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Annabel Wahba Autorin aus Berlin.

Lesung in St. Vinzenz: Annabel Wahba

Flüchtlingsdrama aus anderer Perspektive

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Seit zwei Jahren vergeht kaum ein Tag, an dem sich die Medien nicht mit dem Thema Flucht und Integration auseinander setzen.

ErdingSeit zwei Jahren vergeht kaum ein Tag, an dem sich die Medien nicht mit dem Thema Flucht und Integration auseinander setzen. Bedarf es bei dieser journalistischer Omnipräsenz noch eines Romans, der sich mit der Flucht aus Syrien befasst? Man weiß nicht, wie viel Überzeugungsarbeit Annabel Wahba leisten musste, um diese Frage mit Ja beantwortet zu bekommen. Der Kinder- und Jugendbuchverlag cbj hat sich jedenfalls darauf eingelassen.

Die 1972 geborene Autorin ist in Erding aufgewachsen und hat viele Jahre hier gelebt. Sie studierte Politikwissenschaft und besuchte die Deutsche Journalistenschule. In ihrem 249 Seiten dicken Taschenbuch „Tausend Meilen über das Meer“ eröffnet sie eine neue Perspektive auf das, was wir nüchtern Flüchtlingsproblematik nennen. Die Journalistin, die unter anderem für die Zeit schreibt und heute in Berlin lebt, schlüpft in die Rolle von Karim Deeb und beschreibt dessen Schicksal. Der 15-Jährige erlebt in der syrischen Stadt Homs die blutigen Auseinandersetzungen zwischen dem Assad-Regime und den Rebellen. Wahba zeigt anschaulich, wie die Menschen in der eingekesselten Stadt in permanenter Angst leben, wie ihnen Gewehrkugeln um die Ohren fliegen und es ihnen in letzter Sekunde gelingt, sich in Sicherheit zu bringen.

Der Leser ist aber auch dabei, wie Karims bester Freund getötet wird. Nicht minder dramatisch ist die Schilderung, wie die Familie beschließt, dass sich der gerade einmal 15 Jahre alte Bub quasi als Vorhut in ein sicheres Land durchschlagen soll.

Karim wird zum Symbol für die Menschen, die sich eben nicht auf den Weg nach Deutschland machen. Die Autorin arbeitet eindrucksvoll die Zerrissenheit heraus, dass das Leben im eigenen Land nicht mehr möglich ist und sich der Sohn auf eine Reise mit ungewissem Ende begibt. Dazwischen lässt sie die Hoffnung durchschimmern, dass doch wieder alles gut werden könnte.

Doch zunächst einmal wird nichts gut. Wahba muss viele Gespräche geführt haben, um Karims Flucht übers Mittelmeer so dramatisch zu schildern. Der Leser ist hautnah dabei, wenn die Schlepper ihr schmutziges Geschäft machen, wenn Nacht für Nacht verstreicht, bis die Boote endlich ablegen können. Karims erster Versuch scheitert. Das Boot landet nicht in Italien an, sondern wieder an der ägyptischen Küste. Die zweite Überfahrt wird dramatisch. Trinkwasser ist Mangelware, der Sturm heftig, der Tod immer ein Begleiter. Doch der Kahn erreicht das Ufer. Auf Umwegen landet Karim in Konstanz. Er versucht, sich in seiner neuen Heimat einzuleben. Er will sich anpassen und verhält sich zurückhaltend. Dennoch wird er Opfer einer Intrige. Eine Mitschülerin bezichtigt ihn des Mobbings – eine Erfindung aus enttäuschter Liebe. Dieser Handlungsstrang wäre nicht erforderlich gewesen. Überflüssig ist er dennoch nicht, zeigt er doch, wie schwer Integration selbst bei bestem Willen sein kann. Nicht zuletzt soll dieser Passus junge Leute ansprechen. Für Erwachsene ist das Jugendbuch aber ebenso lesenswert. ham

Lesung:

Wahba liest aus ihrem Buch „Tausend Meilen über das Meer“ am Freitag, 21. Juli, um 19.30 Uhr im Pfarrsaal St. Vinzenz. Ihr Buch gibt es für 8,99 Euro dort und im Handel.

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