1 von 2
Grillt beim „Sommer in der Stadt“ in München Steckerlfisch: Peter Lingnau. 
2 von 2
Fordert die Politik zum Handeln auf: Schaustellerin Gabi Rilke aus Wartenberg.

Keine Großveranstaltungen in Corona-Krise und keine Perspektive

Landkreis Erding: Schausteller kämpfen ums Überleben

  • vonMayls Majurani
    schließen

Keine Volksfeste, seit Monaten kein Einkommen und schlechte Zukunftsaussichten: Die Schausteller im Landkreis Erding kämpfen ums Überleben.

LandkreisVor einem Jahr war ganz Erding im Herbstfest-Fieber. Heuer sieht es anders aus. Alle Volksfeste sind coronabedingt abgesagt. Das trifft vor allem die Schausteller hart – trotz Alternativ-Programme in der Umgebung.

Eine dieser Ersatz-Veranstaltungen organisiert die Schaustellerfamilie Rilke aus Wartenberg. Auf dem dortigen Marktplatz sorgt Gabi Rilke, die Sprecherin der Schausteller auf dem Erdinger Herbstfest ist, für ein bisserl Volksfest-Stimmung mit gebrannten Mandeln, Popcorn und mehr.

Nach vierwöchiger Sommerpause hat sie seit Freitag wieder geöffnet. Doch die 59-jährige weiß: „Die Welt kann man mit diesen Ersatz-Veranstaltungen nicht verdienen.“ Es gehe vor allem darum, unter die Leute zu kommen und nicht vergessen zu werden.

Rilke befürchtet: Volksfeste könnten vor dem endgültigen Aus stehen, falls sich die Politik nichts einfallen lässt: „In Geschäften, Schießbuden oder Gondeln können die Menschen ohne Probleme reingehen. Da lassen sich die Hygienevorschriften einhalten, wie etwa in einem Freizeitpark.“ Problematisch seien die großen Bierzelte. Aber statt einfach kleinere Pavillons oder Biergärten einzurichten, würde die Politik „eine 1200-jährige Kultur kaputtmachen, ohne mit den Augen zu zucken“. Rilke: „Wir haben Angst, dass Volksfeste nicht mehr zu dem werden, was sie waren.“

Diese Ansicht teilt der Niederneuchinger Schausteller Paul Diebold, der zusammen mit Rilke das Wartenberger Volksfest to go auf die Beine gestellt hat: „Ich glaube, dass es Volksfeste, so wie wir sie kennen, nicht mehr geben wird. Vielleicht gibt es in Zukunft überdachte Freischankflächen oder andere Lösungen.“ Aber Bierzelte, in denen 6000 oder 7000 Menschen zusammen essen, trinken, singen und tanzen, würden wir nicht mehr so schnell erleben, meint Diebold. Trotzdem hat der 55-Jährige Hoffnung: „Mit einem guten Hygienekonzept, lässt sich bestimmt was machen. Nächstes Jahr muss es wieder ein Herbstfest geben.“

Nein zu Herbstgaudi am Volksfestplatz in Erding

Wie ein Alternativ-Volksfest funktionieren könnte, zeigt die Stadt München mit ihrem „Sommer in der Stadt“. Im Olympiapark steht Diebold seit Ende Juli mit seinem Kinderkarussell. Auch der auf dem Erdinger Herbstfest als „Fischbäda“ bekannte Peter Lingnau ist dabei. „Die Stadt München hat mit der Initiative ein bedeutendes und sehr positives Signal gesetzt“, sagt der 55-Jährige. „Veranstaltungen lassen sich auch in diesen für uns Schausteller sehr schwierigen Zeiten durchführen und Hygieneauflagen problemlos einhalten.“ Doch leider orientiere sich Erding nicht am Münchner Vorbild.

In der Herzogstadt wollte Christian Heigl ein Ersatz-Herbstfest veranstalten. Der 35-jährige Gastronom („Heigls“, Drehbar) hatte bereits im Mai das Drive-in-Volksfest mitorganisiert. „Wir wollten das während der eigentlichen Herbstfestzeit, also jetzt, wiederholen.“ „Herbstgaudi“ sollte das Programm heißen. Das Landratsamt habe das Konzept aber nicht genehmigt, so Heigl.

Bangen um Christkindlmärkte

Daniela Fritzen, Sprecherin des Landratsamts, erklärt dazu auf Nachfrage: „Die vom Veranstalter geplante Herbstgaudi unterschied sich deutlich von dem Volksfest to go. So waren eine Vielzahl an Verkaufs-, Spiel- und Fahrgeschäften vorgesehen sowie in der Mitte des Veranstaltungsgeländes ein großer Biergarten.“ Zudem sollte der Zutritt zu Fuß erfolgen, was die Rückverfolgung möglicher Infektionen fast unmöglich gemacht hätte, so Fritzen. Gespräche zur Kompromissfindung zwischen Landratsamt, Stadt und Veranstalter seien ohne Ergebnis geblieben.

„Da hatte ich mir in Erding ehrlich gesagt mehr erhofft“, sagt Lingnau über die festfreie Zeit. Im Herbst ist er auf Veranstaltungen in Memmingen, Lindau, Ausgburg und Nürnberg. Auch Christkindlmärkte seien im Gespräch. Dazu sagt Rilke: „Wenn die Christkindlmärkte im Winter ausfallen, werden das viele Kollegen nicht überstehen können. Ein Jahr kann man irgendwie überbrücken.“ Aber zwei veranstaltungslose Jahre würden für viele Familienbetriebe das Aus bedeuten. Die Soforthilfe, die viele Schausteller beantragt und auch bekommen haben, reiche nicht, um die langfristigen Kosten zu decken. Rilke: „Einen Ersatz für das Herbstfest gibt es nicht. Das ist einmalig, das kann man nicht ersetzen.“

Verstehen kann die Schausteller-Sprecherin die Volksfest-Entscheidung der Politik nicht: „Freizeitparks dürfen öffnen, aber auf dem Volksfest soll es gefährlich sein. Der Unterschied ist für uns Schausteller unbegreiflich.“ Sie habe den Eindruck, „dass die Politik zu wenig Einblick in unsere Arbeit und unser Leben hat, aber trotzdem über uns entscheidet. Wir wollen einfach unsere Arbeit machen, Kinder lachen sehen und den Leuten Abwechslung und Entspannung bieten“.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Covid-Fall in Erdinger Gymnasium
Covid-Fall in Erdinger Gymnasium
Immobilienpreise explodieren: Absurde Zahlen für Landkreis im Münchner Umland aufgetaucht
Immobilienpreise explodieren: Absurde Zahlen für Landkreis im Münchner Umland aufgetaucht
Immobilienpreise: Jedes Jahr eine Explosion
Immobilienpreise: Jedes Jahr eine Explosion
Angela Aschers Geheimmission mit König Ludwig II.
Angela Aschers Geheimmission mit König Ludwig II.