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Humorvolle Reiseerlebnisse aus erster Hand: Der weltmännische Erdinger Hermann Kraus (l.) unterhielt sein Publikum mit originellen und hintersinnigen Globetrottergeschichten.

Literatur im Stadtpark

Eine Reisetasche voller Geschichten

Hintersinnige und lustige Anekdoten bestimmten die kurzweilige Lesung „Über die Reiselust“ im Erdinger Stadtpark. Hermann Kraus lockte mit seinen Geschichten gut 160 Bürger unters Sonnensegel.

Erding – Die Kunst des Reisens, davon versteht der weltmännische Erdinger Hermann Kraus eine Menge. Viele Jahre lang organisierte der heute 73-Jährige über sein Modehaus Kunst- und Kulturreisen für Interessierte, war als umsichtiger Reiseleiter mit von der Partie und hat auch privat viel von der Welt gesehen. Hintersinnige Anekdoten und lustige Geschichten bestimmten seine kurzweilige Lesung „Über die Reiselust“ im Erdinger Stadtpark, gewürzt mit passenden Gedichten.

Zur Veranstaltung, die das Katholische Bildungswerk mit der Erdinger Stadtbücherei organisierte, kamen mehr als 160 Menschen. Auf dem Tisch hatte der Vortragende eine alte Reisetasche platziert, die schon so aussah, als sei sie vollgepackt mit spannenden Erzählungen. Und Kraus packte sie aus – mit feinem Humor und lockerem Kontakt zum Publikum.

Einige der Gäste dürften ehemalige Mitreisende gewesen sein. Da gab es Radlreisen an Flüssen entlang, die durch reizvolle Landschaften führten mit vergnüglichen Pausen und zünftigen Abenden. Es gab abenteuerliche Abstecher in nahe und ferne Länder sowie das ein oder andere Missgeschick. Als eine Gruppe Zugreisender auf dem Weg nach Prag in Pilsen einen Zwischenaufenthalt hatte und sich auf dem Bahnhof die Beine vertrat, war der Schreck groß, als sich die Eisenbahn plötzlich ohne Vorwarnung wieder in die Bewegung setzte. Die einen waren drinnen, die anderen draußen. Die letzte Person auf dem Bahnsteig sei kurzerhand in den Zug hineingezogen werden, um sie nicht zurückzulassen.

Was tun, wenn man nach Estland möchte und eine Mitreisende statt des nötigen Reisepasses nur einen Personalausweis dabei hat? Reiseleiter Kraus behielt gute Nerven, setzte sein Organisationstalent ein und schon gab’s eine Sondergenehmigung für einen Tag. Ein Reiseleiter kann aber auch an seine Grenzen geraten, wie ein Eugen-Roth-Gedicht verriet, das Kraus vortrug: „In stillem Beileid denken hier, der armen, braven Menschen wir, die, des Kulturtransports Begleiter, verpflichtet sind als Reiseleiter. Mitunter wechselt man sie aus: Wer schadhaft, kommt ins Irrenhaus.“

Kann eine herausgestreckte Zunge statt frechen Derbleckens auch freundliche Wertschätzung bedeuten? Selbstverständlich – wenn man sich in Tibet befindet, was Kraus mit weltmännischem Understatement erläuterte. Diese Geste sei dort sogar eine besonders persönliche Begrüßung.

Nach einer alten Sage habe der Teufel nämlich eine schwarze Zunge, eine rosa Zunge hingegen sei gänzlich unbedenklich. „Zeigen Sie Ihrem Nachbarn die Zunge. Dann weiß er, dass Sie gute Absichten haben“, forderte Kraus die Zuhörer auf. Gesagt, getan: Nix für ungut, Herr Nachbar und Frau Nachbarin!

Reisemitbringsel, unzählige Dias und meterlanges Filmmaterial zeugen von umtriebigen Globetrotter-Aktivitäten und kehren mit nach Hause zurück – nicht immer zur Freude der Daheimgebliebenen. Übernächtigte Gäste, die verstohlen auf die üppig gefüllten Magazine des Diaprojektors linsen, sich mühsam ihrer Gähnattacken erwehren, gar mit dem Schlaf kämpfen: Kraus hat einen solch zähen Vorführabend erlebt, eine Erfahrung, die er mit vielen teilt, wie die amüsierten Reaktionen der Zuhörer vermuten ließen.

Inzwischen ist der Vielgereiste reisemüde geworden, wie er am Ende seiner Ausführungen bekannte. Er leide an „Travel Burnout“. Sein Rezept dagegen: Mit dem Motorrad durch die Heimat streifen. „Das bläst die Seele frei.“ Diesen Effekt hatte auch sein unterhaltsamer und authentischer Vortrag, der die Zuhörenden dazu einlud, mit Kraus gedanklich unterwegs zu sein, um letztlich wieder im Stadtpark zu landen.

Die nächste Lesung

in der Veranstaltungsreihe findet am Mittwoch, 6. September statt. Paul Hilger liest um 15.30 Uhr „Bayrisches von Harald Grill“ im Stadtpark beim Sonnensegel.

Vroni Vogel

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