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Armutsrisiko Alter: Viele Senioren leben am Existenzminimum. Von Armut bedroht sind vor allem auch alleinerziehende Mütter. Der völlig überteuerte Wohnraum stellt in Erding ein wachsendes Problem dar.

Ein Handy? Viel zu teuer!

Erdinger Land: Armut frisst sich immer tiefer in die Gesellschaft

Dem Landkreis Erding geht es gut. Seinen Bewohnern in der Regel auch. Doch auch in einer der reichsten Gegenden Bayerns gibt es Armut.

Erding Immer mehr Menschen im Landkreis Erding leben am Existenzminimum. Der Mindestlohn ist allerorts einheitlich, doch die Mieten sind es nicht. Auch im Speckgürtel Münchens wuchern die Mietpreise. Für Familien ist es mittlerweile fast unmöglich geworden, in Erding und Region bezahlbaren Wohnraum zu finden. Und nach wie vor ist die Armut vor allem weiblich – gerade alleinerziehende Mütter sind betroffen. Aber auch viele Senioren rutschen in die Abwärtsspirale.

Marie arbeitet in der Altenpflege als ungelernte Kraft. Die 32-jährige Taufkirchenerin verdient 600 Euro im Monat. Das reicht nicht mal für die Miete. Sie ist geschieden, hat zwei Kinder und ist alleinerziehend. Geteilte Familie nennt man diese Lebensform im Fachjargon. Das hört sich weniger nach Überforderung und finanzieller Not an.

Trotz Vollzeitjob auf finanzielle Unterstützung angewiesen

Marie wird als sogenannter Aufstocker vom Jobcenter Erding unterstützt und bekommt ergänzendes Arbeitsentgelt. Ebenso wie 480 weitere Bedürftige im Landkreis, die zwar jobben, aber nicht genug Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu stemmen. 131 Betroffene arbeiten sogar in Vollzeit, brauchen dennoch zusätzliche Unterstützung vom Amt, so wenig verdienen sie.

Insgesamt gibt es im Landkreis 1245 Bedarfsgemeinschaften, die Hartz IV beziehen. Davon haben 470 Kinder unter 18 Jahren und weitere 300 davon sind alleinerziehend. „Alleinerziehende Mütter und Väter sind ein Riesenthema für uns“, sagt Monja Rohwer, Geschäftsführerin des Jobcenters Aruso in Erding, die sich auf Zahlen vom Juni dieses Jahres beruft.

Taufkirchen und Klettham stärker von Armut bedroht

Schon im Sommer hat Marie angefangen, Geld für Weihnachten zurückzulegen: „20 Euro im Monat.“ Das Jobcenter zahlt kein zusätzliches Weihnachtsgeld. Dennoch warten alle Kinder aufs Christkind – also auf Geschenke. Maries Töchter, sechs und acht Jahre alt, wissen, dass kaum Geld in der Haushaltskasse ist, weil der Vater keinen Unterhalt zahlt und weil sie „hartzen“. Mit „normalen Eltern“ könne Marie nicht mithalten: „Smartphone oder Playmobil-Puppenhaus sind zu teuer. Vielleicht liegt ein Spiel oder eine Barbie unterm Tannenbaum.“

In einigen Vierteln Taufkirchens gebe es eine höhere Arbeitslosigkeit als sonst im Landkreis, das hat eine Sozialraumanalyse der Caritas ergeben. Auch die Menschen im Erdinger Stadtteil Klettham seien stärker von Armut bedroht, so die Studie weiter. Vor allem in der prosperierenden Flughafenregion nähmen soziale Probleme durch Wohnungsnot und teure Mieten stark zu. In Taufkirchen gibt es laut Jobcenter 112 Bedarfsgemeinschaften, in Dorfen 172 und in Erding 540.

130 Kunden pro Woche bei der Tafel

„Bei allen, die wenig Geld haben, darf nichts verrutschen. Gehen Waschmaschine oder Auto kaputt, kommen Menschen, die am Limit leben, schnell ins Schlingern“, sagt Brigitte Fischer vom Erdinger Caritasverband. Schlimmstenfalls werde mit der Miete spekuliert. Nach zwei ausstehenden Zahlungen kann der Vermieter allerdings den Vertrag kündigen – desaströs bei der Wohnungsnot im Landkreis Erding, so Fischer, die sich wünscht, dass sich Betroffene schneller Hilfe holen.

Petra Bauernfeind ist Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe in Erding und wird ebenfalls täglich mit dem Problem der Armut konfrontiert. Etwa 130 Kunden pro Woche gehen bei der Erdinger Tafel ein und aus, versorgt werden aber mindestens doppelt so viele Menschen mit Lebensmitteln, sagt die Oberbürgermeisterkandidatin der Freien Wähler. „Immer mehr ältere Leute kommen zu uns, obwohl die Scham extrem groß ist, von den Nachbarn oder Freunden gesehen und als bedürftig abgestempelt zu werden.“

Alleinerziehende Frauen oft betroffen

Gerade Frauen trifft die Altersarmut. Oft reiche das Geld nicht mehr zum Leben: „Sie haben Kinder großgezogen, wenig in die Rentenkasse eingezahlt. Und nun stehen sie ohne finanzielles Polster da.“ Die Seniorinnen seien überwiegend verwitwet, manche geschieden. „In den Biografien der Bedürftigen gab es in der Regel immer starke Brüche, schwere Schicksalsschläge“, sagt Bauernfeind. Freilich kämen auch viele Flüchtlinge zu den Tafeln in den Städten und Gemeinden des Kreises.

Keine Frage, der Landkreis Erding steht unterm Strich gut da. Doch jede arme Familie hat ihre eigenen Sorgen: Sei es, weil man den Kindern an Weihnachten nicht schenken kann, was sie sich wünschen; sei es, weil die jährliche Heizkostenabrechnung viel höher ausfällt und ein großes Loch ins Budget reißt.

Finanzielle Unterstützung für Menschen in Not, etwa vom Leserhilfswerk Licht in die Herzen des Erdinger/Dorfener Anzeiger, erleichtert in vielen Familien zwar die momentane Situation, ändert aber nichts an den Symptomen von Armut. Und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Licht in die Herzen

Das Leserhilfswerk des Erdinger/Dorfener Anzeiger unterstützt unverschuldet in Not geratene Bürger im Landkreis. Spenden sind auf das Konto (Nummer 17 111) bei der Sparkasse Erding möglich. 

Kontoinhaber: Zeitungsverlag Oberbayern.
IBAN: DE54 7005 1995 0000 0171 11. 

Auf Wunsch werden Spendenquittungen ausgestellt. Dies vermerken Sie bitte mit Ihrer Adresse auf dem Überweisungsträger. Die Namen der Spender werden veröffentlicht. Wer dies nicht wünscht, vermerkt es bitte ebenfalls auf der Überweisung.

Michaele Heske

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