen sie auch, und sie haben in Aleppo erstmals richtig ernst gemacht, woran die Rebellen nie glauben wollten. Aber nun wissen sie, was es heißt, eine Weltmacht gegen sich zu haben.“

Auch Journalisten müssten jetzt aufpassen, „denn keine einzige Gruppe in Syrien kann mehr Schutz gewähren, das Entführungsrisiko ist immens.“ Und die Türkei lasse keine ausländischen Journalisten mehr ins Land. Momentan sei es nur noch in der autonomen Kurdenregion (KRG) im Irak sicher, wenngleich einen die Situation hier schon nachdenklich mache. „Du sitzt in einem sehr schönen Hotel in Erbil, hast alles, was du brauchst, dann fährst du eineinhalb Stunden, bist mitten im Kriegsgebiet, siehst Tote und Verletzte, und am Abend bist du wieder in deinem Hotel – das ist in gewissem Sinn pervers.“

Ein paar Jahre möchte der Erdinger schon noch als Korrespondent unterwegs sein, „auch wenn es im Grunde genommen ab einem gewissen Zeitpunkt immer das Gleiche ist: immer gleich deprimierend, immer die gleichen Verwüstungen, immer die gleichen Leiden“. Man dürfe dabei nicht emotional werden und es nicht an sich ranlassen, trotz der vielen Toten und Verletzten. Seit 2011 habe er nur einmal „richtig zwei Wochen Urlaub gemacht, ohne Handy und E-Mails“. Ansonsten war er immer im Einsatz, und so genießt er jedes Jahr die Zeit über Weihnachten, wenn er mit seiner Familie ein paar Tage bei seiner Mutter in Erding sein kann. Der Vater ist vor einigen Jahren verstorben. Anschließend geht es für ein paar Tage zur Familie seiner Frau nach Spanien und dann wieder zurück nach Tanger, wo er auf neue Einsätze wartet.

Heuer hofft Hackensberger, der in jungen Jahren für den TSV Erding und die SpVgg Altenerding recht erfolgreich Handball gespielt hat, dass er auch im Sommer für ein paar Tage in seine Heimatstadt kommen und Urlaub machen kann. Was er dann in Erding plant? „Am meisten würde ich mich freuen, wenn mit ein paar alten Spezln ein Schafkopf im Münchner Hof zusammengehen würde.“ Ganz entspannt und ganz friedlich.

Wolfgang Krzizok

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