Landgericht Landshut 

Kind sexuell missbraucht: Siebeneinhalb Jahre Haft für Stiefvater

Der 50-Jährige, der seine Stieftochter 59 Mal sexuell missbraucht hat, ist vom Landgericht Landshut zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Landshut/Holzland – Nachdem er zu Prozessauftakt vorige Woche regelrecht ausgeflippt war, nahm der Arbeiter aus dem Holzland das Urteil am Freitag ohne äußerliche Regung zur Kenntnis.

Die von Staatsanwalt Gerald Siegl vertretene Anklage warf dem Mann wie berichtet vor, sich ab Januar 2011 seiner damals gerade sieben Jahre alten Stieftochter, für die er Vaterersatz gewesen sei, regelmäßig in sexuell motivierter Weise genähert zu haben. Zum Prozessauftakt hatte er die Vorwürfe nicht nur lautstark und vulgär zurückgewiesen, sondern sich noch dazu als das eigentliche Opfer dargestellt. Ohne Erfolg.

Der heute 14-Jährigen, die seit Anfang 2017 im Heim lebt, wurde eine erneute Vernehmung erspart. Dafür wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihre Aussage vor der Erdinger Ermittlungsrichterin per Video gezeigt.

Die Ermittlungen waren ins Rollen gekommen, als die Schülerin Anfang 2017 bei einem Ladendiebstahl in Landshut erwischt worden war. Der Polizei hatte sie ihr Martyrium als Entschuldigung berichtet. Diese Vorwürfe widerrief sie zunächst, wohl mit Rücksicht auf ihre Mutter. Die Ermittlungen wurden vorerst eingestellt.

Einige Wochen später aber wurde die damals 13-Jährige auf der Landshuter Frühjahrsdult aufgegriffen – in Begleitung von Freundinnen und Asylbewerbern, rauchend und alkoholisiert. Bei der Vernehmung wiederholte die Schülerin ihre Vorwürfe. Diese Angaben, so eine Polizeibeamtin im Prozessverlauf, seien „extrem detailliert und deshalb glaubwürdig gewesen“.

Der Stiefvater wurde am 10. Mai 2017 festgenommen und saß seither in Untersuchungshaft. Dort wurde er von Mithäftlingen malträtiert und erlitt einen Herzinfarkt.

Diplom-Psychologin Dr. Sandra Loohs kam in ihrem Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Angaben der 14-Jährigen erlebnisfundiert und deshalb glaubhaft seien, zumal sie, was ihre Intelligenz angehe, an der unteren Grenze liege und deshalb kaum über Täuschungskompetenz verfüge. Ihre Aussagen seien zwar unstrukturiert, aber detailliert, logisch, widerspruchsfrei und konstant gewesen.

Zum familiären Hintergrund berichtete die Gutachterin, dass die Mutter des Mädchens nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe den Angeklagten geheiratet und zwei eheliche Kinder geboren habe. Auf dem bäuerlichen Anwesen sei es chaotisch zugegangen. Seit 2014 sei das Jugendamt wegen Verwahrlosung der Kinder eingeschaltet gewesen.

Die Jugendkammer sah letztlich fünf Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs und 54 Fälle des Missbrauchs von Kindern und Schutzbefohlenen als erwiesen an und verhängte dafür eine Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. Außerdem verurteilte sie den 50-Jährigen zu einer Schmerzensgeldzahlung von 20 000 Euro an die Stieftochter. Mit dem Strafmaß entsprach die Kammer den Anträgen von Staatsanwalt Siegl und Rechtsanwalt Wolfgang Kistler, der die als Nebenklägerin zugelassene Schülerin vertrat. Pflichtverteidiger Thomas Fauth hatte dagegen eine Freiheitsstrafe von drei Jahren beantragt. Er argumentierte damit, dass die Vielzahl der Fälle auf einer „Hochrechnung“ und nicht auf belastbaren Angaben beruhe.

In der Urteilsbegründung hob Vorsitzender Richter Theo Ziegler hervor, dass es an der Glaubhaftigkeit der Stieftochter keine Zweifel gegeben habe. Zugunsten des Angeklagten sei neben dem Teilgeständnis ins Gewicht gefallen, dass er in all den Jahren zumindest keinerlei Gewalt angewandt habe. Straferschwerend, so Ziegler, hätten sich die Vielzahl der Taten und die 14 Vorstrafen des 50-Jährigen ausgewirkt – darunter schwere Sexualverbrechen. Walter Schöttl

Rubriklistenbild: © dpa / Patrick Pleul

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