Brigitte Fischer
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Brigitte Fischer, Sozialberaterin der Caritas, betreut Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind.

Neue Hilfen der Caritas gegen Obdachlosigkeit – NBH macht sich für Wärmestüberl stark

Leben an der Schamgrenze

  • Gabi Zierz
    vonGabi Zierz
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Ab Januar hat die Caritas Erding eine Stelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit. Hilfreich könnte dabei auch eine Idee der Nachbarschaftshilfe sein.

Landkreis – Das bayerische Sozialministerium hat der Caritas Erding ab Januar eine Stelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit genehmigt. Brigitte Fischer wird sie besetzen. Sie ist bereits in der sozialen Beratung des Sozialverbandes tätig und kennt den Bedarf. „Die Wohnungsnot im Landkreis ist seit Jahren katastrophal“, erklärt Caritas-Kreisgeschäftsführerin Barbara Gaab. Durch Corona drehe sich die Abwärtsspirale sogar noch schneller. „Wir müssen Kontakt halten, damit uns die Betroffenen nicht wegrutschen“, erklärt Gaab die neue Aufgabe.

Ein Lösungsansatz wäre das von Nachbarschaftshilfe (NBH) und Flüchtlingshilfe Erding angedachte Wärmestüberl im alten Erdinger Bahnhofsgebäude. Darüber hatte der Stadtrat Anfang Dezember im Rahmen der Haushaltsberatungen kontrovers diskutiert und noch nicht abschließend entschieden (wir berichteten).

Petra Bauernfeind, Vorsitzende der Nachbarschaftshilfe Erding, setzt sich für ein Wärmestüberl am Bahnhof ein.

Es gibt tatsächlich Menschen, die bei dieser Kälte im Auto übernachten. Osteuropäer etwa, die hier keine Wohnung haben. „Sporadisch kontaktieren uns die Männer“, erzählt Fischer. Andere Klienten, die ihre Wohnung verloren haben, leben auf engstem Raum in Notunterkünften. Fischer erzählt von Müttern mit Kindern, die ihre Wohnung verloren haben. Aber auch von psychisch Kranken oder Alkoholikern – und von älteren Menschen, bei denen die Rente nicht reicht und die sich schämen.

„Kommen unerwartete Ausgaben hinzu, wird mit der Miete jongliert. Die Schamgrenze wird überschritten, die Betroffene holen sie sich zu spät Hilfe“, erklärt Fischer das Dilemma. Sicherheit und Geborgenheit gingen dabei völlig verloren, die Menschen seien auf der untersten Stufe angelangt.

Derzeit leben 37 Obdachlose in den Notunterkünften in Erding, teilt die Stadt auf Nachfrage mit. Hinzu kommen 28 Familien, die in den Einfachstwohnungen der Kommune an der Sportfeldstraße untergebracht sind.

Wir müssen Kontakt halten, damit uns die Betroffenen nicht wegrutschen.

Caritas-Kreisgeschäftsführerin Barbara Gaab

Auch in Taufkirchen gibt es immer wieder Menschen ohne Wohnsitz, die von der Gemeinde untergebracht werden müssen. „Viele davon kommen aus dem Klinikum“, sagt Verena Held, die im Rathaus mit ordnungsrechtlichen Aufgaben betraut ist. Lösungen werden gesucht, wenn Menschen ohne Wohnsitz bei ihr vorstellig werden. „Wir unterstützen und prüfen, ob wir zuständig sind. Die Leute müssen aber selbst wieder auf die Füße kommen“, betont Held.

Christian Miksch, Verwaltungsleiter in der Gemeinde St. Wolfgang, ergänzt: „Bei uns ist Wohnungslosigkeit eigentlich kein Problem. Die Städte sind da wesentlich stärker betroffen. Doch tritt ein Fall auf, werden die Leute nicht nach Erding abgeschoben.“ Miksch berichtet von einem jungen Mann, der von seiner Lebensgefährtin im vergangenen Winter vor die Türe gesetzt worden war und dem die Gemeinde helfen konnte.

Caritas, Flüchtlingshilfe und Nachbarschaftshilfe arbeiten schon seit langem in der sozialen Beratung zusammen. NBH-Vorsitzende Petra Bauernfeind erklärt das Konzept des Wärmestüberls: Es soll ein Angebot für Menschen in Notunterkünften ein, ein Treffpunkt für Bedürftige, die wenig Geld haben oder auch sonst kaum Anschluss und Kontakte. „Es geht dabei nicht nur um ein warmes Getränk“, betont sie, denn: „Wir helfen bei Hartz-IV-Anträgen oder gehen auch mal mit auf die Ämter. Und wir hören zu, bieten Sprechstunden und Vorträge an.“

Bauernfeind, auch Vize-Bürgermeisterin der Stadt erding, sagt, dass es bei der Wärmestüberl-Debatte im Stadtrat nur vordergründig um die personelle Leitung der niederschwelligen Anlaufstelle gegangen sei. „Plötzlich wurde von einer Ausschreibung der Stelle gesprochen. Das ist nicht üblich. Die Entscheidung, wer die Einrichtung leitet, liegt immer bei den Trägern“, betont sie.

Zudem bedürfe es einer Leiterin des Vertrauens, gerade beim Aufbau dieser Einrichtung – für die Bedürftigen, aber auch für die beiden Trägervereine. Immerhin tragen Tafel und Flüchtlingshilfe einen Kostenanteil von 50 Prozent, so Bauernfeind. Beide Vereine hätten viele ehrenamtliche Mitarbeiter, die unentgeltlich praktische Unterstützung leisten könnten: „Wir gehen davon aus, dass diese Einrichtung die Stadtverwaltung entlastet. Jetzt, während der Pandemie, ist ein solcher Treffpunkt dringender denn je.“

Michaele Heske

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