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Den Chef in die Mitte genommen (v. l.): Thomas Schreder, Franz Hofstetter, Gerlinde Sigl, Ulrike Scharf, Horst Seehofer, Martin Bayerstorfer, Max Gotz und Andreas Lenz bei der zentralen CSU-Kundgebung am Montagabend im Weißbräu-Zelt in Erding.

2300 Besucher 

Seehofer im Weißbräuzelt: Besonders sein Urteil über Söder überraschte viele

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Wirtschaftsflüchtlinge, Gefährder und straffällige Flüchtlinge will Horst Seehofer weiter kompromisslos abschieben. Das sagte er bei seiner Wahlkampfrede am Montag in Erding. Mit einer Aussage über Ministerpräsident Söder überraschte er viele Gäste.

Erding - Irgendwie passt die Szene: Um 18.52 Uhr, acht Minuten zu früh, rollt Horst Seehofers gepanzerter Audi durch den Abbau des Erdinger Herbstfests. Baustelle, das erinnert zurzeit stark an CSU. Vor dem Weißbräuzelt wird er von der örtlichen CSU-Prominenz empfangen. An einem überdimensionalen Parteilogo mit einigen heftigen Kratzern, Schrammen und abgeplatzter Farbe – welche Symbolik – marschiert der CSU-Vorsitzende und Bundesinnenminister zu den Klängen des Defiliermarschs der Stadtkapelle durchs Zelt. Rund 2300 Menschen sind gekommen,  etwa 1000 hätten im Zelt noch Platz gefunden.

Einer ruft „Zurücktreten“ und muss das Zelt verlassen

Ein Gast fliegt in diesem Moment raus: Er hat laut „Zurücktreten“ gebrüllt und  wird daraufhin von  Sicherheitskräften aus dem Zelt gebracht. Zu Gegendemos kommt es nicht, mal abgesehen von zwei, drei jungen Menschen, die an der Zufahrt auf handbemalten Leintüchern den Rücktritt des früheren Ministerpräsidenten fordern.

Seehofer, der in der Nacht noch weiter nach Berlin muss, wirkt angeschlagen.

Seehofer wirkt erst angeschlagen, dann fängt er sich

Müde erklimmt er die Bühne, zeitweise krächzt er nur. Den Maßkrug neben sich rührt er trotz Loblied auf Werner Brombach während seiner 56-minütigen Redezeit nur wenige Male an, um die Stimme zu ölen. Es ist ja auch kein guter Tag für die CSU. Stunden vorher wird eine Umfrage bekannt, derzufolge die CSU nur noch auf 35,8 Prozent der Stimmen kommt. Die Stimmung im Zelt ist gut, aber nicht euphorisch.

Dann passiert etwas, was selbst Seehofer-Gegner eingestehen müssen: Wenn man den 69-Jährigen persönlich erlebt, wirkt er aufgeschlossen und kann sein Publikum mit Humor mitnehmen. Am Ende seines Wahlkampfauftritts, den der Erdinger OB Max Gotz als Wahlkampfchef eingefädelt hat, spricht Seehofer wieder klar – und ist sichtlich gut gelaunt. Seine Späße diesmal? Ohne Beschädigung Dritter.

Dazu dürften sein Vorredner beigetragen haben. Gotz sagt: „Erding hat guten Grund, Seehofer dankbar zu sein.“ Er meint damit unter anderem den Startbahn-Stopp und einen Anschub für Straßen- und Schienenausbau. Ex-Umweltministerin Ulrike Scharf bekennt, dass Seehofer im Kabinett ein guter Chef gewesen sei, der sich viele Verdienste erworben habe – die Aussöhnung mit Tschechien, die Reform des Länderfinanzausgleichs, Erdkabel statt Strommasten – und vor allem die Begrenzung der Zuwanderung.

Seehofer: Habe Söder gesagt, dass ich es in Erding sage

Später wird Seehofer zurückloben und Scharf als eine „starke Ministerin’“ preisen, „die ich in mein Kabinett geholt habe. Er lobt auch Markus Söder als „klasse Ministerpräsident“. „Ich habe ihm gesagt, dass ich das in Erding mache. Hiermit tue ich es, auch wenn ich weiß, dass das in keiner Zeitung stehen wird.“ Tja, stimmt nicht.

Seehofers großes Thema an diesem Abend ist die Zuwanderung. Im Weißbräu-Zelt bemüht er sich, den Spagat zu schaffen zwischen staatlicher Härte und christlichem Wertefundament. Der Bundesinnenminister betont mehrfach, wer Schutz benötige, bekomme ihn auch gewährt – vor allem in Bayern. Zur Integration gehört für ihn aber nicht nur die Sprache, sondern auch die Bereitschaft, Gesetze und Werte zu achten sowie weder neben noch außerhalb der Gesellschaft zu leben. Für Seehofer steht aber genauso fest: „Wer aus wirtschaftlichen Gründen zu uns kommt, wer ein terroristischer Gefährder ist oder hier schwere Straftaten begeht, muss unser Land verlassen. Etwas anders hält keine Gesellschaft lange aus.“ Kein Land der Welt könne alle Flüchtlinge aufnehmen.“

Fast kein böses Wort verliert Seehofer über Angela Merkel. Im Gegenteil, er berichtet über traute Kaffeerunden auf einer weißen Couch im Kanzleramt.

„Es zwingt mich ja niemand, das zu machen“

Seehofer ist sichtlich gezeichnet von den Gewalttaten in Chemnitz und Köthen sowie dem Aufruhr danach. Unter Applaus sagt Seehofer, Hetze, Hass und Antisemitismus hätten in Deutschland keinen Platz. Auf der anderen Seite sei es völlig berechtigt, nach solchen Gewalttaten aufgebracht zu sein. Das Problem vor allem in Chemnitz sei gewesen: „Es war zu wenig Polizei da.“ In diesen Momenten müsse der Staat wehrhaft sein – mit einer gut ausgestatteten und personell starken Polizei – wie in Bayern. Über 20 Beamten schützen die Kundgebung. Sie werden es dankbar vernommen haben, wie Seehofer für mehr Wertschätzung für die Polizei plädierte.

Um 20.30 Uhr verabschiedet sich Seehofer in Richtung Berlin. Er erwarte jetzt kein Mitleid, „weil es zwingt mich ja niemand, das zu machen“, meint er launig. „Ich muss zu meiner Koalition. Die lass’ ich ungern allein.“ Gelächter. Als Wegzehrung gibt’s von CSU-Kreischef Martin Bayerstorfer Weißbräu-Spezialitäten. Seehofer schaut in die Tüte und meint dann grinsend: „Die Geschenke waren auch schon mal größer.“

Mitten im Umfrage-Debakel startet die CSU in die heiße Phase ihres Wahlkampfs. Die Rivalen Söder und Seehofer geloben nochmals öffentlich Einigkeit. Der Waffenstillstand zwischen beiden ist brüchig.

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