Ansprechpartner für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind: Brigitte Fischer (l.) und Melanie Schmerbeck von der Caritas in Erding.
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Ansprechpartner für Menschen, die von Obdachlosigkeit bedroht sind: Brigitte Fischer (l.) und Melanie Schmerbeck von der Caritas in Erding.

Finanzielle und familiäre Belastungen führen immer mehr Menschen in die Obdachlosigkeit

Letzte Station Notunterkunft

Die Wohnungsnot im Landkreis sei katastrophal, sagt Brigitte Fischer von der Caritas. Die Pandemie habe die Situation noch verschärft.

Erding – Seit Jahren herrscht im Landkreis Erding Wohnungsnot. Zum Tag der Wohnungslosen am Samstag macht die Caritas bewusst darauf aufmerksam. „Viele glauben Wohnungslosigkeit ist ein Randthema“, sagt Brigitte Fischer. Die 41-jährige Sozialpädagogin hat seit Jahresbeginn die neue Stelle zur Vermeidung von Obdachlosigkeit inne: „Die Wohnungsnot im Landkreis ist katastrophal. Die Mietpreise sind stark gestiegen.“ Corona habe die Situation noch verschärft, ergänzt ihre Kollegin Melanie Schmerbeck (28).

Viele, die vor der Pandemie in der Therme, am Flughafen oder in der Gastronomie gearbeitet haben, hätten ihren Mini-Job verloren, andere hätten starke Einbußen durch die Kurzarbeit: „Der finanzielle Bedarf in den Familien ist kaum zu decken. Kommen unerwartete Ausgaben hinzu, dann wird oft mit der Miete jongliert.“ Die Schamgrenze werde überschritten, die Betroffenen würden sich zu spät Hilfe holen, erklärt Fischer das Dilemma.

Jede Woche melden sich bei der Caritas bis zu fünf Bürger, die von Obdachlosigkeit bedroht sind. Manche haben die Kündigung gerade im Briefkasten vorgefunden, andere stehen kurz vor einer Zwangsräumung. Je früher die Sozialarbeiter agieren können, desto höher ist die Chance, mit den Vermietern noch zu verhandeln, etwa wenn Mietschulden der Kündigungsgrund sind. „Unser Job ist die Vermeidung von Obdachlosigkeit“, sagt Fischer. Mit ihren Kollegen bewahrt sie jedes Jahr mehr als 25 Haushalte vor Zwangsräumungen, hilft bei behördlichen Anträgen und hört Betroffenen einfach nur zu.

Zu Beginn der Corona-Pandemie waren Zwangsräumungen ausgesetzt. Mittlerweile nicht mehr, weiß Schmerbeck. Das Schicksal einer jüngst verwitweten Frau mit drei schulpflichtigen Kindern, die übergangsweise in einer Pension lebte und dann in eine Notunterkunft ziehen musste, macht sie betroffen. „Eigenbedarfskündigungen nehmen zu“, sagt die Sozialpädagogin. Ein Grund: Mehr Studierende blieben am Wohnort und brauchten deshalb die elterliche Wohnung. Auch Trennungen im Familienkreis sind ein Auslöser.

„Bezahlbarer Wohnraum in Erding oder Dorfen ist kaum noch zu finden“, sagt Fischer. Wer ohnehin schon Schufa-Einträge habe oder auf Hartz IV angewiesen sei, bleibe auf der Strecke. Etliche Klienten, die Hilfe bei der Caritas suchen, leben auf engstem Raum in Notunterkünften. Die Gründe sind vielfältig. Fischer erzählt von alleinerziehenden Müttern, von psychisch Kranken oder Alkoholikern, und von älteren Menschen, bei denen die Rente nicht reiche: „Hochproblematisch ist dabei der Umgang mit den Benachteiligten“, sagt Fischer. Sie würden meist in Baracken untergebracht. „Das ist kein schönes Wohnen.“ Derzeit leben 37 Obdachlose in den Notunterkünften in Erding, teilt die Stadt auf Nachfrage mit. Hinzu kommen 28 Familien in Einfachstwohnungen an der Sportfeldstraße.

Schmerbeck hat Stimmen von Betroffenen gesammelt: „Ich bin super dankbar für die Unterstützung der Caritas. Ich bin froh, wenn ich hier wieder rauskomme, eine Arbeit finde und einen strukturierten Tagesablauf habe“, meint ein Klient. Eine Frau beschwert sich über die Zustände in der Notunterkunft. „Es wird versprochen, dass was gemacht wird, beispielsweise der Fußbodenbelag im Flur, und dann passiert nichts. Aber sonst… wir raufen uns hier zusammen, weil wir alle in der gleichen Notlage sind und unterstützen uns gegenseitig.“ Eine andere meint: „Mehr Raum zu haben, wäre besser. Und dass kein Müll rumliegt, weil wir alle für die Entsorgung zahlen müssen – egal, von wem es ist.“

Die Caritas wünscht sich eine therapeutische Betreuung in den Notunterkünften: „Das versuchen wir nebenbei abzudecken, können Therapien aber nicht anbieten. Viele, die da wohnen, müssen begleitet werden, damit sie überhaupt eine Chance haben, wieder eine Wohnung auf dem freien Markt zu finden“, sagt Fischer.

Um ihr Anliegen publik zu machen, ist die Caritas auch in den Sozialen Medien vertreten. Auf Facebook postet Schmerbeck Interviews mit Mitarbeitern. Fischer erklärt darin, warum es ihr wichtig ist, dass mehr Bürger sich für das Thema Wohnungslosigkeit interessieren: „Ich möchte, dass man die Betroffenen hört und sieht. Alle haben ein Recht auf eine Wohnung. Denn das ist ein Ort des Rückzugs, der Sicherheit. Ohne Wohnung verlieren die Menschen den Boden unter den Füßen.“ Ihre Motivation sind die Erfolge. „Das macht Mut.“

Michaele Heske

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