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Mit einem Küchenmesser soll ein polnischer Müllsortierer (22) auf einen 35-jährigen Landsmann eingestochen haben. Doch die Wahrheitsfindung vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Landshut gestaltet sich äußert schwierig (Symbolbild).

In diesem Prozess ist die Wahrheitsfindung schwierig

Nach Alkohol „in rauen Mengen“: Messerattacke in Arbeiterunterkunft

Mit einem Küchenmesser soll ein polnischer Müllsortierer (22) auf einen 35-jährigen Landsmann eingestochen haben. Doch die Wahrheitsfindung vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Landshut gestaltet sich äußert schwierig.

Nördlicher Landkreis/Landshut – Mit einem Küchenmesser soll ein polnischer Müllsortierer (22) auf einen 35-jährigen Landsmann eingestochen haben. Wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung sitzt er jetzt auf der Anklagebank vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Landshut.

Laut der von Staatsanwältin Sigrid Kolano vertretenen Anklage war es am 29. September 2018 in der Arbeiterunterkunft einer Umweltfirma im nördlichen Landkreis zu einem Streit und einer Schlägerei zwischen dem Müllsortierer und seinem Landsmann gekommen. Dabei soll der Angeklagte den 35-Jährigen im gemeinsamen Zimmer und auf dem Flur mit Fäusten und Fußtritten traktiert sowie mit einem Spind und einem Stuhl auf ihn eingeschlagen haben.

Zwei Stiche in den Rücken, mehrere Tritte auf den Kopf

Später soll sich der 22-Jährige ein Messer mit einer Klingenlänge von 21 Zentimetern geschnappt und damit dem im Flur liegenden Landsmann zweimal in den Rücken gestochen haben. Zudem soll er zwei- bis dreimal auf dessen Kopf eingetreten haben, ehe ihn Mitbewohner stoppten und sein Opfer aus dem Haus fliehen konnte.

Der 35-Jährige erlitt zwei Stichverletzungen am Rücken, Hämatome und Hautläsionen. Die Anklage am Landgericht geht davon aus, dass der 22-Jährige in Tötungsabsicht zugestochen und zugetreten habe: Während des Kampfs habe er gedroht, ihn „fertigzumachen“, ihn zu töten.

Schon als Kind verhaltensauffällig und hyperaktiv

Zum Prozessauftakt berichtete der Müllsortierer, dass er schon als Kind verhaltensauffällig und hyperaktiv gewesen, später in ein Erziehungsheim gesteckt worden sei. Nach der Entlassung mit 18 sei er in schlechte Gesellschaft geraten – Alkohol, Drogen, Straftaten. Ausbildung habe er keine gemacht. Über eine Zeitungsanzeige („Besserer Verdienst in Deutschland“) sei er etwa zwei Wochen vor seiner Verhaftung bei der Umweltfirma gelandet. Alkohol und Drogen habe er seit frühester Jugend konsumiert, den Drogenkonsum seit seiner Einreise eingestellt, der Alkohol sei in der Unterkunft aber in rauen Mengen geflossen.

An den Tattag, so Verteidiger Hubertus Werner in einer Erklärung für seinen Mandanten, habe der 22-Jährige nur selektive Erinnerungen. Danach habe er in der „Geisterschicht“ bis in die frühen Morgenstunden des Samstags gearbeitet. Zurück in der Unterkunft habe er nicht geschlafen, vielmehr mit den Mitbewohnern dem Wodka zugesprochen. Am Nachmittag sei es zum Streit mit dem späteren Opfer gekommen, weil das ihm vorgeworfen habe, ihm das Telefon gestohlen zu haben. Die Rauferei sei vom 35-Jährigen ausgegangen sein.

Da habe er irgendwie das Messer in der Hand gehabt und zugestochen

Irgendwann seien beide auf dem Boden gelandet, der 35-Jährige habe sich aufgerafft und mit den Füßen zugetreten. Er habe einen irren Schmerz im Gesicht verspürt und um Hilfe gerufen, aber keiner habe ihm geholfen. Da habe er irgendwie das Messer in der Hand gehabt und zugestochen – quasi in Notwehr und keinesfalls in Tötungsabsicht. Er selbst, so der 22-Jährige, habe einen Bruch des Wangenknochens erlitten und sei während seiner Haft zweimal operiert worden.

Wie Vorsitzender Richter Markus Kring mitteilte, befinden sich das vermeintliche Opfer und die Zeugen nicht mehr im Land. Keiner von ihnen war bereit, zur Vernehmung vor dem Landgericht zu erscheinen. So setzte man auf Videovernehmungen.

Videovernehmung: Probleme mit der Technik

Am ersten Verhandlungstag klappte die „Schaltung“ nach Polen wegen vermeintlicher technischer Probleme nicht. Am zweiten Tag stand die Leitung – zumindest bei einem der drei Zeugen, der sich jedoch in erhebliche Widersprüche verwickelte und so kaum zur Wahrheitsfindung beitrug.

Weitere Videovernehmungen waren nicht möglich. Vom Gericht in Walbrzych (Waldenburg) kam die Erklärung, dass wohl ein Missverständnis vorliegen müsse: Man sei davon ausgegangen, dass man nur den Vernehmungsraum und die Technik zur Verfügung stellen müsse, die Ladung aber von Landshut aus erfolge. Schließlich einigte man sich darauf, dass die Zeugen für den Fortsetzungstermin am 13. August über die Polizei verständigt beziehungsweise vorgeführt würden. Ob dies klappt, scheint fraglich. Bei der angeblichen Wohnanschrift eines der Zeugen handelt es sich um eine Art Obdachlosenunterkunft.

Verminderte Schuldfähigkeit?

Kaum Erfolg werden wohl auch die Bemühungen haben, das Opfer zu vernehmen. Eine Verbindung kam am ersten Verhandlungstag nicht zustande. Vom zuständigen Amtsgericht kam die Nachricht, dass dort aufgrund von Umbauarbeiten eine Videovernehmung erst im Oktober wieder möglich sei.

Vorsitzender Richter Kring ließ anklingen, dass im Falle einer Verurteilung des 22-Jährige wegen des damaligen Alkoholkonsums sowohl eine verminderte Schuldfähigkeit als auch die Anordnung der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt im Raum stehe. 

Walter Schöttl

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